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Politik Caffè Latte und Revolte in Teheran
Mehr Welt Politik Caffè Latte und Revolte in Teheran
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09:07 17.06.2009
Quelle: Sergei Supinsky/AFP

Gütig lächelt der Imam Khomeni auf den Tresen herab. Aber sein Konterfei ist in dem Café im Norden Teherans auch schon das Einzige, was daran erinnert: Wir sind hier in der Islamischen Republik Iran! Abgesehen vielleicht von den geschickt nach hinten drapierten Kopftüchern der jungen Frauen, die an diesem Morgen auf einen Kaffee zusammengekommen sind. Es ist ein modernes Kaffeehaus, es gibt viele davon in den Einkaufszentren der iranischen Hauptstadt.

Die grüne Haarspange der Bedienung Sahar deutet darauf hin, wen sie hier gewählt haben. Auch das Armband mit der Farbe der Reformbewegung gibt einen Hinweis. Einhellig beteuern die jungen Leute am runden Tisch, am vergangenenen Freitag Mir Hossein Mussawi, dem Herausforderer von Präsident Mahmud Ahmadinedschad, ihre Stimme gegeben zu haben. Bezeichnend aber ist auch die Antwort auf die Frage, was sie von Mussawi persönlich halten. „Er ist das kleinere Übel, alles ist besser als Ahmadinedschad“, sagt die Ingenieurstudentin Mariam. Die anderen nicken. Mit Ausnahme des Kaffeehausbesitzers Ali, der einwirft, dass Mussawi in seiner früheren Zeit als Premier bewiesen hätte, „dass er ein besserer Manager ist“.

Auf der großen Demonstration am Mittwoch war sie nicht, sagt die Studentin Mina. Sie wäre gerne gegangen, aber ihre Eltern haben es verboten. Zu gefährlich, haben sie argumentiert. Dafür sind ihre Eltern selbst gegangen, und die Tochter saß zu Hause und hat sich Sorgen gemacht, als die Botschaften eintrudelten davon, dass die Auseinandersetzungen mit der Polizei immer gewalttätiger wurden. „Ich wäre gerne als Teil dieser Bewegung auf die Straße gegangen, die zeigen will, dass Ahmadinedschad illegitim an der Macht ist“, erklärt sie. Es ärgert sie auch, dass Ahmadinedschad wie eine Vaterfigur auftritt, der seine ungebildeten Schäfchen anführt: „Das verletzt jeden Tag meinen Stolz.“

Die friedliche Demonstration der Opposition finden sie alle toll. Aber die nächtlichen Krawalle hält Ali für kontraproduktiv. „Wir müssen unser Land friedlich weiterbringen“, fordert er und vermutet, dass bei den Unruhen auch einige „Agents provocateurs“ des Staates beteiligt seien, die die Reformbewegung als gewalttätig und brandstiftend diskreditieren wollen.

Auf die Ankündigung des Islamischen Wächterrates, erneut einen Teil der Stimmen auszuzählen, gibt Mariam wenig. „Ich traue denen überhaupt nicht. Die wollen in Wirklichkeit gar nichts verändern“, sagt sie. Und: „Wer garantiert denn, dass Mussawi nach ein paar Jahren nicht selbst zum Diktator würde?“

Sie haben ihr Leben lang unter der Diktatur gelebt. Aber sie haben auch gelernt, wo es nur geht, den Diktatoren ein Schnippchen zu schlagen. Während die staatlichen Medien im Iran das Ausmaß der Proteste unterdrücken, während ausländische Journalisten in bislang ungekannter Weise an der Berichterstattung gehindert werden, nutzen die jungen Leute ihre eigenen Wege. Sie informieren sich gegenseitig übers Internet über die Vorgänge und Pläne der iranischen Opposition. Bei den amerikanischen Portalen Youtube und Flickr haben sie zahllose Videos und Bilder aus Teheran heraufgeladen – aufgenommen mit Handys zeigen sie das riesige, meist friedliche Ausmaß der Demonstrationen, aber auch Bilder, die verletzte und misshandelte Menschen zeigen. Was diese Aufnahmen im Detail beweisen, lässt sich allerdings nicht überprüfen.

