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Politik Brennendes Hotel und Straßenschlachten
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20:30 04.04.2009
Gipfelgegner schrecken auch vor Zerstörung nicht zurück. Quelle: Olivier Laban-Matte/ddp
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Wütende Gipfelgegner haben Brandsätze in das Hotel Ibis nahe der Europabrücke geworfen, dessen erster Stock völlig zerstört wurde. Auch der Posten der französischen Grenzpolizei steht am Samstagnachmittag in Flammen.

Selbst ein bisher beispielloser Einsatz von mehr als 10.000 Polizisten, Gendarmen und Soldaten in der Europa-Stadt hat nicht verhindern können, dass der Gipfel zum 60-jährigen Bestehen der NATO von massiven Krawallen überschattet wurde. Zum Abschluss des Treffens eskalieren die Proteste in offene Straßenschlachten.

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Die französischen Behörden machen dafür rund tausend „besonders gewalttätige“ Mitglieder des sogenannten Schwarzen Blocks verantwortlich, zu erkennen an ihrer einheitlich schwarzen Kleidung und Masken vor dem Gesicht. Sie werden vor allem dem linksextremen Spektrum zurechnet. Aber auch einige rechtsgerichtete Skinheads waren unter den gewaltbereiten Störern, sowie Demonstranten mit kurdischen Fahnen. Viele waren mit Eisenstangen bewaffnet und trugen Gasmasken.

Die Krawallmacher, darunter viele Deutsche, warfen mit Steinen und Flaschen auf Polizisten. Sie demolierten Verkehrsampeln und plünderten Bierregale in einer Tankstelle. Die Polizei setzte massiv Tränengas, Wasserwerfer und sogenannte Schockgranaten ein, die einen ohrenbetäubenden Lärm verursachen. Nach Angaben der Straßburger Präfektur wurden zehn Demonstranten leicht verletzt. Der ärztliche Notdienst im „Protest-Camp“ der Gipfelgegner sprach von mindestens 20 Verletzten durch den Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen.

Die offizielle Abschlusskundgebung verlief am Nachmittag weitgehend ruhig. An ihr nahmen auch die Chefin der Kommunistischen Partei Frankreichs, Marie-Georges Buffet und Trotzkistenchef Olivier Besancenot teil. Für die Demonstration war eine Route im Straßburger Hafengelände genehmigt worden - weitab vom Kongresszentrum, wo sich am Vormittag die Staats- und Regierungschefs der 28 NATO-Staaten versammelt hatten.

An die 7000 deutsche Demonstranten, von denen mehrere hundert eigens mit der Bahn aus Nordrhein-Westfalen angereist waren, konnten sich dem Protestzug nicht anschließen. Sie waren im Grenzort Kehl blockiert, weil die Europabrücke entgegen ersten Zusagen der französischen Behörden gesperrt blieb. Daran änderten auch alle Vermittlungsversuche des Grünen-Abgeordneten Hans-Christian Ströbele nichts, der mit den übrigen Demonstranten an der Grenze festsaß.

In den Augen der französischen Gipfelgastgeber dürfte sich das massive Polizeiaufgebot gelohnt haben. Schließlich hat es verhindert, dass Demonstranten auch nur in die Nähe des Tagungsortes gelangten. Das Gelände rund um das Kongresszentrum war hermetisch abgesperrt, selbst für Journalisten mit einer Gipfel-Akkreditierung. Gestört wurden die Beratungen allenfalls vom Lärm der Militärhubschrauber, die pausenlos über Straßburg kreisten.

Weiträumig von hohen Metallbarrieren abgeriegelt war auch der Bereich um das Straßburger Rohan-Schloss und das gotische Münster. So konnten die amerikanische First Lady Michelle Obama und die Frau des französischen Staatschefs, Carla Bruni-Sarkozy, in der Mittagssonne ungestört in die Kameras lächeln, bevor sie das „Damenprogramm“ mit einem Besuch des Münsters fortsetzten. Von den Protesten und Krawallen bekamen sie vermutlich ebenso wenig mit wie die Staats- und Regierungschefs. Sie konnten Straßburg gleich nach dem Gipfel per Hubschrauber verlassen. Dafür war eigens ein Fußballplatz neben dem Kongresszentrum in einen Flugplatz umfunktioniert worden.

afp