Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Politik Attentat beim Morgeneinkauf
Mehr Welt Politik Attentat beim Morgeneinkauf
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:00 23.05.2014
Nach dem Attentat wurde der Bereich um den Bahnhof abgesperrt.
Nach dem Attentat wurde der Bereich um den Bahnhof abgesperrt. Quelle: dpa
Anzeige
Peking

Chinas amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtet von einem merkwürdig choreografierten Ablauf: Gegen 7.50 Uhr rasen am Donnerstagmorgen zwei Geländewagen an einem belebten Straßenmarkt aus entgegengesetzter Richtung aufeinander zu und prallen frontal zusammen. Ein Fahrzeug explodiert, auch das zweite geht in Flammen auf. Augenzeugen berichten, dass die Angreifer vor dem Zusammenstoß Sprengsätze in die Menschenmenge warfen. Es soll mindestens ein Dutzend Explosionen gegeben haben. 31 Tote und 90 Verletzte wurde bis zum Abend gezählt. Es ist Chinas vierter Anschlag innerhalb von sieben Monaten.

Minuten bevor die Staatsmedien offiziell berichteten, kursierten über den chinesischen Kurznachrichtendienst Weibo bereits Bilder und Videos von dem Anschlagsort. Es sind vor allem ältere Menschen zu sehen, die blutüberströmt auf der Straße liegen. Ein Foto zeigt umgeworfene Marktstände und Karren, im Hintergrund brennt es, und dichter Rauch steigt auf. Im Schock erstarrt sitzt eine alte Frau auf einem Klapphocker, um sie herum liegen mehrere Leichen. Ein paar Meter entfernt hockt  eine weitere alte Frau blutüberströmt auf der Straße. Auch ihr ist anzusehen, dass sie noch nicht begriffen hat, was geschehen ist. Dieses Bild wird bis zum Abend im Netz millionenfach weitergeleitet.

In China sind morgens vor allem alte Menschen auf den Märkten, von denen die meisten auch nur über ein geringes Einkommen verfügen. An diesen Ständen gibt es frisches Obst und Gemüse sehr viel günstiger als in Supermärkten. Viele halten sich dort auch auf, um sich zu unterhalten. Die Marktstraße in Urumqi befindet sich in unmittelbarer Nähe des zentralen Volksplatzes im überwiegend von Han-Chinesen bewohnten Neuteil der Stadt. Die Uiguren machen nur noch eine Minderheit aus und leben zumeist in der heruntergekommenen Altstadt.

Wer für den Anschlag verantwortlich ist, bleibt bis zum Abend ungeklärt. Das Staatsfernsehen zitiert einen Augenzeugen, der von Protestbannern an den beiden Geländewagen berichtet. Was darauf stand, konnte er nicht sagen. „Es ging alles so schnell.“

Bei den drei Bluttaten der zurückliegenden sieben Monate hatte die Regierung separatistischen Uiguren die Schuld gegeben, die sich gegen die Führung in Peking auflehnen und einen unabhängigen Staat fordern. Bekennerschreiben gab es nicht. Dennoch haben die Behörden für den Angriff auf den Bahnhof Ende April erst in der vergangenen Woche eine sogenannte „Islamische Bewegung Ostturkistan“ verantwortlich gemacht. Geplant und dirigiert worden sei der Anschlag vom Ausland aus von einem Islamisten namens Ismail Yusup.

Handfeste Beweise für die Unterstützung uigurischer Dissidenten durch Islamisten aus dem Ausland legten die chinesischen Behörden aber bislang nicht  vor. Nach den Terroranschlägen vom 11.  September 2001 hatten die USA die „Islamische Bewegung Ostturkistan“ auf ihre Terrorliste gesetzt, sie aber später wieder gestrichen. Es waren Zweifel aufgekommen, ob diese Gruppierung überhaupt existiert.

Dessen ungeachtet ist Peking weiter rigide gegen Uiguren vorgegangen. Mehr als 200 Menschen haben die chinesischen Behörden nach Angaben von Menschenrechtsgruppen in den vergangenen Wochen in Xinjiang verhaftet. Ein Gericht in Urumqi verurteilte am Mittwoch zudem 39 mutmaßliche Extremisten wegen der angeblichen Verbreitung von Terrorvideos und des Aufrufs zur Gewalt für bis zu 15 Jahre Haft. Unter ihnen ist unter anderem ein 15-Jähriger. Er soll angeblich Hasseinträge im Internet verbreitet haben.

Menschenrechtsinitiativen kritisieren dieses repressive Vorgehen. Es setze an den völlig falschen Punkten an. Der uigurische Ökonom an der Pekinger Minderheitenuniversität, Ilham Tohti, hatte mehrmals darauf hingewiesen, dass die Regierung die kulturellen und sozialen Spannungen in Xinjiang benennen und auf Aufklärung in der Bevölkerung setzen müsse – auf beiden Seiten – anstatt auf verschärfte Repression.

Doch schon diese Kritik ging den Behörden zu weit. Wegen angeblicher Separatismusbestrebungen ist Tohti seit Anfang des Jahres ebenfalls in Haft. 

dpa