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Politik Axt-Attacke auf dänischen Islam-Kritiker
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22:41 03.01.2010
Der dänische Karikaturist Kurt Westergaard. Quelle: AP
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Der 28-jährige Täter drang in der Nacht zum Sonnabend mit einer Axt und einem Messer bewaffnet in das Haus des dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard ein. Der Zeichner konnte sich noch in den Panikraum retten. Die Polizei erschoss den radikalen Moslem anschließend.

Dabei geht esviel braver rein äußerlich, eigentlich kaum: eine einförmige Bungalowsiedlung am Stadtrand, typisch sechziger Jahre, ein Haus wie das andere, der Inbegriff des ersten Eigenheims für gut verdienende Akademiker. Hier, am Rande der dänischen Stadt Århus, wohnt Kurt Westergaard, der Karikaturist, dessen Mohammed-Zeichnungen für weltweiten Aufruhr gesorgt haben. Im Inneren ist sein Haus mit der Nummer 110 gar nicht langweilig: viel helles Holz, gerade Linien, moderne Kunst an der Wand, dänische Designklassiker im Wohnzimmer – und gleich rechts neben der Garderobe ein Panikraum. Gäbe es ihn nicht, diesen Panikraum, Westergaard würde heute wahrscheinlich nicht mehr leben.

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Kurt Westergaard hat gewusst, dass er ihn eines Tages brauchen würde. Vor knapp zwei Jahren haben die dänischen Sicherheitsbehörden zwei Tunesier und einen Marokkaner festgenommen und eigenen Angaben zufolge einen Mordanschlag auf Westergaard verhindert. Schon damals sagte der Zeichner der Tageszeitung „Jyllands-Posten“, seine Karikatur des Propheten Mohammed mit einer Bombe im Turban werde ihn wohl ein Leben lang verfolgen.

Am Freitagabend um kurz nach 22 Uhr ist aus der bangen Vorahnung bittere Realität geworden. Mit einer Axt und einem Messer bewaffnet stürmt ein 28-jähriger Somalier das Haus der Westergaards. In letzter Sekunde kann der Zeichner seine fünfjährige Enkelin schnappen und sich mit ihr in dem Badezimmer verbarrikadieren. Das Fenster des hell gekachelten Raums ist aus Panzerglas, die Tür ist mit einer Stahlplatte und zusätzlichen Riegeln verstärkt. In dem Raum ist ein Alarmknopf installiert, der unabhängig von der Stromversorgung des Hauses einen Notruf an die Arhuser Polizei absetzt. Hier warten der Großvater und das kleine Mädchen auf Hilfe, während der Angreifer mit der Axt auf die Tür einschlägt, in gebrochenem Dänisch „Blut“ und „Rache“ schreit. Die Zeit scheint dem Kind endlos.

Drei Minuten nach dem Absetzen des Notrufs ist der erste Einsatzwagen vor Ort. Wenige Minuten später ist es ein knappes Dutzend. Als der Attentäter die Beamten mit seiner Axt und einem Messer bedroht, setzen sie ihn mit gezielten Schüssen in Arm und Bein außer Gefecht.

Als alles vorbei ist, gibt Westergaard sich gefasst. „Ich wusste, der Täter würde sich nicht an dem Mädchen vergreifen“, sagt er, als wolle er sich in diesem Glauben im Nachhinein noch einmal bestärken. Aber dann, nach kurzem Zögern: „Und wenn doch, ich hätte nichts machen können.“

Über den Angreifer ist bisher relativ wenig bekannt. Laut Angaben des dänischen Geheimdienstes PET steht der Ostafrikaner in Verbindung mit den radikal-islamischen Schabab-Milizen in Somalia und der Führung des Terror-Netzwerkes Al Qaida. Aus diesem Grund sei der 28-Jährige zusammen mit anderen Somaliern seit einiger Zeit überwacht worden. Wie es ihm dennoch gelingen konnte, von seiner Wohnung am Stadtrand Kopenhagens in das rund 300 Kilometer entfernte Århus zu gelangen und in das Haus der Westergaards einzudringen, bleibt eine offene Frage. Den Behörden zufolge hat sich der Somalier „spontan“ zu dem Attentatsversuch entschlossen und allein gehandelt.

