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Politik Bettina Wulff kehrt ins Rampenlicht zurück
Mehr Welt Politik Bettina Wulff kehrt ins Rampenlicht zurück
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13:21 06.06.2013
Von Stefan Koch
„Jetzt trete ich erst einmal diese Aufgabe an. Alles Weitere wird sich zeigen“: Bettina Wulff auf der Orthopädiemesse in Leipzig. Quelle: Heinz
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Leipzig

Es ist, als sei nie etwas gewesen. Bettina Wulff steht genauso entspannt im Scheinwerferlicht wie damals, als sie noch First Lady an der Seite des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue war. Vielleicht genießt sie es sogar genauso wie damals. Nur dass sie an diesem Dienstag   zum ersten Mal seit langer Zeit wieder als berufstätige Frau in eigener Sache unterwegs ist. Auf der Leipziger Messe plaudert sie mit den Ausstellungsmachern der internationalen Orthopädiemesse über deren Hightechprodukte, vor den Fernsehkameras erzählt sie lächelnd von ihrem neuen Interesse: Die Ehefrau des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff ist ab sofort als eine Art Sonderbotschafterin für die Paralympischen Spiele unterwegs. Nicht ehrenamtlich, sondern als bezahlte, freie Mitarbeiterin des Orthopädieunternehmens Otto Bock aus dem südniedersächsischen Duderstadt.

Dass die prominente Mutter aus Großburgwedel an diesem Tag sozusagen ihren neuen Job antritt, deutet sich schon in ihrem Äußeren an: cremefarbener Blazer, weißes T-Shirt, Jeans, großzügiger Schmuck, alles ziemlich handfest. Sie hat sich auch nicht von einem Fahrer von Hannover nach Leipzig chauffieren lassen, sondern einfach den Zug genommen. Der Abschied aus dem Schloss Bellevue ist genau drei Monate her. Gefühlt scheint es eine Ewigkeit zu sein.

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Beide Wulffs hatten sich in den vergangenen Wochen betont zurückhaltend gegeben. In Hannover schlenderten sie gelegentlich gemeinsam durch die Innenstadt, allem Anschein nach gut erholt. In der Öffentlichkeit war nach all den Querelen von ihnen wenig zu hören. Von Christian Wulff gar nichts, seine Frau immerhin ist vor einem Monat einmal in Berlin aufgetreten bei der Stiftung „Eine Chance für Kinder“, deren Schirmherrin sie noch ist. Auch damals wirkte sie selbstbewusst. Nur einmal, als Fotografen sie um ein Lächeln baten, soll sie ziemlich schroff geworden sein: „Wie ich gucke, müssen Sie noch mir überlassen.“ Da war zu spüren, dass nach der Kreditaffäre des Bundespräsidenten und der wochenlangen negativen Presse das Verhältnis zu den Medien  noch nicht wieder restlos entspannt ist.

Auf umso größeres Interesse stößt nun die Neuorientierung von Bettina Wulff. Den Wiedereinstieg ins Berufsleben erleichtern ihr die gastgebenden Firmenvertreter, die sie mit höflich zurückhaltendem Applaus in den Messehallen begrüßen. Dann geht es zur Sache. Heinrich Popow, der bei den Paralympischen Spielen als 100-Meter-Sprinter und Weitspringer mehrfach Medaillen gewann und demnächst zur Orthopädiefirma Otto Bock wechselt, fachsimpelt mit seiner künftigen Kollegin über die Vorzüge des sogenannten C-Legs. Der 28-Jährige, der selbst eine computergestützte Beinprothese trägt, setzt auf Wulffs Engagement: „Ich hoffe sehr, dass Sie uns dabei helfen, unseren Sport stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen.“

Unser Sport, das ist der Behindertensport, und das sind insbesondere die Paralympischen Spiele. Alle vier Jahre kämpfen drei Wochen nach den Olympischen Sommerspielen am gleichen Ort  Sportler mit körperlichen Behinderungen um Medaillen und Ränge.  Ihren ersten Einsatz wird Bettina Wulff nun vom 29. August bis zum 9. September in London haben; an der Seite von Otto-Bock-Chef Hans-Georg Näder soll sie Ehrengäste aus Sport, Politik und Wirtschaft betreuen.

Einen ganz praktischen Nutzen sieht Näder da: „Wir haben schon eine Menge erreicht, um diese Wettkämpfe aus der Krankenecke herauszuholen. Aber von Bettina Wulffs Einsatz verspreche ich mir noch einmal einen deutlichen Schub.“

Der 50-jährige Firmeneigentümer  kann sich durchaus vorstellen, dass die ehemalige First Lady nach ihrer Arbeit für die diesjährigen Paralympics in London auch die Wettkämpfe in Sotschi 2014 und Rio de Janeiro 2016 begleitet. Damit gehört sie zu einem Team von fast 100 Otto-Bock-Technikern, die den Spitzensportlern zur Seite stehen, wenn es in der Hitze der Wettkämpfe Probleme mit den Prothesen oder Orthesen gibt. Während sich die Spezialisten aus Südniedersachsen der leistungsstarken Kunstbeine oder -arme annehmen, kommt Bettina Wulff als Ansprechpartnerin für die Delegationen aus aller Welt zum Einsatz. Als Marketingfachfrau und ehrenamtliche Schirmherrin der Stiftung „Schutzräume für Kinder“ bringt sie dafür nach Näders Meinung beste Voraussetzungen mit. „Sie soll dieser Veranstaltung ein neues Gesicht geben“, sagt er. Sie selbst sagt es so: „Ich finde es beeindruckend, wie die Paralympics zu einem unverkrampften Umgang mit dem Thema Behinderung beitragen. Wenn ich helfen kann, arbeite ich gern daran mit.“

Vor 20 Jahren, erinnert sich Näder, habe er noch darum gekämpft, dass die Medaillenjagd der Behindertensportler in den großen Sportsendungen überhaupt erwähnt wurde. Heute würden die internationalen Fernsehsender 100 Stunden live berichten.

Für Bettina Wulff steht nun nächste Woche ein Flug nach Manchester auf dem Dienstplan, um eine Wanderausstellung der Firma zu den Paralympischen Spielen zu besuchen. Wie für jeden Neueinsteiger gilt auch für sie, zunächst den neuen Arbeitgeber und dessen Konzerngeflecht genauer kennenzulernen. Den Blick, so sagt sie, richtet sie nach vorn.

Als sich am Nachmittag der Rummel um diesen seltenen Auftritt nach dem Rücktritt ihres Ehemannes legt, findet die 38-Jährige Zeit für eine kurze Rückschau. „Nach all den Ereignissen der vergangenen Monate ist es eine gute Gelegenheit für einen Neustart“, sagt sie. „Zuerst einmal mussten wir unsere Familie wieder fest in Großburgwedel verankern. Besonders für die Kinder war das wichtig.“ Die Schule, das Vereinsleben, der Freundeskreis – den neuen Alltag der Jungen zu organisieren hat Zeit gekostet. Jetzt aber sei es Zeit für einen neuen Lebensabschnitt – für alle.

Und was ist mit dem Buchprojekt, das sie gemeinsam mit ihrem Mann in Angriff nehmen wollte? Über ihre 598 Tage als First Lady? „Mal schauen. Jetzt trete ich erst einmal diese Aufgabe an. Alles Weitere wird sich zeigen.“

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