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00:45 04.06.2009
"Ich weiß, dass ich ein kleiner Träumer bin": Arbeiterführer Han Dongfang. Quelle: afp

Die Touristen kommen kurz vor Sonnenaufgang. Mit einheitlichen Schirmmützen steigen sie aus ihren Bussen und folgen den Fähnchen der Reiseleiter, die per Megaphon lustlos Erklärungen herunterleiern: 40 Hektar, größter gepflasterter Platz der Welt. Hier das Denkmal der Revolutionshelden, dort das Mausoleum des Vorsitzenden Mao. Im Westen die Große Halle des Volkes, im Norden das Tor des Himmlischen Friedens. Dann erschallt Musik, tausende Besucher drängen sich um den Flaggenmast, an dem Soldaten in Paradeuniformen mit zackigen Bewegungen eine rote Fahne befestigen und zum Klang der Nationalhymne in die Höhe ziehen. „Steht auf, seid kein Volk von Sklaven mehr“, singen einige mit.

Am Ende wird applaudiert, manche reiben sich verstohlen die Augen trocken. „Jeder Chinese träumt davon, einmal im Leben in Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens zu stehen und unsere rote?Flagge aufsteigen zu sehen“, sagt eine pensionierte Lehrerin aus Shaanxi. „Dieser Ort ist das Herz unseres Landes.“

Wohl kaum einer der chinesischen Touristen, die sich an diesem Morgen zum Flaggenritual versammelt haben, denkt an die Tragödie, die sich vor 20 Jahren auf diesem Platz abspielte. Viele der Jüngeren dürften noch nie in ihrem Leben von dem sogenannten „6-4-Ereignis“ gehört haben. Die Älteren haben es zumeist vergessen oder verdrängt. Denn dass in der Nacht zum 4. Juni 1989 die Volksbefreiungsarmee in der Hauptstadt aufmarschierte und rund 3000 Studenten tötete, die wochenlang friedlich für mehr politische Mitbestimmung demonstriert hatten, ist bis heute Chinas bestgehütetes Geheimnis.

Seit 20 Jahren tut der Zensurapparat der Kommunistischen Partei alles, um die öffentliche Erinnerung daran auszulöschen. Keine Zeitung darf darüber berichten, kein Historiker dazu forschen, keine Bibliothek die ausländischen Magazine von damals archivieren. Wer das Thema in der Öffentlichkeit anspricht, riskiert harte Strafen – wegen des Verrats von Staatsgeheimnissen.

Doch Geschichtsklitterung ist auch nicht mehr, was sie einmal war. In früheren Jahrhunderten konnten Chinas Kaiser noch nach Belieben die Historien ihrer eigenen Herrschaft redigieren, heute spielt die Unterdrückungsmaschinerie der KP nur auf Zeit. Die eigenen Medien mag sie in der Hand haben, im chinesischen Internet aber lassen sich die Informationen trotz aller hochgerüsteten Zensurmechanismen längst nicht mehr vollständig unterdrücken. Fernhalten aber lassen sich die Kritiker. Vor allem die, die inzwischen im Ausland leben.

Wu’er Kaixi zum Beispiel, früherer Studentenführer, wurde am Mittwoch auf dem internationalen Flughafen der südchinesischen Sonderverwaltungszone Macau festgehalten. Wu’er, der nach 1989 auf Platz zwei der chinesischen Fahndungsliste führender Regimegegner stand, wollte sich eigenen Angaben aus Taipei kommend den chinesischen Behörden stellen, um seine Eltern auf dem Festland wieder besuchen zu können.

Er lebt seit Jahren in Taiwan, seine Eltern erhielten jedoch nie eine Ausreisegenehmigung. Die Grenzbehörden hätten ihn aufgefordert, wieder zurückzufliegen, sagte Wu’er gestern. Dies lehne er ab: „Sie können mich verhaften, aber ich lasse mich nicht abschieben.“

Wenn schon so viele Zeugen nicht zu Wort kommen – über Blogs und geschmuggelte Bücher sickert die Erinnerung doch nach China zurück. Auch wenn die Massen davon nichts mitbekommen, das Thema wird bei Studenten, Intellektuellen und kritischen Geistern so heimlich wie heiß diskutiert.

