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Politik Beim Parteitag wird Rebellin Pauli wird zur Herrscherin
Mehr Welt Politik Beim Parteitag wird Rebellin Pauli wird zur Herrscherin
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21:59 26.07.2009
Von Marina Kormbaki
Gabriele Pauli (2.v.r.), Vorsitzende der Freien Union, und ihre neu gewählten Stellvertreter Josef Brunner (links) und Peter Frühwald. Quelle: Nigel Treblin/ddp
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Viel ist da die Rede von der Liebe zu den Menschen als Grundlage politischen Handelns. Pauli lässt ihre rund 170 Anhänger im nicht einmal zur Hälfte gefüllten Saal vergessen, dass sie sich auf einem Parteitag befinden, und beschwört mit verschwurbelter Wohlfühlrhetorik die Atmosphäre einer Esoterikmesse herauf: „Die Menschen müssen spüren, dass sie untereinander verbunden sind, und ihrer inneren Stimme folgen.“ „Jeder trägt die Macht über sein Leben in sich selbst.“ „Erfolg ist, wenn man sich selbst folgt.“

Der Zweck dieses eiligst zusammengerufenen und von der niedersächsischen Landesvorsitzenden Nancy Mandody organisierten Parteitages war es, einen neuen Bundesvorstand zu wählen. Pauli hatte ihre beiden stellvertretenden Parteivorsitzenden Michael Meier und Sabrina Olsson vor wenigen Tagen gefeuert – weil die beiden Bayern angeblich die Aufbauarbeit der Partei und der Landesverbände „extrem behindern“. Außerdem sollten im Bundesvorstand dieser gesamtdeutschen Partei auch Nicht-Bayern sitzen. Meier und Olsson wiederum zweifeln die Rechtmäßigkeit ihres Rausschmisses an – ebenso wie die des Sonderparteitages. Fristen seien nicht eingehalten, Satzungen nicht befolgt worden. Pauli findet solche Argumente kleinkariert.

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Solch niederen Dinge wie politische Ämter, hält Pauli ihre beiden geschassten Stellvertretern vor versammelter Mannschaft vor, seien nichts wert im Vergleich zu der hehren Aufgabe, den Menschen den Glauben an sich selbst zurückzugeben. „Wir müssen uns einer Politik der neuen Art widmen“, sagte Pauli noch. Wie diese „Politik der neuen Art“ aussieht, zeigt sich nach der Mittagspause.

Als Olsson und Meier über die Beschlussfähigkeit des Parteitages abstimmen lassen wollen, kommt es zum Tumult: Weil ihr Anliegen übergangen wird, entern sie mit ein paar Sympathisanten die Bühne, das Plenum tobt vor Wut, unflätige bayerische Kraftausdrücke sind zu vernehmen. Pauli löst kurzerhand den Parteitag auf, alle müssen den Saal verlassen und erst einmal tief durchatmen. Meier und Olsson ringen Paulis Pressesprecher Alois Braun noch das Versprechen ab, wieder in den Saal gelassen zu werden. „Selbstverständlich“, sagt der.

Dann aber verwehrt Pauli selbst ihnen mit vollem Körpereinsatz den Zutritt zum Saal. Es kommt fast zu Handgreiflichkeiten – Liebe als Grundlage politischen Handelns hin oder her. Die Journalisten müssen auch draußen bleiben. „Wir müssen uns erst mal selbst finden“, klärt Pauli sie auf, huscht durch die Tür und lässt sie schnell von innen verriegeln.
Hinter diesen verschlossenen Türen habe man dann eine sehr „harmonische und sachorientierte“ Wahl vorgenommen, teilt Gabriele Pauli hinterher mit. Dass wieder zwei Bayern zu Stellvertretern gewählt worden sind, findet sie merkwürdigerweise kaum erwähnenswert.

Vor der Tür bleiben die verstoßenen Freie-Union-Mitglieder Meier und Olsson, die Pressevertreter und der Pressesprecher Braun, den seine Parteifreunde in dem ganzen Wirrwarr versehentlich mit ausgesperrt haben. Der, offensichtlich eine Frohnatur, schlägt vor, gemeinsam Bier zu trinken und abzuwarten.

Olsson und Meier reden sich ihren Frust von der Seele. „Wir sind doch angetreten für mehr Offenheit und Transparenz, als es in anderen Parteien der Fall ist – aber das hier sind ja monarchische Verhältnisse“, schimpft Olsson. Aus dem Sitzungssaal kommen immer mehr Parteimitglieder kopfschüttelnd, das bissige Wort von der Herrscherin „Pauli I.“ macht die Runde. Unter den Enttäuschten sind viele vom Landesverband Baden-Württemberg. Deren Vorsitzender, Volker Kumpf, spricht von einem „unglaublichen Vorgang“. „Die Partei zerfleischt sich doch selbst“, sagt Kumpf. Er und seine Leute überlegen, ob sie nicht doch aus der Partei austreten.

Die Euphorie, mit der die Delegierten zu diesem ersten großen Parteitag gekommen sind, ist bei vielen, wenn auch längst nicht allen, einer beklemmenden Ernüchterung gewichen. Die Fürtherin mag zwar die Gallionsfigur der bunt zusammengewürfelten Truppe sein; aber die „selbstgefällige Art“, mit der Pauli sich über Satzungen hinwegsetze, monieren viele. „Wer glaubt sie eigentlich, wer sie ist?“, fragt denn auch Michael Meier.

Dass „sie“ vielleicht nicht ganz so strahlend ist wie gerade noch geglaubt, haben die Parteimitglieder in den letzten Tagen erfahren: Mit den Unterstützerunterschriften kann die Freie Union lediglich in Bayern zur Bundestagswahl am 27. September antreten. Auch damit hat Pauli wohl nicht gerechnet, als sie den Sonderparteitag selbstbewusst im niedersächsischen Celle organisieren ließ.