Weniger überraschend hingegen ist, dass Westergaard wieder zum Ziel eines Anschlagsversuchs geworden ist. Der Zeichner hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Symbolfigur im Streit um Meinungsfreiheit und Islamkritik entwickelt, auch weil er sich nicht aus der Öffentlichkeit zurückzog und sich immer wieder zu Wort meldete – im Gegensatz zu den anderen elf Karikaturisten, deren Zeichnungen sich in der „Jyllands-Posten“ im September 2005 kritisch mit dem Islam und mit islamischem Extremismus auseinandersetzten. Die Zeichnungen lösten wütende Proteste in der islamischen Welt aus, mehr als 150 Menschen kamen bei Unruhen ums Leben. Westergaard aber ließ sich nicht beirren. Erst vor einem Jahr illustrierte er das sehr islamkritische Buch eines dänischen Publizisten.

„Natürlich ist da auch Trotz dabei, und Trotz ist ein guter Antrieb“, begründete er seine Entscheidung damals. „Es ist doch absurd, dass man sich in seinem eigenen Land verstecken muss. Ich habe nichts Kriminelles getan, nur meinen Job als Zeichner ausgeführt.“

Es gehe ihm um das Prinzip der Meinungsfreiheit, betont Westergaard immer wieder. Auch der Vorwurf, mit seiner Zeichnung des Propheten Mohammed habe er Moslems kränken oder provozieren wollen, sei absurd. „Mit der Bombe im Turban habe ich lediglich darstellen wollen, dass zahlreiche Terroristen ihren geistigen Sprengstoff aus dem Koran beziehen.“ In Dänemark könne jeder seine Religion ausüben, wie er wolle. Er müsse nur die Grundlagen der säkularen Gesellschaft, also Demokratie und Menschenrechte, akzeptieren. „Für mich ist die Karikatur ein Ausdruck von Anerkennung und Gleichberechtigung, dass wir die Zuwanderer ebenso aufs Korn nehmen wie die normalen Dänen. Mein eigenes, hausgemachtes demokratisches Credo lautet: Ich kritisiere dich, ergo nehme ich dich ernst.“

Dieses Credo aber hat das Leben Westergaards und seiner Familie wohl für immer verändert. In den vergangenen Jahren stand er unter permanenter Beobachtung der Sicherheitsbehörden, lebte phasenweise unter wechselnden, geheim gehaltenen Adressen. Sein Haus wurde von Spezialisten zu einem Hochsicherheitstrakt umgebaut, in seiner Hosentasche trägt Westergaard immer einen Alarmknopf. Während der Geburtstagsfeier seiner Frau war ein Sicherheitsbeamter als Kellner getarnt, während zwei weitere Kollegen in der Garage des Hauses bereitstanden. Wollte Westergaard sein Heim verlassen, musste er die Behörden im Vorfeld darüber informieren. Nach den Ereignissen des Wochenendes wird er nun einen permanenten Personenschutz erhalten.

Zu Recht, findet der Terrorismus-Experte Lars Erslev Andersen vom Dänischen Institut für Internationale Studien. Denn die Gefahr für Westergaard werde auch künftig nicht geringer werden. Andersen zufolge führt Al Qaida den Krieg gegen den Westen auf drei unterschiedlichen Ebenen – politisch, wirtschaftlich und kulturell. Laut Terroristenführer Osama bin Laden, sagt Andersen, sei die kulturelle Ebene die wichtigste und Westergaard aufgrund seiner Zeichnung das personifizierte Feindbild. So passe auch ins Bild, dass man erst kürzlich in den USA einen Mann verhaftete, der konkrete Anschlagspläne auf „Jyllands-Posten“, Westergaard sowie den Feuilletonchef des Blattes, Flemming Rose, gehabt habe. Erschwerend komme hinzu, dass sich Dänemark sowohl im Irak-Krieg engagiert habe als auch derzeit im Süden Afghanistans. „Vor diesem Hintergrund ist der Angriff auf Westergaard vom Neujahrsabend eine Tat, die sich gegen ihn konkret, gleichzeitig aber auch gegen Dänemark als Land richte“, sagt Andersen.

