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Politik China plant die grüne Revolution
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23:51 24.07.2009
Luftverschmutzung in China: Jetzt soll Abhilfe geschaffen werden. Quelle: Peter Parks/afp
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Es gibt sie schon, die „Stadt der Sonnenanbeter“. Gute 300 Kilometer südlich von Peking, in der Provinz Shandong, liegt Dezhou, mit einer Million Einwohner nach chinesischen Maßstäben eher ein Städtchen als eine Stadt. Hier leben die Sonnenanbeter, die Greenpeace China auf seiner Website so poetisch hochleben lässt. Und sie leben nicht schlecht.

Auf jedem neuen Haus blinken Solarzellen im Sonnenlicht. Ohne Solartechnik wird der Neubau, ob Wohnhaus, Geschäftsgebäude, Krankenhaus oder Hallenschwimmbad, von der städtischen Baubehörde nicht abgenommen. Jede Straßenlaterne leuchtet dank Sonnenenergie. Und auf den Dächern auch der alten Häuser stehen Wassertanks mit Sonnenkollektoren, die die Bewohner mit heißem Wasser versorgen.

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Dies ist die Stadt, in der die Firma Himin Solar Energy Group, Chinas größter Hersteller von Dachsolaranlagen, beheimatet ist. Mit tatkräftiger Unterstützung der lokalen Politik macht er hier seine größten Geschäfte. Das Zentrum von „Chinas Solar Valley“, wie es Himin-Gründer Huang Ming in Anspielung auf das kalifornische Silicon Valley einmal selbstbewusst formuliert hat.

Dezhou ist aber auch so etwas wie der Prototyp für Chinas grüne Revolution. Jetzt ist diese Revolution offizielles Regierungsprogramm.

In Sachen Modernisierung ist China eigentlich immer noch Nachzügler – doch bei den Technologien der Zukunft will die Volksrepublik gleich vorne mitspielen. Besonders bei erneuerbaren Energien: Mit einer Subventionsoffensive will Peking das Land innerhalb kurzer Zeit zur weltweit treibenden Kraft beim Bau von Solaranlagen machen. Zehn Milliarden Dollar will die Volksrepublik in die Förderung der Sonnenkraft investieren.

Wer im kommenden Jahr eine Solaranlage mit einer Spitzenleistung von mindestens 300 Kilowatt errichtet, kann dann die Hälfte der Kosten dem Finanzministerium in Rechnung stellen. Für unabhängige Photovoltaik-Anlagen in entlegenen Regionen mit bisher schlechter Energieversorgung will der Staat sogar 70 Prozent der Baukosten übernehmen.

Dank solcher Anreize, glaubt man in Peking, werden in den kommenden zwei bis drei Jahren mindestens sieben Milliarden Dollar an privatem Kapital in den Solarsektor investiert werden. Bereits im März hatte das Finanzministerium ein Förderprogramm für Solaranlagen an Gebäuden angekündigt. Bis 2020 will China mindestens 20 Gigawatt aus Sonnenenergie gewinnen, fast 200-mal so viel wie heute.

Mit einer einzigen Klappe will die Regierung mindestens drei Fliegen schlagen: Sie hilft der einheimischen Industrie durch die Wirtschaftskrise, erschließt ihren Unternehmen Weltmarktchancen in einer künftigen Schlüsselindustrie und unterstreicht ihr Engagement für den Klimaschutz.

Das nun verkündete Solarprogramm ist Teil der konzentriertesten ökologischen Initiative, die je ein Land in Angriff genommen hat. Ende Mai hatte die Regierung schon angekündigt, mehr als 300 Milliarden Euro für erneuerbare Energien ausgeben zu wollen. Noch stärker als der Sonnenstrom soll die Windkraft ausgebaut werden, von derzeit zwölf Gigawatt auf 100 Gigawatt im Jahr 2020 – das entspricht in etwa der installierten Leistung von 80 Atomkraftwerken. Bisher bezieht China, der zweitgrößte Energieverbraucher der Welt, noch rund 70 Prozent seiner Energie aus Kohle.

Der Solartech-Branche eröffnet die Subventionsinitiative nicht nur eine gewaltige Wachstumschance mitten in der Krise, sondern auch einen völlig neuen Markt. China ist schon seit Jahren der weltweit größte Hersteller von Solaranlagen, doch bisher wurden 98 Prozent der Produkte exportiert, davon große Teile nach Spanien und Deutschland. In den vergangenen Monaten war die Nachfrage allerdings dramatisch eingebrochen, weil Investitionsprojekte weltweit auf Eis gelegt und die staatliche Unterstützung von Solaranlagen in vielen Ländern zurückgeschraubt wurde.

