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Politik Bundeswehr: Gut ausgebildet oder schlecht gerüstet?
Mehr Welt Politik Bundeswehr: Gut ausgebildet oder schlecht gerüstet?
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21:30 06.04.2010
Von Klaus von der Brelie
Bedingt gefechtsbereit: Genügend gepanzerte Fahrzeuge vom Typ „Dingo“ vermisst der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe bei der Ausbildung in Afghanistan.
Bedingt gefechtsbereit: Genügend gepanzerte Fahrzeuge vom Typ „Dingo“ vermisst der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe bei der Ausbildung in Afghanistan. Quelle: dpa
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Will er die Wahrheit nicht zur Kenntnis nehmen, oder möchte er die Lage am Hindukusch beschönigen? Warum erklärt Ruprecht Polenz (CDU), der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, die Bundeswehrsoldaten seien für den Einsatz in Afghanistan „gut ausgebildet und gut ausgerüstet“? Weder das eine noch das andere trifft voll zu. Das belegen Dutzende von Erfahrungsberichten ehemaliger Kommandeure und die jüngste Bilanz, die der scheidende Wehrbeauftragte Reinhold Robbe (SPD) im vergangenen Monat dem Bundestag vorgelegt hat.

Immerhin, das schwere Gefecht bei Kundus am Karfreitag und der Tod von drei deutschen Soldaten scheint einigen Verantwortlichen im Verteidigungsministerium in Berlin und im Einsatzführungskommando in Potsdam die Augen geöffnet zu haben. Seit Dienstag wird intensiv darüber diskutiert, ob die deutschen Einsatzkräfte am Hindukusch nicht doch mit Artilleristen und modernen Panzerhaubitzen verstärkt werden sollten. Andere Armeen in Afghanistan verfügen längst über diese weitreichende und präzise treffende Kanone aus deutscher Produktion. Auch die Verlegung von Kampfpanzern des Typs Leopard 2 wird in Bundeswehrkreisen erwogen. Bisher meinten die Generale im Bendlerblock in Berlin, die Bundeswehr könne im Raum Kundus ohne diese schwere Waffe auskommen.

Weil es in der gesamten Bundeswehr weder einsatzbereite Kampfhubschrauber noch Rettungshelikopter gibt, die jederzeit auch nachts Verwundete aus Gefechtssituationen bergen können, freuen sich die Soldaten im deutschen Feldlager in Kundus, dass die US-Streitkräfte diese Flugzeuge in großer Zahl mitbringen, wenn sie in den nächsten Wochen nach Nordafghanistan verlegt werden. Wie lebensnotwendig moderne Rettungshubschrauber sind, zeigte sich am Karfreitag, als die Amerikaner mit ihren „Black Hawks“ den eingeschlossenen deutschen Soldaten zu Hilfe kamen und die Verwundeten trotz intensiven Beschusses durch die Taliban in die Feldlazarette abtransportierten. Wären die „Apache“-Kampfhubschrauber der US-Armee gleichfalls schon vor Ort gewesen, hätte das Gefecht wahrscheinlich schon nach kurzer Zeit beendet werden können.

Rainer Arnold, Verteidigungsexperte der SPD, legte gestern den Finger in die Wunde, als er auf das Fehlen von Kampfhubschraubern in der Bundeswehr aufmerksam machte. Die deutsch-französische Gemeinschaftsproduktion „Tiger“ lässt schon seit Jahren auf sich warten und erfüllt bisher ebenso wenig die Erwartungen der Militärs wie der neue Transporthubschrauber vom Typ NH-90, der längst bei der Truppe sein sollte, aber noch immer weit von der Einsatzbereitschaft entfernt ist. Arnold und viele andere Verteidigungsexperten im Bundestag sollten sich fragen, warum sie so wenig gegen die von der Industrie zu verantwortenden Lieferverzögerungen unternommen haben.