Binnen weniger Minuten nach dem Hochladen solcher Aufnahmen ins Internet machen die Links auf diese Informationen die Runde. Verteilt werden die Adressen vor allem über das amerikanische Netzwerk Twitter. „Jeder filme so viel wie möglich heute mit dem Handy – sehr wichtig. Das sind die Augen der Welt #iranelection“, schrieb am Dienstagnachmittag beispielsweise „persiankiwi“ auf Englisch, ein von vielen beachteter Student aus Teheran, in seinem Twitterkonto. Mehr als 19 000 andere Nutzer haben die Beiträge von persiankiwi abonniert, bekommen sie also direkt angezeigt, sobald sie bei Twitter per Handy oder im Web vorbeischauen. „Bestätigt: Jahanbakhsh Khangahi festgenommen“, teilt man sich so gegenseitig mit, oder „Tragt schwarz, bringt zur Demonstration Blumen mit“. Wer nicht Mitglied bei Twitter ist, findet in der Suchmaschine http://search.twitter.com zum Suchwort „#iranelection“ pro Minute an die 200 neue Twitterbeiträge – wobei der Großteil nicht direkt aus dem Iran stammt, sondern von anderen Aktiven außerhalb des Landes. Dabei sind auch viele Falschmeldungen unterwegs. Als etwa der britische Autor Stephen Fry die Nachricht verbreitete, das Stichwort #iranelection werde von den staatlichen Stellen im Iran geblockt, nahm der „Guardian“ bei Twitter die Information auf und gab sie ungeprüft weiter. Später entschuldigte sich das britische Blatt für die bei Twitter veröffentlichte Falschmeldung.

Gleichzeitig wird berichtet, das Handynetz des Irans sei großflächig gestört, der Internetzugang sei extrem langsam und ebenfalls störanfällig. Ob dahinter Methode der Behörden steckt oder ob das marode Kommunikationsnetz schlicht überlastet ist, weil sich die Iraner aus unabhängigen westlichen Quellen informieren wollen, ist unklar. Sicher ist jedenfalls, dass die Regierung am Dienstag allen Journalisten per Weisung verbieten wollte, weiter über die Demonstrationen zu berichten.

Die jungen Leute am Kaffeehaustisch haben schon lange vorher beschlossen: Genug ist genug. Sahar, die Bedienung mit der grünen Haarspange, will sich gar nichts mehr aufzwingen lassen, „weder den Tschador noch eine total verwestlichte Lebensweise“. Für sie sei ein Mittelweg das Richtige. Aber die „Moralpolizei“ solle endlich aufhören, sie wegen eines verrutschten Kopftuchs auf der Straße zu belästigen. „Die islamischen Revolutionswächter können uns nicht einfach ihre Ideen aufzwingen“, sagt sie.

Alis Reformwünsche gehen weiter. „20 Prozent persönliche Freiheiten und 80 Prozent Wirtschaft“, sagt er. „Wir sind ein reiches Land, wir brauchen ein besseres Management, um diesen Reichtum auszunutzen und zu verteidigen.“

Es sind große Ziele, für die die Menschen auf den Straßen Teherans derzeit Kopf und Kragen riskieren. „Wir sind stolz auf unser Land, aber wir wollen keinen Krieg, und wir wollen andere Länder nicht unter Druck setzen“, sagt Ali, ein indirekter Hinweis auf die Bedrohung Israels durch Ahmadinedschad. Aber dafür müssten Europa und die USA den Iran als gleichberechtigten Partner behandeln, fordert er. Miriam meint, dass die Nuklearenergie der friedlichen Entwicklung des Landes dienen solle. Dieses Recht würden sich die Iraner nicht nehmen lassen. „Ich brauche keine Atombombe“, sagt sie. „Wir brauchen einen Präsidenten, der nicht andere Länder bedroht, sondern sie überzeugt: Damit sie uns zuhören und wir unsere eigene Kultur verteidigen können.“ So, wie die Studentin ihre Freiheitsrechte als Frau einfordert, fordert sie auch eine gleichberechtigte Beziehung mit dem Rest der Welt und fasst das Ganze zusammen: „Wir dürfen in unseren Herzen keine Grenzen ziehen.“

Die beiden Studentinnen gehen wieder ihres Weges. Ali geht zurück hinter den Tresen und wirft die große italienische Kaffeemaschine an. Sahar mit der grünen Haarspange, die unter ihrem Kopftuch hervorlugt, wischt den Tisch ab. Sie sorge sich, wie es weitergeht, sagt sie noch am Schluss. „Wenn das schiefgeht, werden wir 30 Jahre zurückgeworfen – an die Anfänge der islamischen Revolution.“

von Karim El-Gawhary und Marcus Schwarze

Ihren Protest äußern die jungen Iraner nicht nur auf der Straße und in Cafés im Gespräch mit Journalisten. Während die staatlichen Medien im Iran das Ausmaß der Proteste verschweigen, informiert sich die technische Elite des Landes gegenseitig übers Internet über die Vorgänge und Pläne der iranischen Opposition.

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