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Politik Baerbocks Parteitagsrede – Selbstkritik und ein nüchterner Blick nach vorne
Mehr Welt Politik Baerbocks Parteitagsrede – Selbstkritik und ein nüchterner Blick nach vorne
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08:00 13.06.2021
Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock bei ihrer Rede auf dem Grünen-Parteiag.
Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock bei ihrer Rede auf dem Grünen-Parteiag. Quelle: Kay Nietfeld/dpa
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Berlin

Ein Lächeln, ein kurzes Nicken, das ist es dann. Annalena Baerbock gönnt sich keine Jubelgeste, keine gereckten Arme, keine geballten Fäuste – obwohl es doch nun so weit ist: Der Parteitag hat ihre Nominierung als Kanzlerkandidatin bestätigt. 687 Delegierte haben für sie gestimmt, sechs gegen sie. Vier Delegierte haben sich enthalten.

Das sind 98,55 Prozent und die zu 100 Prozent fehlenden zehn Stimmen sind in diesem Fall kein Makel, sondern aus Grünen-Sicht ein Segen: Die totale Widerspruchslosigkeit gilt seit dem erfolglosen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz als schlechtes Omen in einem Wahlkampf.

Und besser als Baerbocks gutes Ergebnis bei der Wahl zur Parteichefin ist es dennoch. Müsste also passen.

Wenn die Anspannung weicht

„Ein Wahnsinnsergebnis“ – so beginnt Baerbock ihre Rede danach, da durchbricht doch ein bisschen Begeisterung die Anspannung.

Anderthalb Tage Parteitag sind da schon vorbei, auf denen sie sich kaum hat sehen lassen, während ihr Co-Parteichef Robert Habeck entspannt oder zumindest demonstrativ entspannt durch die Halle streifte.

Es ist ja gerade nicht ganz einfach: Baerbock hat ihren Lebenslauf mehrfach korrigieren müssen.

Der Anfangsschwung ist gebremst, die Umfragewerte sind gesunken. Da kann man als Kanzlerkandidatin schon nervös werden.

Botschaft an Habeck

Sie habe Fehler gemacht, sagt sie nun gleich zu Beginn ihrer Rede. Und sie danke daher umso mehr für die Unterstützung. Einen besonderen Gruß richtet sie in die erste Zuschauerreihe. Dort sitzt Habeck, der keinen Hehl daraus gemacht hat, wie gerne er selber Kanzlerkandidat geworden wäre. „Dich an meiner Seite zu wissen, das hat Kraft gegeben und volle Power“, sagt Baerbock. Dann richtet sie ihren Blick nach vorne. Und da soll ja im September ein Grünen-Wahlsieg stehen.

„In diesem Sommer dreht sich der Wind“, ruft Baerbock also. Man dürfe nicht nur auf Umfragen schauen, sagt Baerbock. „Es liegt an uns, ob wir neue Kraft schöpfen.“

Den Begriff „Freiheit“ hat Habeck am Vortag in den Mittelpunkt seiner sehr leidenschaftlichen Rede gestellt.

Baerbock spricht deutlich nüchterner von Veränderung, Aufbruch und von Zutrauen, das man haben müsse – in sich selber und in die Menschen. Klimaschutz, mehr Rechte und Chancen für Kinder, Daseinsvorsorge und Europa sind ihre zentralen Themen – und dabei grenzt sie sich von der politischen Konkurrenz ab. Die sage nur, was sie nicht wolle, und bleibe ansonsten unkonkret.

Klimaneutrale Zukunft

Es sei etwa absurd zu behaupten, Klimaschutz gefährde den Wohlstand, sagt sie. „Das 20. Jahrhundert ist vorbei. Die Märkte der Zukunft sind klimaneutral“, ruft Baerbock in die Halle. Die ist nicht besonders voll, ein paar Dutzend Neumitglieder sind da und viele aus dem Organisationsteam der Grünen, sie schaffen eine ganz ordentliche Applauskulisse. Die meisten Delegierten verfolgen den Parteitag wegen der Pandemie am Computer.

Es sei nicht die Frage, ob der Wandel komme, sondern, wer ihn am besten gestalten könne, sagt Baerbock. Die Antwort der Delegierten wäre vermutlich klar, aber die Kanzlerkandidatin zieht den Kreis über die klassische Grünen-Klientel hinaus.

Beim Aufbruch müsse man auch die Pendler, die Stahlarbeiter und die Handwerker mitnehmen. Und sie schließt sich bei den Pendlern und Autofahrern selbst mit ein, sozusagen rückwirkend: Da habe sie nämlich zum Jobben in eine Bäckerei pendeln müssen – und eine Bus- und Bahnverbindung habe es nicht gegeben. „Das Auto war für mich mit 18 meine große Freiheit“, sagt sie. Da ist er wieder, der Begriff Freiheit. Und da ist auch der indirekte Hinweis, dass Baerbock jede Sorge über steigende Benzinpreise verstehe.

Das Leben der Mutter

Die Bildungsgeschichte ihrer Mutter, die sich gegen eine frühe negative Lehrereinschätzung bis zum Studium kämpfte, sieht sie als Beispiel für Brüche und Verschiedenheit von Lebensläufen. „Jeden Einzelnen und jede Einzelne müssen wir sehen und hören“, sagt Baerbock.

Irgendwo zwischen China und Cyberabwehr lässt die Konzentration dann etwas nach, Baerbock hat einen kurzen Hänger. Sie lacht darüber hinweg.

Es ist sonst bislang alles gut gelaufen auf diesem Parteitag: Der Vorstand hat bis zum Nachmittag alle Abstimmungen über die Änderungen des Wahlprogramms, schmettert einen höheren CO₂-Preis ab und auch die Forderung nach Enteignung von Wohnungsbaukonzernen – was man in den Wahlkampfzentralen der Union bereits als Angriffspunkte identifiziert hatte.

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„Jetzt ist der Moment, unser Land zu verändern“, ruft Baerbock zum Schluss. Sie lächelt und verbeugt sich, Habeck steht jetzt wieder an ihrer Seite.

Als beide die Bühne verlassen, entfährt Baerbock ein „Scheiße“. In ihrem Umfeld heißt es, sie habe sich über ihren Hänger in der Rede geärgert.

Von Daniela Vates/RND

Der Artikel "Baerbocks Parteitagsrede – Selbstkritik und ein nüchterner Blick nach vorne" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.