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Politik Barack Obama: Vom Versöhner zum Kämpfer
Mehr Welt Politik Barack Obama: Vom Versöhner zum Kämpfer
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16:18 05.11.2012
Von Stefan Koch
Man werde auch die sozialen Probleme im Lande lösen, versprach Präsident Obama zu Beginn seiner Amtszeit 2009. In Wirklichkeit sind die reichen USA in weiten Teilen jedoch ein armes Land geblieben. Quelle: dpa
Washington

Die Amerikaner sollten wählen gehen, sagte Barack Obama, um die Republikaner „mit aller Macht am Einzug ins Weiße Haus zu hindern". Der 6. November sei der Tag der „Abrechnung".

Whow! Was für eine Tonlage für den Friedensnobelpreisträger, der in den vergangenen Jahren so viel von gemeinsamer Verantwortung, vom Dienst am Land und von der Fürsorge für benachteiligte Menschen sprach.  Es ist offensichtlich: Die Kampagne 2012 hinterlässt tiefe Spuren bei dem Amtsinhaber. Das Lachen über die Vorwahlkämpfe der „Grand Old Party", bei der sich einige Kandidaten bis auf die Knochen blamierten, ist ihm gründlich vergangen. Obama muss bis zur letzten Minute kämpfen und um sein Amt zittern. Noch am Montag ließ er sich in der „Air Force One" in mehrere Bundesstaaten fliegen, um Reden zu halten, die angesichts der Zeitnot nicht länger als 15 Minuten dauerten. Und sein bester Mitstreiter, der frühere Präsident Bill Clinton, brachte es in den vergangenen sechs Wochen auf bemerkenswerte 38 Wahlkampfauftritte, um dem Mann, der 2008 gegen seine eigene Ehefrau angetreten war, noch einmal ins Amt zu helfen.

Wahlstrategisch betrachtet leistete Obamas Team unglaubliches: Obwohl so viele Menschen in den USA händeringend einen Job suchen, die Wirtschaftswachstumsraten nur mager sind und das Staatsdefizit so erschreckend hoch ist, dass es sich fast mit griechischen Verhältnissen vergleichen lässt, drängten die Demokraten die Republikaner über Monate in die Ecke. Die Wahlkampfzentrale in Chicago, „the machine" genannt, schuf ein Zerrbild von Romney, das fast beängstigend war: Mit diesem Unternehmer strebe ein Superreicher an die Macht, der darauf spezialisiert sei, Leute zu feuern, Firmen zu zerschlagen und Amerikas Wirtschaft ausbluten zu lassen. Romney, so die Botschaft der zahllosen Wahlspots im Sommer, sei ein eiskalter Spekulant, der seinen superreichen Freunden zu noch höheren Profiten verhelfen will.

Das Ablenkungsmanöver funktionierte so gut, dass Obama über diesen Erfolg fast das eigene Kämpfen vergessen hätte: Bei der ersten landesweit übertragenen Fernsehdebatte gab der Präsident ein schwaches Bild ab. Mancher Beobachter vermutete, dass er gedanklich fast abwesend gewesen sei. Andere sagen, dass sich Obama seines Wahlsieges so sicher gewesen sei, dass er sich mit diesem Politiker gar nicht messen wollte.

Tatsächlich hätte der 51-Jährige durch diesen Fehler fast seinen gesamten Vorsprung zunichte gemacht. Doch Obama ist ein Steh-auf-Männchen, der zu kämpfen versteht. Bei den folgenden TV-Duellen drehte er in altbewährter Manier auf und gewann im Handumdrehen die Sympathien zurück. Und an diesem Sonnabend hämmerte er seinen Anhänger bei mehreren Veranstaltungen ein: „Ich bin noch nicht kampfesmüde. Ich habe noch eine Menge vor. Wir brauchen weitere vier Jahre!"

Obamas Wandel, den das Publikum in den vergangenen Wochen fast wie im Zeitraffer beobachten konnte, lässt sich allerdings nur vor dem Hintergrund der vergangenen vier Jahre verstehen. Der 44. Präsident war mit einer übergroßen Agenda angetreten, vieles hat er auch erreicht. Aber seinem eigenen Anspruch ist er letztendlich nur zum Teil gerecht geworden. Nach den turnusgemäßen Wahlen in der Mitte seiner Amtszeit sah er sich plötzlich einer republikanischen Mehrheit im Repräsentantenhaus gegenüber,  die sich einer Zusammenarbeit fast vollständig verweigerte. Reihenweise wurden die Gesetzesvorschläge der Demokraten in der Luft zerrissen. Die Vereinigten Staaten von Amerika steuerten auf eine politische Stagnation zu. Die Opposition brachte sogar sein Lieblingsprojekt, die Gesundheitsreform, vor den Obersten Gerichtshof.

Es war vielleicht die größte Genugtuung des Staatsoberhauptes, dass "Obamacare" schließlich von den höchsten Richters für rechtens erklärt wurde. Zurück bleibt allerdings viel Bitterkeit: Politikferne Fachleute wunderten sich, warum eine Gesundheitsreform so vehement von den Republikanern bekämpft wurde, obwohl sie unzählige Forderungen der Opposition enthält und letztlich auf das Modell zurückgeht, dass Herausforderer Romney als damaliger Gouverneur von Massachusetts überhaupt erst entwickelt hatte.

In den – vielleicht ersten – vier Jahren seiner Präsidentschaft ist Obama im Amt ergraut. Mit Blick auf sein Äußeres sprechen einige konservative Medien in den USA davon, dass er einfach erschöpft sei. Liberale Kommentatoren erkennen in dieser Veränderung etwas ganz anderes: Das sei der Preis der Reife.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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