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Politik Bundeswehr in Afghanistan zunehmend im Visier der Aufständischen
Mehr Welt Politik Bundeswehr in Afghanistan zunehmend im Visier der Aufständischen
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13:37 25.09.2009
Allein in den vergangenen Wochen waren Bundeswehrsoldaten in 15 Gefechte mit radikalislamischen Kämpfern verwickelt. Quelle: ddp
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Als die Soldaten unter der sengenden Sonne zurück in ihr Lager kommen, sind sie froh, dass sie diesmal alles heil überstanden haben. Sogar die Antennen eines mit Störsendern ausgerüsteten Gefährts sind noch an ihrem Platz. Es hätte auch anders kommen können: Mittlerweile werde die Bundeswehr bei jeder zweiten Patrouille im Norden Afghanistans zum Ziel von Angriffen, sagt der Unteroffizier Peter T., einer von rund tausend deutschen Soldaten im Lager von Kundus.

Nach Einschätzung des Offiziers Thomas K. können die Politiker im fernen Berlin den Einsatz am Hindukusch noch so oft als Stabilisierungseinsatz bezeichnen - in Wahrheit befinde sich die Bundeswehr dort inzwischen im Krieg. Seit Jahresbeginn wurden in Afghanistan vier deutsche Soldaten getötet und dutzende weitere verletzt. Während sich die Bundeswehrangehörigen im vergangenen Jahr noch in normalen Autos durch das Land bewegen konnten, trauen sie sich jetzt nur noch in gepanzerten Fahrzeugen auf Patrouille. Und immer wieder gerät ihr Lager unter Raketenbeschuss aufständischer Taliban-Kämpfer.

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Allein in den vergangenen Wochen waren Bundeswehrsoldaten in 15 Gefechte mit radikalislamischen Kämpfern verwickelt. Drei davon hätten sich sogar über mehrere Stunden hingezogen, berichtet Thomas K. Die Taliban in der Region hätten dazu gelernt und bereiteten ihre Angriffe nun besser vor. Außerdem haben sich im Norden des Landes, der früher als eher ruhig galt, nach Einschätzung eines weiteren Offiziers nun auch verstärkt Aufständische festgesetzt, die vor den Kämpfen mit britischen und amerikanischen Truppen im Süden geflohen sind.

Angesichts der drastischen Verschlechterung der Sicherheitslage erließ die Bundesregierung in diesem Sommer neue Richtlinien für die Soldaten. Wenn jemand die Bundeswehr attackiere, müsse er damit rechnen, getötet zu werden, fasst der Offizier Ulrich P. die Anweisungen zusammen.

Auch der heftig kritisierte NATO-Luftangriff am 4. September auf zwei entführte Tanklaster soll aufgrund der neuen Richtlinien erfolgt sein. Diese lassen den Soldaten mehr Spielraum, vorbeugend zu handeln und nicht erst auf einen unmittelbar bevorstehenden Antriff zu reagieren. Bei dem Vorfall waren nach Angaben der afghanischen Regierung 69 Taliban-Kämpfer und 30 Zivilisten getötet worden. Mehrere NATO-Partner Deutschlands übten scharfe Kritik an dem Angriff.

Der Bundeswehr-Kommandeur Georg Klein, der den Angriff angefordert hatte, will sich derzeit nicht dazu äußern. Sichtlich angespannt verweist er auf Ermittlungen der NATO und der deutschen Justiz, die noch nicht abgeschlossen seien. Seine Soldaten wehren sich aber gegen die heftige Kritik. Die beiden Tanklaster seien nur sechs Kilometer vom Lager in Kundus entfernt gewesen und hätten als fahrende Bomben eingesetzt werden können, sagt ein weiterer Offizier. Auch Ulrich P. ist der Meinung, dass die Bundeswehr handeln musste, nachdem Taliban-Kämpfer die Fahrer der Tanklaster getötet hatten.

Während die Soldaten in Afghanistan täglich um ihr Leben fürchten, hat der Angriff mit dazu beigetragen, dass die Unterstützung für den Afghanistan-Einsatz in der Heimat bröckelt und dass er im Wahlkampf mit aller Schärfe diskutiert wird. Viele Bundeswehrsoldaten wollen die Wahl am Sonntag in Kundus und Masar-i-Scharif am Fernseher verfolgen.

Es ist eine Zeit, in der ihnen noch mehr Wachsamkeit abverlangt wird: Es gebe Informationen, wonach die Angriffe auf die Bundeswehr um die Wahl herum noch weiter zunehmen könnten, sagt der Offizier Michael W. in Masar-i-Scharif. Demnach seien von Pakistan aus Befehle für eine Intensivierung der Angriffe gegeben worden. Thomas K. sagt, die Aufständischen wollten die Bundeswehrsoldaten dazu bringen, einen Abzug ins Auge zu fassen. In den kommenden sechs Wochen bis zum Wintereinbruch werde daher die Lage sehr angespannt sein.

afp