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21:46 06.07.2009
Die Ausschreitungen gelten als die schwersten seit der Niederschlagung der Demokratiebewegung in Peking. Quelle: Peter Parks/AFP
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Irgendwann in der Nacht zum Montag explodiert die Gewalt in den Straßen von Urumqi. Autos und Busse brennen, Ambulanzen bringen Hunderte Verletzte in die Krankenhäuser der nordwestchinesischen Provinz Xinjiang. Als die Sonne über der Provinzhauptstadt im äußersten Westen des Riesenreiches aufgeht, ziehen die Behörden eine blutige Bilanz: Etwa 156 Menschen sind tot, rund 800 verletzt. In Urumqi lieferten sich Demonstranten regelrechte Straßenschlachten mit chinesischen Sicherheitskräften. „Wir haben hier praktisch Kriegsrecht“, beklagt Yang Jin, ein Geschäftsmann aus Urumqi.

China, das wird am Montag klar, hat ein neues Tibet. Die Volksgruppe der Uiguren, ein islamisches Turkvolk, begehrt auf gegen Hegemonie und Unterdrückung durch die Chinesen. Es handelte sich um die schwersten Unruhen in China seit den blutigen Zusammenstößen zwischen tibetischen Demonstranten und chinesischer Polizei in Lhasa im März vergangenen Jahres. Aller staatstragenden, egalitären Rhetorik zum Trotz pflegt Peking gegenüber Minderheiten einen imperialen Stil – und sorgt so immer wieder für Unruhen an der Peripherie des Landes.

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Bis zu 3000 Demonstranten sind nach Angaben von Exil-Uiguren am Sonntag auf der Straße gewesen. Offiziellen Angaben zufolge waren es nur zwischen 300 und 500. Wie es dann aber mehr als 900 Tote und Verletzte gegeben haben kann, das bleibt vorerst das Geheimnis der chinesischen Regierung. Zuverlässige Berichte gibt es bislang kaum. Selbst über den Anlass zur Gewalt gibt es keine Klarheit. Möglicherweise eskalierte ein Vorfall, der schon Wochen zurückliegt: Die Demonstranten forderten am Sonntag zunächst die Aufklärung des Todes von zwei uigurischen Arbeitern einer Spielzeugfabrik in Südchina im Juni, denen man die Vergewaltigung von zwei Chinesinnen vorgeworfen hatte.

Offenbar schlug der Protest in Gewalt um, als sich die Teilnehmer weigerten, die Demonstration zu beenden. Die Zahlen aus den Kliniken belegen, dass offenbar vielfach Han-Chinesen Zielscheibe der Gewalt wurden. In ein Krankenhaus von Urumqi wurden nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Xiinhua 291 verletzte Han-Chinesen gebracht, von denen später 17 starben. „Ich sah, wie Han-Chinesen niedergestochen wurden“, sagte später ein Augenzeuge am Telefon. Nach Angaben chinesischer Behörden wurden 260 Autos zerstört und 203 Häuser verwüstet. Außerdem wurden zahllose Busse niedergebrannt. Polizei und Armee zogen auf; die Gewalt ebbte danach ab. „Überall sind Soldaten, Polizisten sind an jeder Ecke“, sagte ein US-amerikanischer Student, der sich gerade in Urumqi aufhielt. Auch in der alten Karawanenstadt Kashgar unweit der pakistanischen Grenze demonstrierten Uiguren. Rund 300 Menschen zogen vor die Moschee, Polizei zog auf. Man habe sich angeschrien, aber es habe keine Zusammenstöße zwischen beiden Seiten gegeben, sagte ein Augenzeuge.

Xinjiang gehört zu Chinas heikelsten Problemzonen. Die Uiguren fühlen sich in ihrem Heimatland von den Han-Chinesen, die gut 90 Prozent der Bevölkerung in der Volksrepublik stellen, an den Rand gedrängt und sehen ihre Lebensart durch die chinesische Herrschaft bedroht. „Die chinesische KP versucht, unsere Kultur zu zerstören“, so beschreibt es Ribeya Kadeer, die Vorsitzende der „Uighur-American Association“ in Washington. Die Regierung in Peking hingegen hielt Kadeer vor, die Unruhen via Internet geschürt zu haben. Sie sei die Strippenzieherin und die Hauptverantwortliche für die Gewalt, behauptete Nur Bekri, der Gouverneur Xinjiangs.

Die Unruhen seien ein „lange im Voraus geplantes Gewaltverbrechen, gelenkt aus dem Ausland und in die Tat umgesetzt von Verbrechern in China“. Kadeers Organisation weist das zurück. „Die chinesische Regierung schiebt alle ihre Probleme in Xinjiang auf Kadeer“, erklärt Alim Seytoff, Vizevorsitzender der Gruppe. „Wir sind sehr traurig darüber, dass die chinesischen Sicherheitskräfte so gewaltsam auf die friedlichen Demonstrationen reagiert haben“, sagt der Funktionär.

Die eigentliche Ursache für den Konflikt in Xinjiang sitzt aber tiefer. Die Bevölkerung der Provinz bestand noch vor wenigen Jahrzehnten fast vollständig aus Uiguren, Kasachen und anderen, vornehmlich muslimischen Ethnien. Heute sind die Bewohner Xinjiangs zu mehr als 40 Prozent Han-Chinesen, die Tendenz ist steigend. Es gibt ein erhebliches Einkommensgefälle zwischen Han-Chinesen und allen anderen in Xinjiang. Zwar weist die Regierung in Peking immer wieder darauf, dass sie überhaupt erst für wirtschaftliche Prosperität in der entlegenen Provinz gesorgt habe – wie in Tibet. Aber den Uiguren wird genauso wie den Tibetern aus Peking klargemacht: Wer Aufstiegschancen will, hat sich der han-chinesischen Kultur in Sprache, Bildung und Verhalten anzupassen und unterzuordnen.

von Justus Krüger