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Politik Bosnier aus Berlin will als Zeuge gegen Karadzic auftreten
Mehr Welt Politik Bosnier aus Berlin will als Zeuge gegen Karadzic auftreten
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09:14 26.10.2009
Edin Soso
Edin Soso Quelle: afp
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„So etwas wie Pubertät kenne ich nicht, aber ich hätte es gern erlebt“, sagt der 30-Jährige. Stattdessen war der gebürtige Bosnier mit seiner Familie jahrelang in einem serbischen Lager gefangen, wurde dort misshandelt und ein stiller Zeuge schwerster Verbrechen. Wie gegen den damaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic will Soso im Prozess gegen den früheren bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic aussagen, der am Montag vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag beginnen soll.

„Die Aussage zu machen, ist das einzige, was ich noch machen kann“, sagt Soso, der nach einer Odyssee durch halb Europa vor 14 Jahren nach Deutschland kam. Die Familie hatte sich gerade in Schleswig-Holstein eingelebt, als er mit seinem Vater beim UN-Gericht seine Aussage zu Protokoll gab und seine grundsätzliche Bereitschaft erklärte, als Zeuge aufzutreten. Bisher wurde Soso in den Prozessen gegen Milosevic und dessen Vertrauten, dem damaligen Parlamentspräsidenten Momcilo Krajisnik gehört. Auch im Verfahren gegen Karadzic sind seine Schilderungen aus der ostbosnischen Stadt Rogatica ein Mosaikstein der Anklage.

Die Sosos haben lange Zeit geglaubt, dass ihre Heimatstadt Rogatica vom Krieg verschont bleiben würde. Während immer mehr Muslime die Flucht ergriffen, verließ sich die Familie auf ihre serbischen Freunde. „Wir waren damals unheimlich naiv und sind geblieben“, erzählt Edin Soso. Für seine Eltern, seine Schwester und ihn wurde nach der Belagerung der Stadt eine Schule zum Gefängnis. Unter widrigsten Bedingungen musste die Familie dort drei Jahre lang mit hunderten anderen Nicht-Serben hausen. Sie schliefen auf dem Fußoden, wurden schikaniert, bekamen kaum zu essen.

In den ersten Monaten hatte neben dem Hunger auch die Angst den jungen Soso fest im Griff. „Später wurde jedem deutlich, dass das Leben mit jeder Sekunde vorbei sein kann, dass jeder dahergelaufene Pseudo-Soldat mir das Leben nehmen kann, ohne mit der Wimper zu zucken“, erzählt Soso. Irgendwann sei aus der Angst dann ein Gefühl der Gleichgültigkeit geworden. „Man zieht den Tag dann irgendwie durch.“

Den Tag irgendwie durchzuziehen, bedeutete für den Jugendlichen Zwangsarbeit: Straßen fegen, Sandsäcke schleppen und Schützengräben ausheben. Für Soso war die knüppelharte Arbeit Glück und Pech zugleich: Im tristen Lageralltag sei die Arbeit eine Abwechslung gewesen, sagt er. „Die Kehrseite war, dass man Dinge gesehen hat, die man besser nicht hätte sehen sollen.“ Vergewaltigungen, Erschießungen, Quälereien. Und auch er selbst wurde körperlich misshandelt. „Man wird schnell erwachsen, viel zu schnell“, sagt er mit Bedauern.

Vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal auszusagen, ist für Soso „so etwas wie eine Verpflichtung dem Land und den verlorenen Menschen gegenüber“. Immer wieder hat sich das Gericht in den vergangenen Jahren bei ihm gemeldet - um offene Fragen zu klären, nochmals seine Bereitschaft zur Aussage abzufragen oder ihn nach Den Haag einzuladen. Der 30-Jährige rechnet fest damit, dass er auch gegen Karadzic in den Zeugenstand gerufen wird. Angst, einem mutmaßlichen Kriegsverbrecher dabei in die Augen zu schauen, hat er nicht. „Ich möchte, dass diejenigen mich sehen, die mir und meiner Familie Leid angetan haben.“

Nach seiner Aussage gegen Milosevic spürte Soso Erleichterung und Genugtuung. Der Ex-Präsident hatte sich selbst verteidigt und den Zeugen im Prozess befragt. Unentwegt versuchte er dabei, Soso aus dem Konzept zu bringen, ihn zu widersprüchlichen Aussagen zu verleiten. „Ich hatte hinterher den Eindruck, mich gut geschlagen zu haben“, sagt Soso.

Im Fall Karadzic erwartet der gebürtige Bosnier ein langwieriges Verfahren. Der 64-Jährige, der wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen angeklagt ist, werde „dem typischen Muster“ folgen: Alles abstreiten und den Prozess in die Länge ziehen. „Für mich ist das aber zweitrangig“, sagt Soso. „Er sitzt und wird irgendwann auch verurteilt.“

afp

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