Unterdessen befindet sich Kurt Westergaard an einem geheim gehaltenen Ort. Ob der Anschlag ihn davon abbringen wird, sich künftig zu äußern, ist mehr als fraglich. „Was habe ich noch zu verlieren?“, hat der 74-Jährige einmal lakonisch gefragt. Die Angst sei sein ständiger Begleiter. Doch habe er gelernt, sie in Wut auf diejenigen zu wandeln, die sein Leben derart bedrohten: „Jetzt fangen auch viele Dänen an zu sagen, nein, bitte keine neuen Zeichnungen. Ich bekomme jede Menge Post, in der die Leute mich auffordern, aufzuhören. Aber wo soll das enden? Wollen wir wirklich um des lieben Friedens willen kapitulieren und die Meinungsfreiheit opfern?“

Mag sein, dass Westergaard in den Minuten, in denen er sein verängstigtes Enkelkind in einem Panikraum im Arm hielt, sehr genau wusste, was er verlieren könnte. „Es war grauenhaft“, schrieb er am Tag danach in der Online-Ausgabe der „Jyllands-Posten“. Und: „Es war knapp, wirklich knapp.“

von Marc-Christoph Wagner

Januar 2006: In Gaza brennen dänische Flaggen
Nach massiven Protesten in arabischen Ländern hat sich die dänische Zeitung „Jyllands-Posten“ für die Verletzung religiöser Gefühle durch die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen entschuldigt. Zugleich distanzierte sich Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen im Fernsehen erstmals öffentlich von den Zeichnungen. Rasmussen sagte: „Ich würde nie Bilder von Jesus oder Mohammed veröffentlichen, durch die andere gekränkt werden könnten.“

Die Zeitung und der Regierungschef reagierten damit am späten Montagabend auf eine massive Zuspitzung des Konfliktes zwischen islamischen Ländern und Dänemark um die Mohammed-Karikaturen. Aus Protest gegen die von Muslimen als Gotteslästerung betrachteten satirischen Zeichnungen drangen nach Augenzeugenberichten in Gaza-Stadt bewaffnete Palästinenser in ein EU-Büro ein und zündeten dänische Flaggen an. Die radikal-islamische Hamas rief zum Boykott dänischer Produkte auf. Regierungsstellen in Oslo und Kopenhagen bestätigten, eine palästinensische Fatah-Gruppe habe alle Bürger aus den skandinavischen Ländern Dänemark, Norwegen und Schweden ultimativ zum Verlassen des Gazastreifens bis Dienstag aufgefordert.

Man nehme die Drohungen ernst, teilten die betroffenen Außenministerien mit, das dänische Rote Kreuz hat seine Mitarbeiter aus Gaza abgezogen. Das dänische Außenamt warnt seine Bürger vor Reisen nach Saudi-Arabien und empfiehlt besondere Vorsicht in Algerien, Ägypten, Jordanien, Libyen, Syrien und Pakistan. In Mekka in Saudi-Arabien wurden zwei Mitarbeiter des dänisch-schwedischen Molkereikonzerns Arla überfallen, in Basra im Irak untersuchen die dänischen Truppen, ob eine nahe einem dänischen Militärkonvoi explodierte Bombe mit den Protesten zu tun hat.

Der Boykott dänischer Waren griff am Montag von Saudi-Arabien auf andere islamische Länder über und bedrohte Exportinteressen in Milliardenhöhe. Nach Saudi-Arabien haben auch Libyen und Kuwait ihre Botschafter aus Dänemark abberufen, die Parlamente in Jemen, Bahrain und Syrien verurteilten die in Dänemarks auflagenstärkster Zeitung „Jyllands-Posten“ erschienenen Zeichnungen, die gegen das islamische Verbot verstoßen, Allah oder seinen Propheten abzubilden. Die Islamische Konferenz und die Arabische Liga wollen in der Generalversammlung der Vereinten Nationen eine Resolution lancieren, in der „Angriffe auf Religion und Glauben“ verboten werden sollen. Jyllands-Postens Chefredakteur hatte bereits am Wochenende auf der Internetseite seiner Zeitung auf Arabisch erklärt, dass man nicht die Absicht gehabt habe, mit den Zeichnungen jemanden zu kränken. von Hannes Gamillscheg

