Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Politik Verräter oder Held?
Mehr Welt Politik Verräter oder Held?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:41 26.07.2013
Von Stefan Koch
Mit der Preisgabe sensibler Informationen unmittelbar von einem Kriegsschauplatz zog sich Manning auch den Zorn seiner Kameraden und vieler Landsleute zu. Quelle: dpa
Anzeige
Washington

Der Prozess gegen den 25-jährigen Soldaten spaltet die Vereinigten Staaten wie kaum ein anderer Konflikt: Ist der junge Mann, der tausende geheime Dokumente an die Öffentlichkeit brachte, ein Held oder ein Verräter?

Der Mann, der mit seinem jungenhaften Gesicht und seiner schmächtigen Statur äußerlich nicht dem typischen Bild eines langjährigen Soldaten entspricht, ließ vor drei Jahren die Supermacht erschüttern: Zwischen November 2009 und Mai 2010 soll er brisante Dokumente, Berichte und Videos der Enthüllungsplattform Wikileaks zugespielt haben. Obwohl er nur im Dienstgrad eines Obergefreiten stand, wurde ihm als Nachrichtenanalyst Zugang zum „Top Secret“-Bereich gewährt. In den Unterlagen, die sich auf 700 000 Seiten erstrecken sollen, finden sich unter anderem diverse Dokumentationen von Folter durch ausländische Truppen im Irak. Für Aufsehen sorgte auch eine Videoaufnahme, die den Beschuss von irakischen Zivilisten und Reportern im Sommer 2007 zeigt. Höchst pikant waren nicht zuletzt unzählige vertrauliche Depeschen, die von US-Botschaften aus aller Welt nach Washington gekabelt wurden – und nun von jedermann gelesen werden konnten.

Anzeige

Verteidiger David Coombs erinnerte am Freitag in seinem Schlussplädoyer an die dramatische Situation, die damals im Irak geherrscht habe: Sein Mandant habe es als seine Pflicht angesehen, die US-Bürger über die Gräuel in dem Kriegsgebiet zu informieren. All die „verstörenden Dinge“, die die Armee selbst dokumentiert habe, sollten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, um eine ernsthafte Debatte über den Militäreinsatz zu führen. Um ihn persönlich sei es Manning nicht gegangen, betont Coombs: „Er sagt, er sei bereit den Preis zu zahlen.“

Gleichwohl: Auch wenn viele Vorfälle aus der Amtszeit von George W. Bush stammten, fühlte sich die Administration von Präsident Barack Obama herausgefordert. Washington wurde vor aller Welt vorgeführt. Amerikanische Diplomaten sahen sich einem Spießrutenlauf ausgesetzt, und das US-Militär musste sich einmal mehr fragen lassen, ob es in den jahrelangen Guerillakriegen die eigenen Maßstäbe aus den Augen verloren hatte.

Mit der Preisgabe sensibler Informationen unmittelbar von einem Kriegsschauplatz zog sich Manning aber auch den Zorn seiner Kameraden und vieler Landsleute zu: Die ungefilterte Weitergabe der eigenen Strategien habe nicht nur diplomatisch, sondern auch militärisch zu Schäden geführt, heißt es aus dem Pentagon.

Auf diesen Vorwurf hob auch Staatsanwalt Ashden Fein in seinem fast fünfstündigen Schlussplädoyer ab. Er der beschimpfe Manning als „Verräter“. Theoretisch droht dem Angeklagten die Todesstrafe, da Manning unter anderem wegen „Unterstützung des Feindes“ angeklagt ist. Staatsanwalt Fein hatte dem Gericht allerdings zu verstehen gegeben, nicht die Höchststrafe zu fordern – wohl aber auf eine lange, eventuell sogar lebenslange Haftstrafe zu dringen. Anders als im deutschen Strafrecht würde das für den jungen Mann bedeuten, dass er tatsächlich den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen müsste.

Entscheidend für das Strafmaß dürften die Beweggründe des Informanten sein: Vor dem Militärtribunal in Fort Meade beschrieb die Verteidigung den jungen Mann als einen naiven, aber gutmütigen Soldaten, der aus Sorge um das Wohl der eigenen Landsleute die als geheim eingestuften Papiere an die Enthüllungsplattform Wikileaks weiterspielte.

Dagegen zeichnete Staatsanwalt Fein ein ganz anderes Bild von dem Obergefreiten: „Er war kein Menschenfreund, er war ein Hacker.“ Wie ein Beweismittel präsentierte Fein ein Foto, dass Manning an dem Tag von sich selbst schoss, an dem er die Geheimschriften an den Wikileaks-Chef Julian Assange weitergab. Es zeigt den jungen Mann lächelnd, geradezu fröhlich. In den Augen des Staatsanwaltes ist das ein deutlicher Hinweis auf ein vorsätzliches Verhalten: „Der Angeklagte handelte zielstrebig und mit dem Wissen und dem Willen, den Vereinigten Staaten zu schaden.“ Seinen Eid, als Soldat geheime Informationen der eigenen Regierung zu schützen, habe er gebrochen. „Er hat das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wurde, missbraucht, um in aller Welt bekannt zu werden“, so Fein. Es liege ein schwerer Fall von Landesverrat vor, da er die Dokumente „zur direkten Nutzung durch den Feind verbreitete“. Die Abnehmer bei Wikileaks beschimpft der Staatsanwalt als „Informationsanarchisten“.

Bürgerrechtsgruppen wie die „American Civil Liberties Union“ betrachten diesen „Informationsanarchismus“ dagegen als eine Art Notwehr. Wie auch die jüngsten Enthüllungen durch den früheren Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden gezeigt hätten, werde es höchste Zeit, von den Militärs und Sicherheitsbehörden mehr Transparenz einzufordern.

Nach Angaben des „Guardian“-Journalisten Glenn Greenwald hatte sich Snowden vor seinen Veröffentlichungen intensiv mit dem Fall Manning beschäftigt. Dass der Soldat über eine lange Zeit in einer Einzelzelle inhaftiert wurde und sogar misshandelt worden sein soll, sei für den flüchtigen „Whistleblower“ ein warnendes Beispiel gewesen.

Während der Plädoyers am Freitag in Fort geriet eine ganz andere Nachrichten in die Schlagzeilen der US-Medien: Die US-Behörden wollen bei einem möglichen Verfahren gegen den Geheimdienst-Enthüller Edward Snowden keine Todesstrafe fordern. Dies sicherte Justizminister Eric Holder seinem russischen Amtskollegen zu, verbunden mit dem Versprechen, Snowden werde in den USA nicht gefoltert, sollte Russland ihn ausliefern.

Politik Jugend soll „Krach machen“ - Papst beim Weltjugendtag gefeiert
26.07.2013
Politik Nach Mord an Oppositionspolitiker - Demos und Generalstreik in Tunesien
26.07.2013