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Politik CDU-Landeschef Ploß: „Ich warne vor schnellen Kandidaturen für Bundesvorsitz“
Mehr Welt Politik CDU-Landeschef Ploß: „Ich warne vor schnellen Kandidaturen für Bundesvorsitz“
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00:00 09.10.2021
Christoph Ploß (CDU), Landesvorsitzender der CDU Hamburg.
Christoph Ploß (CDU), Landesvorsitzender der CDU Hamburg. Quelle: imago images/Christian Spicker
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Berlin

Herr Ploß, Armin Laschet hat seinen Rückzug auf Raten eingeleitet. Wäre Ihnen ein sofortiger Rücktritt lieber gewesen?

Es ist wichtig, dass die personelle Neuaufstellung geregelt abläuft und dass es jetzt kein Scherbengericht gibt. Armin Laschet hat den Weg für einen Neuanfang in der Partei freigemacht. Dafür gebührt ihm Respekt.

Würde die Union ihn denn noch zum Kanzler machen wollen?

Die Union ist mit Kanzlerkandidat Armin Laschet angetreten.

Viele Namen werden für Laschets Nachfolge als CDU-Chef gehandelt. Ist eine erneute Kampfkandidatur zu vermeiden?

Es ist in einer demokratischen Partei zunächst einmal kein Untergang, wenn es mehrere Bewerber gibt. Wenn man eine Neuaufstellung will, darf es keine Tabus geben, nicht nur bei der Frage des Bundesvorsitzenden. Wichtig ist, dass wir jetzt ein Team aufstellen und es dann auch erst mal Kontinuität und wieder mehr Zusammenhalt gibt.

Sie waren für Friedrich Merz als Parteichef. Er ist zweimal bei der Wahl unterlegen, und die Sieger Annegret Kramp-Karrenbauer und danach Armin Laschet sind schnell gescheitert. War das Merz-Lager gegen Zusammenhalt?

Zusammenhalt ist keine Einbahnstraße. Ich nehme eine gewisse Entfremdung zwischen dem Bundesvorstand und einem großen Teil der Mitgliedschaft wahr…

… gewählt hat der Parteitag…

… und es gibt auch eine Entfremdung zwischen den Bundesparteitagen und den Mitgliedern. Die Entscheidungen der Gremien sind teils gegen einen großen Teil der Basis getroffen worden. In den Landesverbänden habe ich trotzdem überall einen enorm engagierten Wahlkampf für unseren Kanzlerkandidaten wahrgenommen.

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Dass die Union bei der Bundestagswahl verloren hat, hatte inhaltliche und organisatorische Gründe, es lag auch an den Beliebtheitswerten des Kanzlerkandidaten, aber mit Sicherheit nicht an mangelndem Einsatz der Tausenden Ehrenamtlichen.

Wie wird der Prozess jetzt ablaufen?

Das werden wir ab Montag in den Gremien besprechen. Wir brauchen zügig einen Parteitag für die Neuwahl, je nach organisatorischen Möglichkeiten sollte das bis Januar geschehen. Vorher muss es Regionalkonferenzen geben. Womöglich läuft es auch auf eine Mitgliederbefragung hinaus.

Wen hätten Sie gern als nächsten CDU-Vorsitzenden? Wieder Friedrich Merz?

Es ist zu früh, jetzt schon zu sagen, wer das machen soll. Ich warne auch davor, dass jeder Interessent jetzt einfach mal schnell seine Kandidatur erklärt. Wir müssen schauen, dass wir ein starkes Team bilden, das sich aus unseren unterschiedlichen Strömungen zusammensetzt. Dazu gehören Personen wie Jens Spahn, Carsten Linnemann, aber auch Friedrich Merz.

Diese Männer vertreten alle eine ähnliche Strömung. Gibt es eigentlich auch Frauen?

Selbstverständlich! Aus meiner Sicht sollten etwa Silvia Breher, die ja bereits stellvertretende Bundesvorsitzende ist, die Bundestagsabgeordneten Ronja Kemmer und Jana Schimke oder auch Wiebke Winter von der Jungen Union zum Team gehören.

Zum Team oder als Chefin? Sollte es eine Partei-Doppelspitze geben oder könnten Partei- und Fraktionsvorsitz von einem Mann und einer Frau besetzt werden?

Ich bin gegen eine Doppelspitze in der Partei – und es spricht auch sehr viel dafür, Partei- und Fraktionsvorsitz in eine Hand zu legen. Positionen nur nach Geschlecht zu vergeben, ist falsch und war nie der Ansatz der CDU. Es sollte am Ende auf die Kompetenz ankommen und nicht auf Faktoren wie Geschlecht, Hautfarbe oder sexuelle Orientierung.

Welchen Anteil hat CSU-Chef Markus Söder am desolaten Zustand der Union?

Keine Frage: Wir müssen auch über das Verhältnis zwischen CDU und CSU sprechen. Markus Söder und Armin Laschet sind im Wahlkampf nicht immer einheitlich aufgetreten. Auch das hat dazu beigetragen, dass wir unser Potenzial nicht voll ausschöpfen können. Nach so einer Wahlniederlage müssen sich alle hinterfragen. Der Gegner ist ja nicht die Schwesterpartei.

Es heißt, die Union sei über die Jahre inhaltsleer geworden.

Die CDU muss Klimaschutz zu einem Markenzeichen machen; er muss deutlich höher auf der Agenda stehen als bisher. Eine erfolgreiche Klimaschutzpolitik macht man aber nicht mit Verboten, sondern mit sozialer Marktwirtschaft. Wir brauchen Innovation und neue Technologien, wir brauchen Investitionen in Universitäten und Forschungseinrichtungen.

Das ist die Grundlage etwa für den Aufbau der dringend benötigten Wasserstoffinfrastruktur und die Verbreitung von klimaneutralen Kraftstoffen, die wir beispielsweise in der Schiff- und Luftfahrt brauchen. Unser Ziel muss sein, weltweite Exportschlager im Bereich Klimaschutz zu entwickeln.

Welche Themen sind Ihnen sonst noch wichtig?

Auch den Sozialstaat sollten wir neu denken. Das bedeutet: keine weiteren unreflektierten Sozialausgaben mit der Gießkanne, sondern mehr Investitionen in frühkindliche Bildung und die Digitalisierung der Schulen. Es muss Schluss sein mit identitätspolitischen Auswüchsen wie Quoten nach Geschlecht, Migrationshintergrund oder sexueller Orientierung. Für die Union geht es um Gleichberechtigung, nicht um Gleichstellung.

Auch die Migrationspolitik hat im Wahlkampf kaum eine Rolle gespielt, ohne dass das Thema in der Sache gelöst wäre. Das bewegt viele Menschen. Wir müssen etwa deutlich machen, dass wir qualifizierte Fachkräfte mit dem Willen zur Integration brauchen und willkommen heißen, aber illegale Migration stoppen wollen. Im Bereich Pflege und Gastronomie könnte man beispielsweise Ausbildungsabkommen schließen. Die Union muss insgesamt wieder in ihrer Breite sichtbar werden: von liberal über christlich-sozial bis konservativ.

Von Kristina Dunz/RND

Der Artikel "CDU-Landeschef Ploß: „Ich warne vor schnellen Kandidaturen für Bundesvorsitz“" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.