Februar 2006 Arabische Staaten wollen Strafe für Karikatur
Der durch Karikaturen ausgelöste Kampf der Kulturen geht in eine neue Runde: Minister aus 17 arabischen Staaten haben am Mittwoch eine Bestrafung der Verantwortlichen für die Veröffentlichung der Mohammed-Zeichnungen in der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ gefordert. In einer Erklärung, die zum Ende eines Innenministertreffens der Arabischen Liga in Tunis verkündet wurde, hieß es, die dänische Regierung müsse dafür sorgen, „dass diejenigen, die für diese Beleidigungen die Verantwortung tragen, bestraft werden und sicherstellen, dass sich etwas Derartiges nicht wiederholt.“

In der Nacht zuvor hatte die Redaktion von „Jyllands-Posten“ bereits ihre Büros räumen müssen, weil Bombendrohungen eingegangen waren, die offenbar von militanten Moslems stammten. Eine der umstrittenen Zeichnungen zeigt den Propheten Mohammed mit einem Turban in Form einer Bombe samt brennender Zündschnur. Auf einem anderen Bild ist er als Schwert schwingender Beduine neben zwei schwarzvermummten Frauen zu sehen.

Die Karikaturen waren erstmals im vorigen Herbst veröffentlicht worden –°mit zunächst noch geringer Resonanz. Weil jedoch immer mehr moslemische Gruppen protestierten, ergab sich eine Debatte, die mittlerweile zu einer weltweiten Konfrontation geführt hat: Palästinser verbrennen dänische Flaggen, aus Supermärkten in der arabischen Welt verschwinden über Nacht dänische Produkte wie Butter oder Legosteine, das ägyptische Parlament beschloss, den Botschafter aus Kopenhagen nach Kairo zurückzuziehen.

Viele Muslime sind der Meinung, dass ihre Religion durch die für westliche Augen eher harmlosen Karikaturen zutiefst beleidigt wurde. Der Erfurter Islamwissenschaftler Jamal Malik erläutert, wer eine Karikatur von Mohammed zeichne, breche ein Tabu und löse fast zwangsläufig eine Welle der Solidarisierung in der islamischen Welt aus. Trotz der Entschuldigung der dänischen Zeitung eskaliert der Streit offenbar noch. Die Organisation Islamischer Länder forderte empört die Einschaltung der Vereinten Nationen. Umgekehrt druckten am Mittwoch zahlreiche europäische und auch deutsche Zeitungen, darunter „France-Soir“ und die „Welt“ die umstrittenen Karikaturen teilweise auf der Titelseite ab. Für den Leiter des Hamburger Orient-Instituts, Udo Steinbach, steht fest, dass sich solche Konflikte in Zukunft häufen werden. „Wir müssen unsere Prinzipien nicht bis zum Exzess ausreizen“, meint Steinbach. „Wenn es nur darum geht, dem Islam eins auszuwischen, sollte man solche Veröffentlichungen besser lassen.“ von Christoph Arens

Februar 2008: Mordpläne gegen Zeichner
Die Bilder, die vor zwei Jahren um die Welt gingen, hat in Dänemark niemand vergessen: brennende dänische Fahnen, belagerte und gestürmte dänische Botschaften, gewaltsame Demonstrationen in Teilen der islamischen Welt, die zum Tod von Dutzenden Menschen führten. In Supermarktregalen in arabischen Ländern herrschte dort, wo sonst Butter, Käse und Kekse „made in Denmark“ lagen, gähnende Leere. Die Stimmung hat sich inzwischen beruhigt, der Handelsboykott ist abgeklungen, dänische Jugendliche reisen wieder um die Welt, ohne sich als Finnen oder Deutsche auszugeben. Doch jetzt ist unverhofft die Erinnerung an die „Mohammed-Krise“ wieder aufgeflammt.

