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Politik "Das ist ein schöner Tag für protestantische Frauen"
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22:43 28.10.2009
Blumen nach der Wahl: Margot Käßmann ist neue EKD-Ratsvorsitzende.
Blumen nach der Wahl: Margot Käßmann ist neue EKD-Ratsvorsitzende. Quelle: ddp
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Frau Landesbischöfin Käßmann. Sie sind als EKD-Ratsvorsitzende jetzt Deutschlands erste Protestantin: Wann kommt der Papst nach Hannover?
Warum sollte der Papst jetzt nach Hannover kommen? Aber ich habe mich sehr darüber gefreut, dass die katholische Deutsche Bischofskonferenz einen sehr warmherzigen Glückwunsch geschickt hat und der Rottenburg-Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst sogar persönlich nach Ulm gekommen ist, um mir zur Wahl zu gratulieren.

In der 64-jährigen Geschichte der EKD sind Sie die erste Frau an der Spitze. Hat das noch eine Signalwirkung?
Wir sagen in der evangelischen Kirche seit Jahrzehnten, dass bei uns eine Frau jedes Amt übernehmen kann. Nun ist das auch bei der EKD eingetreten. Im übrigen ist heute auch Angela Merkel als Bundeskanzlerin wiedergewählt worden. Das scheint mir ein schöner Zufall: Ein guter Tag für protestantische Frauen in Deutschland.

Manche unken, die Wahl einer Frau an die Spitze der EKD verschlechtere das Verhältnis zu den Katholiken?
Das glaube ich nicht.Ich bin ja schon seit zehn Jahren Bischöfin in Hannover und pflege ein herzliches Verhältnis zu den katholischen Bischöfen Franz Bode und Norbert Trelle. Es gibt einen großen gegenseitigen Respekt - auch wenn die evangelischen Ämter von katholischer Seite auch bei den Männern nicht anerkannt werden. Aber evangelisch und katholisch ist, bei allen ökumenischen Bestrebungen, eben nicht dasselbe. Es gibt Unterschiede, die will ich nicht kleinmachen. Bei uns gibt es zum Beipiel den Unterschied, dass Geistliche und Laien gemeinsam die Kirche leiten. Insofern ist der Rat der EKD, in dem auch Laien sitzen, ist keine Bischofskonferenz.

Im Jahr 2017 werden 500 Jahre Reformation und der Reformator Martin Luther groß gefeiert. Ist es denkbar, dass Sie hierzu den Papst einladen?
Ja, das ist denkbar. Warum nicht den Papst einladen, schließlich fängt die Geschichte unserer Kirche nicht erst 1517 mit dem Thesenanschlag Martin Luthers an, sondern haben wir auch eine große gemeinsame Geschichte mit der katholischen Kirche.

Was wollen Sie anders machen als ihr Vorgänger Wolfgang Huber?
Ich habe höchsten Respekt vor dem Amt und davor, wie mein Vorgänger dieses Amt wahrgenommen hat. Ich kenne Wolfgang Huber seit 1981 und habe mit ihm kaum kirchenpolitische Kontroversen gehabt. Aber natürlich gibt es Unterschiede in der Person. Huber ist ein Professor, glanzvoll in der theologischen Lehre. Ich war lange Zeit Gemeindepfarrerin. Da bringt jeder seine Prägung mit.

Huber hat in der Evangelischen Kirche einen Reformprozess angestoßen, der die Protestanten dazu bringt, stärker über ihr eigenes Profil, ihre eigene Leistung nachzudenken. Werden Sie diesen Prozess, an dem es innerkirchlich auch Kritik gibt, fortsetzen?
Wir werden überlegen, wie wir die Gemeinden ermutigen können, einen solchen Prozess nicht als Druck oder Last zu empfinden. Auch Mitgliederschwund und geringer werdende finanzielle Mittel sollten uns nicht lähmen.

Die EKD-Ratsvorsitzende ist auch Ansprechpartnerin für die Politik und ihr Gegenüber. Was erwarten Sie von der neuen schwarz-gelben Bundesregierung?
Wir Kirchen machen keine Parteipolitik, aber mischen uns in politisch-soziale Fragen ein, etwa wenn es um die Würde des Lebens und des Sterben geht, aber auch um die Lage in Pflegestationen und die Behandlung der Alten. Ein Punkt, der mir auf den Nägeln brennt, ist die Frage der Entlohnung im Pflegebereich. Da wird es Gespräche geben. Ein anderer ist die Kinderarmut. Es bleibt ein Skandal, dass jedes sechste Kind in Deutschland in Armut lebt. In der hannoverschen Landeskirche haben wir ein Projekt angestoßen, das sicherstellt, dass Kinder wenigstens eine warme Mahlzeit am Tag erhalten. Aber eigentlich ist das Aufgabe des Staates.

Werden Sie als EKD-Ratsvorsitzende eigentlich noch genug Zeit für die große hannoversche Kirche haben?
Aber ja. Ich werde alles tun, damit ich in Hannover so präsent wie möglich bleibe. Ich habe nicht vor, wegen des Ehrenamtes bei der EKD in Hannover die Leitung abzugeben.

Interview: Michael B. Berger

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