Deshalb will China nun selbst Nachfrage schaffen. Chinesische Experten gehen davon aus, dass jedes installierte Megawatt Solarstrom 32 Arbeitsplätze schafft – gegenüber nur einem Job beim Ausbau der Kapazität von Kohlekraftwerken. Allein Chinas größter Solarzellenhersteller Suntech gibt an, sich in seiner Heimat Aufträge für Anlagen mit einer Gesamtkapazität von 1,8 Gigawatt gesichert zu haben.

Doch es geht nicht nur um Jobs, sondern auch um Patente. Und darauf schauen die europäischen und amerikanischen Konkurrenten mit Argusaugen. China will technologisch selbstständig werden, nicht weiter auf ausländische Kooperationen oder Lizenzen angewiesen sein.

Seit Peking erneuerbare Energien zur nationalen Schwerpunktindustrie erklärt hat, sind an Universitäten und Forschungsinstituten Tausende Wissenschaftler mit der Entwicklung von Solaranlagen beschäftigt. Damit sich daraus eine international wettbewerbsfähige Industrie entwickeln kann, brauchen die Ingenieure allerdings eigene Solarkraftanlagen, bei deren Entwurf, Bau und Betrieb sie Erfahrungen sammeln können. Deshalb sollen Unternehmen ermutigt werden, mit Solarkraft einen Teil ihres eigenen Energiebedarfs zu decken. Die Netzwerkbetreiber sind verpflichtet, überschüssigen Strom zu kaufen.

Sollten in den kommenden Jahren tatsächlich Dutzende oder gar Hunderte Sonnenkraftwerke entstehen, hätte die chinesische Industrie eine reelle Chance, sich eine internationale Spitzenposition zu erkämpfen. Dass die Konkurrenz derzeit noch tief in der Krise steckt, kommt den Chinesen dabei äußerst gelegen.

Schon jetzt hat die westliche Solarindustrie Schwierigkeiten, mit den Produktionskosten mitzuhalten. Eine Studie des Marktforschungsinstituts Photon Consulting kam zu dem Ergebnis, dass die Fertigung von Solarmodulen in deutschen Firmen doppelt so viel koste wie beim chinesischen Suntech.

Nicht zuletzt dient das Solarprogramm als Vorzeigeprojekt für Chinas Klimaschutzbemühungen – und sorgt damit auch für internationale Pluspunkte. Bei den kommenden Verhandlungen über die Reduktion von Treibhausgasen spielt die Volksrepublik eine Schlüsselrolle. „Ohne China wird es dieses Jahr keinen Erfolg für einen neuen globalen Klimarahmenvertrag geben“, sagte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon am Freitag beim Besuch in Peking. „Aber mit China gibt es ein enormes Potenzial, dass die Welt in Kopenhagen ein Abkommen schließt.“

Jonathan Lash, Präsident der US-Umweltorganisation World Resources Institute, hat der Volksrepublik kürzlich schon gute Noten ausgestellt und erklärt, China habe „in den vergangenen fünf Jahren mehr Fortschritte gemacht als die USA“. Vergangenes Jahr hatte die Volksrepublik die USA als größten Produzenten von Treibhausgasen überholt. Peking hatte lange Zeit gefordert, der Westen müsse den Entwicklungsländern umweltfreundliche Technologien zur Verfügung stellen, war in den Verhandlungen aber von dieser Position abgerückt. Das Riesenreich will lieber technologisch selbstständig werden. Für internationale Solarhersteller schwinden damit die Chancen, vom Ökokommunismus zu profitieren.

„Buy-Chinese“ hat die KP-Führung jüngst als Devise ausgegeben. Demnach müssen Lokalregierungen bei öffentlichen Aufträgen künftig einheimische Lieferanten bevorzugen. Ausgerechnet im Zusammenhang mit einem Solarenergieprojekt hatte dies Mitte Juni zu einem offenen Disput geführt. „China zwingt europäische Firmen manchmal zum Technologietransfer“, beklagte sich damals Jörg Wuttke von der Europäischen Handelskammer in Peking, „und bevorzugt gleichzeitig bei der Auftragsvergabe immer wieder heimische Firmen.“ Es wird mehr solcher Klagen geben.

von Bernhard Bartsch