„Dass die Partei das Tiananmen-Ereignis bis heute so konsequent tabuisiert, macht es erst richtig spannend“, sagt ein einflussreicher chinesischer Blogger, der sich als bissiger Kommentator des Zeitgeschehens einen Namen gemacht hat, über das Massaker aber nur im Vertrauen redet. Über die Gräuel der Kulturrevolution, die Hungersnot des Großen Sprungs und Maos Vielweiberei dürfe man heute relativ offen reden, nicht jedoch über den 4. Juni. „Das kann doch nur eines bedeuten“, schließt er: „Beim Thema Tiananmen kann man die allerschmutzigsten Geheimnisse der Kommunistischen Partei finden.“

Was zu Chinas schmutzigstem Geheimnis wurde, begann als offenes Geheimnis. „Mitte der achtziger Jahre gab es in der Partei eine große Debatte darüber, ob China nach den Wirtschaftsreformen auch eine politische Neuerung wagen solle“, erzählt Wu’er Kaixi. Vor 20 Jahren war der heute 41-Jährige einer der Anführer der Studentenproteste. Im taiwanischen Exilarbeitet er heute als Investmentbanker. „Der Richtungskampf wurde nicht offen ausgetragen, aber jeder wusste davon. Wenn man in einer Diktatur lebt, lernt man schließlich, zwischen den Zeilen zu lesen.“

Als Kopf des Reformerflügels galt Hu Yaobang, dessen Tod am 15. April 1989 zum Auslöser der Studentenbewegung wurde. „Schon wenige Stunden, nachdem die Meldung von Hus Tod verbreitet worden war, gab es auf dem Campus die ersten Plakate“, erinnert sich Wu’er. Einige trugen die Aufschrift „Der Falsche ist gestorben“. Die Studenten hätten lieber Deng Xiaoping im Grab gesehen, der zwar wirtschaftlich liberalen Ideen zugeneigt war, politisch aber fest an militärische Strukturen glaubte.

Die Campuskundgebungen wuchsen sich schnell zu Protestzügen aus. Als Hu eine Woche nach seinem Tod beerdigt wurde, setzten sich über 100.000 Studenten zu einer Mahnwache auf den Tiananmen-Platz – und entschieden, dort zu bleiben, bis die Regierung zu einen Dialog bereit sei. „Unsere Forderungen waren keineswegs radikal“, sagt Wu’er. „Wir wollten weder die Kommunistische Partei stürzen noch ein Mehrparteiensystem einführen, sondern einfach nur mit der Führung darüber reden, was aus unserem Leben und unserem Land einmal werden würde.“

Die Parteiführung reagierte mit einer Mischung aus Schock und Wut: Der Unmut des Volkes traf sie unvorbereitet und weckte bei den Konservativen um Deng und Premier Li Peng Erinnerungen an die Anarchie der Kulturrevolution, als das Land nur noch von Maos Charisma zusammengehalten wurde.

Als sich die Studenten nach einem Monat noch immer nicht zum Rückzug bewegen ließen, befahl Deng aus Angst vor landesweiten Unruhen, einen Militäreinsatz vorzubereiten. Offenen Widerspruch gegen den Armeeaufmarsch wagte nur einer: Parteichef Zhao Ziyang, der die Studenten mit Zugeständnissen und einem offiziellen Dank für ihr politisches Engagement an die Universitäten zurückloben wollte. Für seinen Ungehorsam musste Zhao den Rest seines Lebens unter Hausarrest verbringen. Die Erwähnung seines Namens ist bis heute fast ebenso ein Tabuthema wie das Massaker selbst.

„Im Nachhinein kann einem unsere Aktion natürlich ziemlich naiv vorkommen“, sagt Han Dongfang. „Gewalt ist in China schließlich immer das Gesetz gewesen.“ Der heute 46-Jährige war als Arbeiterführer zu den Studenten gestoßen und hatte die „Unabhängige Pekinger Arbeiterunion“ gegründet, Chinas erste freie Gewerkschaft. Seine Anhänger sahen in ihm damals einen chinesischen Lech Walesa, was Han nach der Niederschlagung der Proteste zusammen mit den Studentenführern auf die Liste der 20 am dringendsten gesuchten Kriminellen brachte.

Han stellte sich freiwillig, „der Würde wegen“, wie er sagt. Ohne Gerichtsverfahren wurde er ins Arbeitslager geschickt, wo er eine Lungenentzündung bekam, die ihn einen Lungenflügel und fast das Leben kostete. 1992 durfte Han auf internationalen Druck zur Behandlung ausreisen. Als er ein Jahr später wieder zurückwollte, wurde er an der Grenze abgewiesen. Seitdem lebt er in Hongkong.

