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21:34 06.03.2014
Besuch in der Vergangenheit: Präsidenten Papoulias, Gauck in Athen.
Besuch in der Vergangenheit: Präsidenten Papoulias, Gauck in Athen. Quelle: dpa
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Ligiades

 Zwei Präsidenten treten vor die Mikrofone und Kameras, Staatsoberhäupter befreundeter, verbündeter Länder, man erwartet Nettigkeiten. Bundespräsident Joachim Gauck lächelt in die Runde, als er nach der Begegnung mit seinem griechischen Amtskollegen Karolos Papoulias am Donnerstagmittag vor die Presse tritt. Aber die ernste, fast grimmige Miene des Gastgebers verrät: Papoulias ist nicht zu diplomatischen Höflichkeitsfloskeln aufgelegt.

Der Grieche kommt zügig zur Sache: Er habe Gauck mit der Frage der Reparationen für die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg konfrontiert, berichtet er. „Ich möchte unterstreichen, dass Griechenland niemals auf diese Forderungen verzichtet hat und eine Lösung des Problems fordert, in Verhandlungen, die so bald wie möglich beginnen müssen.“

Da ist sie wieder, Vergangenheit. Und Gauck stellt sich ihr. Er wird am Freitag das nordgriechische Dorf Ligiades besuchen, den Schauplatz eines Massakers der deutschen Wehrmacht. „Das wird kein leichter Weg für mich“, sagt Gauck ernst. Dass Papoulias ihn in das Dorf begleiten wolle, würdigt er mit hörbar bewegter Stimme als „ein großes Geschenk“. Es wird eine Fahrt in den Schatten.

Das vergessene Massaker in Ligiades

In engen Spitzkehren schlängelt sich die Straße vom Ufer des Sees Pamvotida die steile Flanke des Mitsikeli-Bergmassivs hinauf. Sie führt zum Dorf Ligiades. Diesen Weg werden Gauck und Papoulias nehmen. Der Bundespräsident kommt nach Ligiades, um der 80 Menschen zu gedenken, die hier 1943 von deutschen Soldaten ermordet wurden. Das Massaker von Ligiades war in Deutschland lange fast unbekannt. Manche sprechen von einem „vergessenen Verbrechen“.

Sie kamen am späten Vormittag des 3.  Oktober 1943 über besagte Serpentinen: Fünf Lastwagen mit Soldaten des Feldersatzbataillons 79. Sie wollten Rache nehmen für den Tod des Oberstleutnants Josef Salminger, der drei Tage zuvor mit seinem Geländewagen in eine Straßensperre griechischer Partisanen geraten und erschossen worden war.

An jenem Sonntagvormittag waren fast nur Frauen, Kinder und einige Greise im Dorf, die Männer waren in den Bergen bei den Herden oder auf den Feldern. Zeitzeugen beschrieben, was geschah: „Die Soldaten trieben die Dorfbewohner wie Vieh im unteren Ortsteil zusammen. Sie pferchten die Menschen in die Keller der Häuser und schossen in die Menge.“ Nur fünf überlebten das Massaker. Einer von ihnen war Panagiotis Baboskas, der vier Monate alt war. Zwei Tage nach dem Massaker fand man das Baby zwischen Leichen in einem Keller, im Arm seiner toten Mutter.

Nach dem Massaker plünderten die Gebirgsjäger das Dorf und steckten die Häuser in Brand. Eintrag im Kriegstagebuch der Division: „Im Dorf Lingiades (sic) 1015 Meter über Normalnull schwacher Widerstand des Feindes. 50 Bürger vernichtet. Lingiades verbrannt. Beute: 20 Maultiere.“ Auf der marmornen Gedenktafel im Dorf indes stehen die Namen nicht von 50, sondern 82 Getöteten, darunter 34 Kinder und 37 Frauen. Das jüngste Opfer war zwei Monate alt, das älteste 100 Jahre.

In der Krise überschattet dieses Massaker die griechisch-deutschen Beziehungen stärker als je zuvor in der Nachkriegszeit. Viele Griechen verstehen den strikten Sparkurs, den ihr Land auf Druck der internationalen Geldgeber steuern muss, als „deutsches Diktat“, sehen ihr Land gar erneut unter „Besatzung“. Wie damals.

