Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Politik Bricht Beate Zschäpe ihr Schweigen?
Mehr Welt Politik Bricht Beate Zschäpe ihr Schweigen?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:12 23.06.2015
Foto: Die mutmaßliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe erwägt nach mehr als 200 Verhandlungstagen nach eigenen Angaben, sich nun doch zur Sache zu äußern.
Die mutmaßliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe erwägt nach mehr als 200 Verhandlungstagen nach eigenen Angaben, sich nun doch zur Sache zu äußern. Quelle: dpa
Anzeige
München

Es wäre eine spektakuläre Wende im NSU-Prozess: Sollte Beate Zschäpe vielleicht doch noch aussagen, nach mehr als zwei Jahren und 200 Verhandlungstagen eisernem Schweigen? Sollte sie sich doch noch äußern wollen zu dem, was ihr die Bundesanwaltschaft vorwirft: die Mittäterschaft unter anderem an zehn vorwiegend rassistisch motivierten Morden und zwei Sprengstoffanschlägen?

In einem handgeschriebenen Brief an das Münchner Oberlandesgericht (OLG) behauptet die mutmaßliche Neonazi-Terroristin nun tatsächlich, dass sie sich "durchaus mit dem Gedanken beschäftige, etwas auszusagen". Was genau, lässt Zschäpe offen.

Wie glaubwürdig also ist das Ganze? Tatsächlich war im Umfeld des NSU-Prozesses immer wieder spekuliert worden, dass die 40-Jährige nicht mit der Schweige-Strategie ihrer drei Verteidiger Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm zufrieden sei. Zuletzt bescheinigte auch ein Gerichtspsychiater, dass der Hauptangeklagten das beharrliche Schweigen immer schwerer falle.

Andeutungen im "PS"-Teil

Will sie also nun tatsächlich aussagen - und wenn ja, was? Zunächst: Ihren "Gedanken" formuliert Zschäpe erst im "PS" ihres vierseitigen Briefes, nicht im Hauptteil ihrer Argumentation. In dem Schreiben an das Gericht, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, musste sie noch einmal begründen, warum sie ihre Verteidigerin Sturm loswerden möchte. Deren Entpflichtung hatte sie vor kurzem beantragt. Mit einem entsprechenden Antrag gegen alle drei Anwälte war sie im vergangenen Jahr gescheitert.

Große Zweifel an der Glaubwürdigkeit ihrer Aussage weckt vor allem Zschäpe selbst. Denn in ihrem Brief an das Gericht gibt sie ein an sie persönlich gerichtetes Schreiben ihrer Anwälte wieder. Und dieses Schreiben zeigt, dass sie sich bisher nicht einmal ihren drei Verteidigern anvertraut hat. Die haben sich nämlich über Zschäpes "anmaßendes und selbstüberschätzendes Verhalten" beschwert, wenn sie die Leistung ihrer Anwälte bewerte. Das werde man nicht weiter akzeptieren. Und dann folgt dieser bemerkenswerte Satz: "Dieses Verhalten verbietet sich insbesondere vor dem Hintergrund, dass Sie uns aufgrund der nur fragmentarischen Weitergabe Ihres exklusiven Wissens nicht in die Lage versetzen, Sie optimal zu verteidigen."

Es stellt sich also die Frage: Will Zschäpe, die bisher offensichtlich nicht einmal mit ihren Verteidigern offen spricht, nun tatsächlich vor Gericht aussagen? Und überhaupt: Welchen Sinn ergäbe das? Diese Frage lässt sich eigentlich gar nicht vernünftig beurteilen, wenn man nicht weiß, was Zschäpe weiß. Wusste sie tatsächlich - wie es ihr die Anklage vorwirft - von den Morden und Anschlägen ihrer Kumpanen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhart? Hat sie diese mitgetragen, unterstützt, ist sie also im juristischen Sinne Mittäterin? Oder tauchte Zschäpe zwar mit den beiden für viele Jahre unter - wusste aber nicht, welche Gräueltaten die Uwes später regelmäßig verübten?

Zschäpe fühlt sich ihren Anwälten "erpresst"

Es steht nun vielmehr der Verdacht im Raum, dass es sich bei Zschäpes angeblicher Aussagebereitschaft um einen taktischen Schachzug handeln könnte. Eigentlich ist ihr Hauptansinnen ja, ihre Verteidigerin loszuwerden - mit allen Mitteln. Dass sie dabei alle drei Anwälte mit massiver Kritik überzieht, scheint da zweitrangig zu sein.

Zschäpe argumentiert sogar, sie fühle sich von ihren Anwälten "erpresst". Denn die drei hätten ihr mit dem Ende des Mandats gedroht, sollte sie ihre Strategie ändern und eine Aussage machen wollen. Die Verteidiger bestreiten das entschieden. Ist also eher Zschäpe selbst die Quelle der Konflikte mit ihren drei Pflichtverteidigern? Prozessbeobachtern war in den vergangenen Wochen und Monaten schon häufig aufgefallen, dass die Anwälte oft gerade dann unvorbereitet wirkten, wenn sie nach ausgiebiger Tuschelei mit Zschäpe Fragen an Zeugen stellten. Da kam schon manchmal die Frage auf, ob die Anwälte vielleicht gegen ihre eigene Überzeugung auf Wünsche ihrer Mandantin eingegangen waren. Das aber dürfte dem Gericht egal sein, wenn es über Zschäpes Antrag entscheidet.

Der Verhandlungstag am Dienstag bringt keine neue Erkenntnis. Gleichwohl sorgt Zschäpe dort für ein vorzeitiges Ende des Verhandlungstages: Die Hauptangeklagte hat Zahnschmerzen. Auf die schwere Vertrauenskrise zwischen Zschäpe und ihren Verteidigern ging das Gericht am Dienstag nicht ein.

dpa

Mehr zum Thema
Panorama Untergrundzeitschrift als Beweismittel - Tötete NSU-Trio für nordische Gottheit?

Könnte die Begeisterung für Wotan, den obersten Gott der nordischen Mythologie, der Grund sein, warum das NSU-Terrortrio fast immer mittwochs mordete? Eine Ausgabe des rechtsradikalen Untergrundmagazins „Der Förderturm", in der der Kult eine große Rolle spielt, ist Beweismittel im NSU-Prozess.

25.05.2015
Politik Schulfreund sagt in Prozess aus - Zeuge schildert Brutalisierung des NSU-Trios

Ein Schulfreund des verstorbenen mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos hat die rechtsextreme Szene in Jena in den 1990er Jahren miterlebt. Als Zeuge gab er Einblicke in das Innenleben der Gruppe.

12.05.2015

Nach dem überraschenden Tod einer Zeugin im Stuttgarter NSU-Untersuchungsausschuss hat die Obduktion nach Angaben der Polizei keine Hinweise auf ein Fremdverschulden ergeben. Die 20 Jahre alte Frau aus Kraichtal (Kreis Karlsruhe) sei an den Folgen einer Lungenembolie gestorben, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft am Montag in Karlsruhe mit.

30.03.2015
Politik Lagerung von Atommüll - Hendricks kontert Seehofer-Kritik
23.06.2015
23.06.2015
Politik Verhandlungen mit Griechenland - Kein Durchbruch, aber Bewegung
23.06.2015