„Ich glaube, dass die Partei damals eine historische Chance verspielt hat, sich für den Rechtsstaat und die Zivilgesellschaft zu öffnen“, sagt Han. „Chinas größte Probleme, etwa die Korruption oder die Ausbeutung von Arbeitern, hätten sich damals noch viel leichter in den Griff bekommen lassen als heute.“

Han ist einer der wenigen 89-er Aktivisten, die den Kampf um Veränderungen als lebenslange Aufgabe angenommen haben. Von seinem schmucklosen Büro in einem grauen Hongkonger Mietshaus aus führt er die Arbeiterrechtsorganisation „China Labour Bulletin“. An der Wand hängt das Foto von einer weißen Mao-Büste in einer verwucherten Landschaft. Wo das Bild herkommt, weiß Han nicht mehr, aber ein politisches Statement sei das abgeschlagene Haupt auf keinen Fall, sagt er. Rebellionssymbole seien nicht mehr sein Stil.

„Abstrakte Debatten nützen nichts“, sagt er. Stattdessen hilft er Arbeitern in China, ihre gesetzlich festgeschriebenen Rechte auch einzufordern. Han finanziert Anwälte oder verschafft ihren Beschwerden in seinem wöchentlichen Programm auf dem US-Kurzwellensender „Radio Free Asia“ Gehör, der über die Grenze nach China ausstrahlt. „Wer sein Recht bekommen will, darf nicht auf die Partei oder das System schimpfen, sondern muss sie für seine Zwecke zu nutzen lernen“, sagt Han über den Äther.

Dann beginnt er zu erklären, was im chinesischen Arbeitsrecht steht und wie ein Gerichtsverfahren funktioniert. Wörter wie „Demokratie“ oder?„Menschenrechte“ vermeidet er. „Die Partei soll sehen, dass sie keine Angst vor mir haben muss, sondern dass ich ihre Bemühungen um mehr Stabilität unterstütze“, sagt Han. Aber er sagt auch: „Ich weiß, dass ich ein kleiner Träumer bin.“

Träume hat auch Ding Zilin. Albträume. „Jedes Jahr um den vierten Juni kommen sie wieder“, sagt die 73-Jährige. Man sieht ihr an, dass sie lange nicht mehr gut geschlafen hat. Die ehemalige Professorin hat damals, im Sommer 1989, ihren Sohn Jiang Jielian verloren. Heute kämpft die Gründerin der Opferorganisation „Tiananmen-Mütter“ für eine offizielle Entschuldigung der Regierung. Seit 1995 schreibt sie zweimal im Jahr an die Führung. Ihr erster Brief hatte 27 Unterzeichnerinnen; inzwischen sind es 129.

Eigentlich hatte sie es zum 20. Jahrestag auf 200 Namen bringen wollen, doch die Zahl derer, die bereit sind, sich um der Toten Willen auf einen Dauerkonflikt mit der Regierung einzulassen, ist geringer, als sie gedacht hat. „Früher habe ich immer geglaubt, dass die Partei sich eines Tages zu ihrem Fehler bekennen würde“, sagt Ding. „Aber die Führung hat sich all die Jahre keinen Millimeter bewegt. Ich glaube nicht mehr, dass ich den Tag miterleben werde, an dem in China offen über den 4. Juni gesprochen werden kann.“

Ihr Kampf hat die alte Dame immer tiefer in die gesellschaftliche Isolation geführt. Sogar Nachbarn und ehemalige Kollegen haben sich von Ding distanziert. „Sie wechseln die Straßenseite, wenn sie mich sehen“, sagt sie. Seit Mittwochmorgen stehen Ding Zilin und Ihr Mann unter Hausarrest.

Anerkennung kommt nur aus dem Ausland. Schon mehrfach wurden die Tiananmen-Mütter für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. In einer Ecke von Dings Wohnzimmer h hängt ein gerahmtes Foto ihres Sohnes, das ihn 1989 mit einer Fahne an der Spitze eines Protestmarsches zeigt. Davor stehen Blumensträuße. Auf einem Regal liegt ein Stück der Berliner Mauer.

Ein Bekannter hat es ihr aus einem Souvenirladen am Brandenburger Tor mitgebracht. Ding sieht darin eine bittere Symbolik: 1989 war weltweit das Schicksalsjahr der kommunistischen Regime. China tut so, als sei dieses Jahr ausgefallen.

von Bernhard Bartsch

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