Ausgerechnet da leistet sich Berlin eine diplomatische Entgleisung. Der korrekte Ortsname, aus dem Griechischen übersetzt, lautet Ligiades. Das Bundespräsidialamt entschied sich jedoch nach langem Hin und Her für „Lingiades“ und übernimmt damit die Schreibweise der Wehrmacht – eine grobe Instinktlosigkeit, von der die Bewohner des leidgeprüften Ortes hoffentlich nichts erfahren.

Die Biografie von Gaucks Begleiter Papoulias ist eng mit diesem Landstrich, aber auch untrennbar mit Deutschland verbunden. Papoulias kam 1929 in Ioannina zur Welt, jener Stadt, die man von Ligiades aus unten, am anderen Ufer des Sees liegen sieht. Als 14-Jähriger schloss er sich den Partisanen an, die in den Bergen gegen die Besatzer kämpften. Dass er dann in den sechziger Jahren Deutschland als Studienort wählte, ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Obwohl Griechenland wie wenige Länder unter der deutschen Besatzung gelitten hatte, zeigten die Griechen nach Kriegsende gegenüber den Deutschen ein geradezu beschämendes Maß an Versöhnungsbereitschaft. Papoulias fand während der Obristendiktatur 1967 bis 1974 in Deutschland politisches Asyl und promovierte an der Universität Köln zum Dr. jur.

Schatten der Geschichte

Die deutschen Besatzer haben in Griechenland furchtbar gewütet. In den dreieinhalb Besatzungsjahren wurden rund 30 000 Zivilisten exekutiert, darunter Frauen und Kinder – meist als „Sühnemaßnahmen“ für Partisanenangriffe. 70 000 Juden wurden in die KZ verschleppt. 300 000 Griechen erfroren und verhungerten, weil die Deutschen Lebensmittel und Brennstoffe konfisziert hatten. Mit einer Zwangsanleihe bei der Bank von Griechenland bürdeten die Deutschen den Griechen auch noch die Kosten der Besatzung auf.

Auf Reparationen für die angerichteten Schäden und die Rückzahlung der Zwangsanleihe warten die Griechen bis heute vergeblich. Darauf, dass die Reparationsfrage zur Sprache kommen würde, war Gauck gefasst. Aber dass sie ihn auf seiner Reise vom ersten Moment an verfolgen würde, hat er wohl nicht erwartet. Wie soll er damit umgehen? Der Rechtsweg sei aus deutscher Sicht „abgeschlossen“, mehr könne er als Staatsoberhaupt zu dem Thema nicht sagen, erklärt Gauck. Niemand solle erwarten, dass er sich zu dieser Frage „anders äußern wird als meine Regierung“. Papoulias verzieht die Mundwinkel.

Am Donnerstagnachmittag dominiert das Thema auch das Treffen mit dem linken Oppositionsführer Alexis Tsipras. Der hat seinen Parteifreund Manolis Glezos mitgebracht, ein Urgestein der griechischen Widerstandsbewegung. Der 91-Jährige mit der schlohweißen Mähne ist ein Nationalheld, seit er in der Nacht zum 31. Mai 1941 auf die Akropolis kletterte, dort die Hakenkreuzfahne der Besatzer einholte und die blau-weiße Griechenflagge hisste. Heute kämpft Glezos für Reparationen. Um fantastische Summen: mehr als 160 Milliarden Euro, plus Zinsen.
Beim abendlichen Festbankett im Präsidentenpalast brechen die Gräben wieder auf. Er verstehe die Weigerung Deutschlands nicht, über die Reparationsfrage zu reden, sagt Präsident Papoulias in seiner Tischrede laut Manuskript. Die deutsche Auffassung, das Thema stelle sich nicht, weist er schroff als „Behauptung“ zurück. Es gehe um „eine Frage des politischen Ethos“. Alle wissen: Das ist sein Thema. Es geht ihm unter die Haut.

Gauck spricht von „moralischer Schuld“, von „politischem Versagen“, von der „historischen Wahrheit“, die man gerade der jüngeren Generation nahebringen müsse. Das ist der Pastor. Der Präsident will nach vorn blicken, kündigt einen „Zukunftsfonds“ an, verweist auf das geplante deutsch-griechische Jugendwerk. Aber die Schatten der Geschichte lasten schwer auf diesem Staatsbesuch. Am Freitag, im „Märtyrerdorf“ Ligiades, werde er die richtigen Worte finden, verspricht Gauck. Nicht nur Papoulias wird genau zuhören.

Von Gerd Höhler

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