Am Dienstag hat die dänische Polizei in Århus drei Männer festgenommen und damit nach eigenen Angaben einen „Mord mit Terrorbezug“ verhindert. Mutmaßliches Opfer sollte der 73-jährige Zeichner Kurt Westergaard sein. Der hatte damals, als die Zeitung „Jyllands-Posten“ die Grenzen von Meinungsfreiheit und Selbstzensur ausloten wollte, die umstrittenste von zwölf Karikaturen des Propheten Mohammed gefertigt. Auch Moslems müssten sich in Hohn und Spott fügen, hatte „Jyllands-Postens“ Kulturchef Flemming Rose damals postuliert, und Westergaard, der glühende Atheist, hatte einen Mohammed beigesteuert, der eine Bombe mit brennender Lunte über dem grimmigen Antlitz im Turban trug. Er habe damit zeigen wollen, „dass Terroristen den Islam als ihr geistiges Werkzeug benutzen“, erläuterte er die Zeichnung, die unter gläubigen Moslems Empörung auslöste.

Die „Beleidigung des Propheten“ hatte vor zwei Jahren schon zu Morddrohungen gegen die Zeichner, gegen Rose und „Jyllands-Postens“ Chefredakteur Carsten Juste geführt, und für keinen von ihnen ist der Alltag zurückgekehrt, wie er vorher war. In Dänemark fürchtete man ein Attentat wie auf den Islamkritischen holländischen Filmemacher Theo van Gogh. Die Zeichner leben unter Polizeischutz. Als im Vorjahr in Odense eine mutmaßliche Terrorzelle ausgehoben wurde, galt „Jyllands-Posten“ als eines ihrer möglichen Anschlagsziele. Im November forderte der Polizeigeheimdienst PET Westergaard und seine Frau auf unterzutauchen, sie zogen von einer geheimen Adresse zur nächsten. Und am Dienstag um 4.30 Uhr schlug die Polizei zu.

Drei Männer wurden verhaftet, zwei von ihnen, aus Tunesien stammend, werden nun als „Gefahr für die Sicherheit des Landes“ in ihre Heimat ausgewiesen. Der dritte, ein 40-jähriger Moslem marokkanischer Herkunft mit dänischem Pass, sollte nach dem Abschluss der Verhöre wieder freigelassen werden. Für einen Haftprüfungstermin habe das belastende Material nicht gereicht, sagte PET-Chef Jacob Scharf, denn diesmal ging es nicht um harte Beweise, sondern um die Verhinderung eines Mordkomplotts. PET bezeichnet das Eingreifen als „präventive Maßnahme“.

Jetzt ist Westergaard erleichtert, dass die „augenblickliche Gefahr“ vorbei ist, auch wenn er meint, dass die Bedrohung über ihm hängen werde, so lange er lebe. „Natürlich fürchte ich um mein Leben, wenn die Polizei erzählt, dass bestimmte Personen mit konkreten Plänen arbeiten, mich umzubringen.“ Aber die Furcht sei in „Zorn und Erbitterung“ umgeschlagen: „Ich bin wütend, dass eine ganz normale Handlung, wie ich sie tausendmal ausgeführt habe, derartigen Wahnsinn auslösen kann.“ Chefredakteur Juste nennt es „beschämend“, dass ein Mann, der seine Arbeit „in voller Übereinstimmung mit dänischem Recht, dänischer Presseethik und dänischer Zeitungstradition“ ausübe, mit „Dämonisierung und konkreten Morddrohungen belohnt“ werde.

Mit Bestürzung und Empörung wandten sich auch Sprecher aller politischer Richtungen von Rechtsaußen („Das zeigt, dass Extremismus in Dänemark gedeiht“, heißt es bei der Dänischen Volkspartei) bis nach links („Gegen Morddrohungen gibt es keine Toleranz“, sagen die Volkssozialisten) gegen die Attentatspläne. Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen sieht den „Verdacht auf ein äußerst ernsthaftes Verbrechen“ als Hinweis darauf, dass es auch in Dänemark Gruppen von Fanatikern gebe, die „die Grundprinzipien, auf denen unsere Gesellschaft aufbaut, nicht anerkennen wollen“.

