Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Politik Organspende: Spahn scheitert mit Widerspruchslösung
Mehr Welt Politik Organspende: Spahn scheitert mit Widerspruchslösung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:58 16.01.2020
Die Zahl der Organspender stagniert auf niedrigem Niveau.
Marburg

Der Bundestag hat die Einführung einer «doppelten Widerspruchslösung» für Organspenden klar abgelehnt. Der Entwurf einer Abgeordnetengruppe um Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, nach dem jeder Mensch bis auf Widerruf als Spender gelten soll, fand am Donnerstag keine Mehrheit.

In der abschließenden Debatte des Bundestags hatten Gegner und Befürworter einer Neuregelung der Organspende eindringlich für ihre Positionen geworben.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warb für die Widerspruchslösung. Ohne sie "werden wir nichts ändern", sagte er und verwies auf höhere Spendenzahlen in Ländern, die die Widerspruchsregelung haben. Jedes Jahr stürben in Deutschland 1.000 Menschen, während sie auf ein Spenderorgan warten, mehr als 10.000 stünden auf den Wartelisten. Die Widerspruchslösung sei "eine einfache unbürokratische Regelung, wie man zum Spender wird", sagte Lauterbach.

Die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock, die mit einer Abgeordneten-Gruppe den Gegenantrag zur Widerspruchslösung eingebracht hatte, sagte, Deutschland könne die Regeln aus anderen Ländern nicht einfach kopieren. Das Grundgesetz schreibe vor, das Selbstbestimmungsrecht eines jeden Menschen zu respektieren: "Der Mensch gehört sich selbst, ungefragt, ohne Widerspruch", sagte Baerbock.

Auch diejenigen, die gegen die Widerspruchslösung seien, wollten Leben retten. Deshalb wolle man mit einer erweiterten Zustimmungsregelung dafür sorgen, dass sich mehr Menschen leichter für eine Spende entscheiden und in ein Online-Register eintragen könnten.

Wie bei ethischen Themen üblich, entschieden die Abgeordneten nach der etwa zweistündigen Debatte unabhängig von ihrer Fraktionszugehörigkeit. Die AfD hatte als Fraktion einen eigenen Antrag eingebracht. Detlev Spangenberg (AfD) sagte, es sei der falsche Weg, Menschen zu einer Entscheidung zu zwingen, die das nicht wollten. Niemand habe das Recht, den moralischen Zeigefinger zu heben über Ängstliche und Zaudernde.

Thomas Rachel (CDU) betonte, die Organspende verdiene aus christlicher Perspektive höchste Anerkennung als Akt der Nächstenliebe und Solidarität über den Tod hinaus. "Nächstenliebe kann aber nicht staatlich eingefordert werden, sondern gedeiht nur dort, wo es auch Freiheit gibt", sagte der aus Düren stammende Politiker.

Gitta Connemann (CDU) erzählte vom Schicksal ihres Mitarbeiters, 33 Jahre, der gerade Vater geworden war, als eine lebensgefährliche Erkrankung bei ihm festgestellt wurde. Er habe drei Monate gewartet auf den Anruf: "Wir haben ein Organ für Sie." Dann sei er gestorben. "Wir entscheiden heute über Zeit, sagte Connemann in einer eindringliche Rede: Nicht nur um Wartezeit. "Wir entscheiden heute über Lebenszeit."

Vor der Bundestagsabstimmung hatte eine Umfragemehrheit befürwortet, dass künftig jeder nach dem Tod automatisch Organspender ist, sofern er nicht widerspricht. Dem am Donnerstag veröffentlichten ZDF-Politbarometer zufolge sprachen sich 61 Prozent der Befragten für den Reformvorschlag einer Abgeordnetengruppe um Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) aus. Rund 36 Prozent finden die sogenannte Widerspruchslösung demnach nicht gut.

Mehr zum Thema

Organtransplantation: Eine Liebe auf Herz und Nieren (nach Login frei)

Interview: “Wir sind dankbar für jeden Tag, den Gustav ohne Leber-Transplantation schafft” 

Kommentar: Wir können mit der Widerspruchslösung Leben retten

Kommentar: Mit der Widerspruchslösung droht Vertrauensverlust

Organspende: „Das Recht auf Leben muss höher bewertet werden"

RND/cle/dpa