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Politik Christine Lagarde wird IWF-Chefin
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19:41 28.06.2011
Foto: Christine Lagarde wird IWF-Chefin.
Christine Lagarde wird IWF-Chefin. Quelle: dpa
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Vielen war es seit Wochen klar. Aber nachdem der aufstrebende Gigant China und dann auch noch das Schwergewicht USA öffentlich den Daumen gehoben hatten, gab es praktisch keinen Zweifel mehr: Erstmals steht eine Frau an der Spitze des Internationalen Währungsfonds. Wenn Christine Lagarde von Paris nach Washington ins IWF-Hauptquartier umzieht, nur einen Häuserblock vom Weißen Haus entfernt, wartet mitten im griechischen Schuldendrama jede Menge Arbeit auf die bisherige Finanzministerin. Doch die Frau mit dem Silberhaar kommt vorbereitet. Einen Schlachtplan hat sie schon parat.

Lagarde übernimmt die Führung der globalen Finanzfeuerwehr in Zeiten tektonischer Verschiebungen im Gefüge der Weltwirtschaft: Aufstrebende Nationen wie China, Indien oder Brasilien pochen auf mehr Mitsprache. Erst im März war eine Stimmrechtsreform beim IWF in Kraft getreten, die Schwellen- und Entwicklungsländern mehr Macht einräumt. Viel Zeit und Gespräche hatte die Französin während ihrer Werbetour in eigener Sache rund um den Globus aufgewendet, um die Wirtschaftsgiganten von morgen für sich einzunehmen. In Neu Delhi erklärte sie gar, so stark werde sie sich für Schwellenländer einsetzen, dass „ein kleiner Teil von mir indisch werden wird“.

Als sie vor wenigen Tagen dann beim IWF-Verwaltungsrat selbst vorsprach, unterstrich die 55-Jährige: Sie bekenne sich dazu, die Machtgewichte „fortwährend“ den weltwirtschaftlichen Verhältnissen anzupassen. Zudem machte Lagarde vor den Exekutivdirektoren klar, dass sie mit der jahrzehntealten Tradition, nach der die IWF-Spitze in europäischer, die der Weltbank in US-Hand ist, aufräumen wolle. Die Auswahl des Geschäftsführenden Direktors des Weltwährungsfonds „muss ungeachtet der Nationalität stattfinden“ - Balsam für die Seele der Aufsteigernationen in Asien und Lateinamerika.

Denn Lagarde musste auch Zweifel zerstreuen, als Europäerin werde sie sich angesichts der Dauerkrise um Griechenland und andere Länder der Peripherie vor allem um deren Schicksal kümmern. „Ich werde mir die nötige Offenheit und Härte in meinen Gesprächen mit europäischen Führern nicht verkneifen, im Gegenteil“, erklärte sie. „Für Gutmütigkeit gibt es keinen Spielraum, wenn harte Entscheidungen anstehen.“ Beispiel: Notwendige „Anpassungen“ Griechenlands, wenn es darum geht, die maroden Staatsfinanzen in Ordnung und das Krisenland wieder auf den Pfad der Wettbewerbsfähigkeit zu bringen.

Dass dem Fonds als Krisenhelfer für Staaten in Finanznöten auf absehbare Zeit die Arbeit ausgehen könnte, glaubt niemand. Die Liste der Probleme ist weiter lang: Eine höchst unausgewogene Erholung der Weltwirtschaft nach der Großen Rezession, weiterhin bestehende Ungleichgewichte, Überhitzungstendenzen in Schwellenländern, hohe Arbeitslosigkeit in den reichen Staaten, steigende Inflation. Da will Lagarde den Fonds an vorderster Front sehen, wie schon ihr Vorgänger Strauss-Kahn, der, wie viele Experten einräumen, die Institution kräftig aufmöbelte, ihr Profil klar schärfte.

Dort will Lagarde weitermachen. „Härte, effektivere, konsistentere Überwachung und bessere Krisenprävention zusammen mit maßgeschneiderten Beratungsleistungen“ heißt ihr Konzept, wie der auch Fonds seine Bedeutung sichern soll, nachdem er vor der großen Krise beinahe in die Bedeutungslosigkeit abgedriftet war. So soll der Weltwährungsfonds noch stärker als bisher ein Auge auf den so wichtigen Finanzsektor haben, wünscht sich die Französin.

Und dann ist da noch die Mission nach innen, die Seelenpflege des IWF, dessen Belegschaft nach dem Skandal um Dominique Strauss-Kahn wochenlang unter Schock stand, wie zu hören ist. Von „offenen Wunden“ spricht Lagarde, von „Heilungsprozess“. Aber die Französin weiß auch, dass es mit manchem im Innenleben des Fonds generell nicht zum Besten stand. Für Vielfältigkeit werde sie eintreten - mit Blick auf Geschlecht, akademische Weihen und geografische Herkunft: „Inzucht führt zu Gruppendenken. Silo-Mentalität führt zu Minderleistung.“

Dass Lagarde durchaus den frischen Wind mitbringen kann, den sie dem Exekutivrat versprochen hat, konnten Journalisten bei der jüngsten Tagung von IWF und Weltbank im April schon einmal kosten:
Als die Französin als Vorsitzende der G20-Runde der Finanzminister und Notenbankchefs gebräunt mit perfektem Silberhaar, gewinnend lächelnd und mit jungem Schwung vor die Presse trat, ging unüberhörbar ein Raunen durch die Reihen der Reporter.

dpa