Doch die Lage hat sich geändert seit dem Höhepunkt der Karikaturen-Krise. Damals hatten dänische Imame versucht, die antidänische Stimmung anzuheizen. Jetzt nimmt auch die islamische Glaubensgemeinschaft „entschieden Abstand von jeglicher Bedrohung“. Im Islam sei Selbstjustiz verboten, unterstrich Sprecher Kasem Ahmad und forderte zu einem „vernünftigen Umgang“ mit der Meinungsfreiheit auf. von Hannes Gamillscheg

November 2008: Er kann es nicht lassen: Mohammed-Karikaturist weckt wieder Aufsehen
Manche sind zu trotzig, um zu lernen. Seit Kurt Westergaard den Propheten Mohammed mit einer Bombe im Turban karikierte, lebt der Däne unter Polizeischutz, war zeitweilig untergetaucht, wohnt jetzt in einem mit Panzerglas und Überwachungskameras ausstaffierten Haus, und der Geheimdienst behauptet, ein Mordkomplott gegen den Zeichner zerschlagen zu haben. Und dennoch illustriert Westergaard jetzt wieder ein Buch mit – erraten: Mohammed mit Bombe im Turban.

Und das ist nur eine von 26 Zeichnungen, die bezeugen, dass er „genauso respektlos und satirisch ist, wie er immer war“, sagt der als extrem antiislamisch bekannte Publizist Lars Hedegaard, der den Karikaturisten zur Mitarbeit für sein Buch gewonnen hat. Als „ganz normale Auftragsarbeit“ bezeichnet Westergaard die Illustrationen, in denen er, wie der Buchautor es ausdrückt, „Mullahs, Diktatoren und andere, die es verdient haben“, aufspießt. Keine Angst? „Ich bin 73“, sagt Westergaard, „da kann man genauso gut mutig sein.“

Auch die Erinnerung an den Steppenbrand, der während der ersten „Karikaturenkrise“ durch die islamische Welt ging, und an den Schaden, den dieser Dänemark zufügte, kann ihn nicht beirren. „Das handelte mehr von elenden Regimes, die ihren Völkern Luft für ihre Frustrationen geben wollten, als von meinen Zeichnungen“, ist er überzeugt. Niemand soll ihm vorschreiben, was er zeichnen darf und was nicht, und nichts ist ihm heilig. Westergaard ist bekennender Atheist, seit ihn sein Vater in die Sonntagsschule zwang, und er hat auch schon dänische Christen mit blasphemischen Strichen erbost. Er habe „kein Problem mit dem Islam“, sagt er, Probleme habe er „mit Terroristen, die den Islam als geistiges Dynamit benützen“. Und genau das gab ihm die Idee zu seiner inzwischen weltweit bekannten Mohammed-Karikatur.

Wäre es nach Westergaards Vater gegangen, wäre es allerdings nie dazu gekommen. Denn der wollte, dass sein kreativ begabter Sohn etwas Anständiges lernt. „Zeichnen kannst du im Urlaub“, sagte er ihm. So wurde Kurt Westergaard Lehrer, unterrichtete Englisch und Deutsch, war später Leiter einer Schule für Behinderte. Und doch blieb der Jugendtraum wach – als bei der Lokalzeitung „Jyllands-Posten“ eine Zeichnerstelle frei wurde, schlug er zu. Dort blieb er, bis weit über das Rentenalter hinaus, dort hat er weiterhin ein Büro mit (überfülltem) Schreibtisch, in dem er kommen und gehen kann, wie er will. Dass der für Lederhut und knallrote Hemden und Hosen bekannte achtfache Großvater in späten Jahren eine internationale Berühmtheit wurde, lässt ihn schmunzeln. Nur eines bereute er im Verlauf der „Mohammedkrise“: dass er sich auf dem Parteitag der rechten „Dänischen Volkspartei“ als Held der Meinungsfreiheit huldigen ließ. „Das hätte ich als Mitarbeiter einer unabhängigen Zeitung bleiben lassen sollen“, sagt er reumütig. von Hannes Gamillscheg