Bei dem Gefecht am vergangenen Freitag setzte die Bundeswehr auch Schützenpanzer vom Typ „Marder“ ein. Mittlerweile verfügen die deutschen Soldaten in Afghanistan über ein gutes Dutzend dieser stählernen Kolosse. Doch so viel Respekt sie dem Gegner dort auch abverlangen mögen, für den Einsatz bei extremer Kälte und tropischer Hitze sind sie nicht geeignet. Im vergangenen Sommer maßen die Infanteristen im hinteren Kampfraum ihres „Marders“ eine Temperatur von 80   Grad Celsius. Der Grund: Der inzwischen über 40 Jahre alte Schützenpanzer hat keine Klimaanlage.

General Jörg Vollmer, im vergangenen Jahr deutscher Regionalkommandeur in Nordafghanistan, hat diesen Mangel und weitere 154 Defizite in seinem „Erfahrungsbericht Einsatz“ zusammengefasst und im Herbst seinen Vorgesetzten im Verteidigungsministerium auftragsgemäß zugeleitet. Einige der von Vollmer aufgezeigten Mängel sind inzwischen beseitigt, aber längst nicht alle. So beklagen die Soldaten noch immer, dass die Munition für ihr modernes Sturmgewehr G 36 nichts taugt und auch die Maschinengewehre zu schwach sind, um sich gegen einen Feind hinter Lehmwänden durchzusetzen. Auch die Ersatzteilversorgung sei unzulänglich. Von 38 Fahrzeugen, die zwischen Januar und Juli 2009 ausfielen, wurde keines ersetzt.

Vollmer stellte auch fest: In der Region Kundus sei mit der derzeitigen Zahl von Kampftruppen „die sofortige und raumgreifende Lageverbesserung“ nicht zu erreichen. Die US-Armee hat den Hilferuf gehört und schickt jetzt mindestens 1000 Soldaten zusätzlich nach Kundus. Die Bundeswehr, an Beschlüsse des Bundestags gebunden, stockt ihr Kontingent im Sommer um maximal 500 Mann auf, verlegt aber schon einmal ein paar Aufklärer aus dem relativ ruhigen Feisabad nach Kundus. Angeblich werden sie dort nicht mehr für den Schutz des deutschen Feldlagers benötigt. Jetzt sollen sie mit ihren nachtkampftauglichen Fahrzeugen vom Typ „Fennek“ und „Eagle“ rund um Kundus Patrouillen fahren.

Gern würden die deutschen Offiziere in Kundus auch auf mehr moderne unbemannte Aufklärungsflugzeuge, sogenannte Drohnen, zurückgreifen. Doch das einzige Hochleistungsgerät, das die Bundeswehr bisher zur Verfügung hatte, eine Leihgabe aus Israel, versagte im März beim Ersteinsatz im deutschen Hauptquartier in Masar-i-Scharif. Aus bisher ungeklärter Ursache prallte die Drohne nach der Landung gegen ein Transall-Flugzeug und blieb als Totalschaden auf der Betonpiste liegen. Vizeadmiral Ulrich Weiser fordert daher, die Bundeswehr jetzt unverzüglich mit Drohnen auszustatten, die bei Gefechten ein klares Lagebild in Echtzeit ermitteln können.

Bisher hat sich die Bundeswehr zugutegehalten, sie bilde ihre Soldaten für den Einsatz in Afghanistan besser aus, als es die meisten Verbündeten tun. Aber der Wehrbeauftragte beklagt seit Jahren, dass nicht alles optimal organisiert ist: Für die Fahrerausbildung stehen in Deutschland nicht genug Fahrzeuge bereit. Die Folge davon ist, dass Soldaten, auch die gefallenen Fallschirmjäger aus Seedorf, ihre geschützten Einsatzfahrzeuge erst kennenlernen, nachdem sie in Afghanistan angekommen sind. Robbe meint, dieser Umstand führe dazu, dass Soldaten unzureichend vorbereitet in Gefechte geschickt werden.
Grundsätzlich merkt der Wehrbeauftragte in seiner jüngsten Bilanz an: Noch immer seien nicht genügend geschützte Fahrzeuge im Einsatzland vorhanden. „Hier wird die Bundeswehr ihrem Anspruch, eine moderne Armee zu sein, nicht gerecht“, schreibt er und kritisiert: „Sie reagiert weder zügig noch flexibel.“