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22:18 15.04.2010
Einsatzbesprechung in Nordafghanistan: Bundeswehrsoldaten vor einer Patrouille mit dem neuen gepanzerten Geländefahrzeug vom Typ „Eagle“.
Einsatzbesprechung in Nordafghanistan: Bundeswehrsoldaten vor einer Patrouille mit dem neuen gepanzerten Geländefahrzeug vom Typ „Eagle“. Quelle: dpa
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Der Truppenbesuch war praktisch schon beendet. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hatte sein Programm im deutschen Hauptquartier in Masar-i-Scharif absolviert, in Kundus vorbeigeschaut und auch ganz im Nordosten Afghanistans das deutsche Wiederaufbauteam in Feisabad inspiziert – da schlugen die Taliban zu. Guttenberg, eingestimmt auf den Rückflug mit dem Airbus nach Berlin, erfuhr die schreckliche Nachricht auf dem deutschen Stützpunkt Termez in Usbekistan. Nach der Landung des Hubschraubers, der ihn aus Feisabad abgeholt hatte, berichteten ihm deutsche Offiziere über die Vorfälle in der nahe gelegenen Provinz Baghlan. Selten zeigte sich Guttenberg so betroffen. Er verschob den Rückflug und ließ sich ins Feldlager Masar-i-Scharif zurückbringen. Dorthin wurden auch die verwundeten deutschen Soldaten geflogen. In dem Camp gibt es eines der besten Lazarette in Afghanistan.

Der Angriff der Taliban rund 100 Kilometer südlich traf eine deutsche Patrouille, die unter anderem mit dem neuen, gut gepanzerten Geländewagen „Eagle“ ausgerüstet ist. Das Fahrzeug aus Schweizer Produktion ist erst seit wenigen Wochen bei der Bundeswehr in Afghanistan im Einsatz. Die Soldaten loben seine Wendigkeit und seinen starken Schutz. Doch am Donnerstag hat die starke Panzerung nicht ausgereicht. Ein Volltreffer zerstörte den „Eagle“, vier Soldaten waren auf der Stelle tot. Mindestens fünf erlitten zum Teil schwere Verletzungen.

Gemeinsam mit belgischen und afghanischen Einheiten hatten die Deutschen den Auftrag, in der Provinz Baghlan den stark anwachsenden Einfluss der Taliban zurückzudrängen. Konkret ging es darum, die Straßenverbindung von Kundus über Baghlan nach Masar-i-Scharif sicherer zu machen und der Schutztruppe Isaf in der Taliban-Hochburg mehr Bewegungsfreiheit zu verschaffen. Schon am Mittwoch waren die Deutschen zu der Patrouille aufgebrochen.

In der Schutztruppe Isaf galt lange Zeit die Absprache, Ungarn sei für die Sicherheit in der Provinz Baghlan zuständig und verantwortlich. Doch die gut 300 ungarischen Soldaten in der Provinz sind den Taliban-Kämpfern hoffnungslos unterlegen. Ihre Ausrüstung ist veraltet, ihre Bewaffnung unzureichend. Deshalb haben die deutschen Kommandeure schon vor Jahren damit begonnen, die Ungarn zu unterstützen.

Besonders erfolgreich war die Nato-geführte Schutztruppe in Baghlan jedoch nicht. Es heißt, ein großer Teil der Bevölkerung stehe den ausländischen Soldaten ablehnend bis feindlich gegenüber. Auch das ungarische Wiederaufbauteam (PRT) fand nur wenig Sympathie in der Region.

So konnten die Taliban ihren Einfluss deutlich ausweiten und immer wieder Angriffe auf die Angehörigen der internationalen Schutztruppe verüben. Ähnlich wie am Donnerstag wurde im April 2008 erstmals eine Marschkolonne der Bundeswehr auf dem Weg von Kundus nach Masar-i-Scharif angegriffen. Bei dem Anschlag mit einem versteckten Sprengsatz kamen jedoch keine deutschen Soldaten zu Schaden.

Im November 2008 ging ein Angriff auf die Bundeswehr nicht so glimpflich aus. Bei einem Angriff auf die Schnelle Eingreiftruppe mit einem improvisierten Sprengsatz wurden drei Soldaten verwundet, einer von ihnen so schwer, dass er am nächsten Tag zur medizinischen Versorgung nach Deutschland ausgeflogen werden musste. Im Juli 2009 griffen die Taliban die Bundeswehr aus einem Hinterhalt mit Gewehren und Panzerfäusten an. Das Gefecht, bei dem es keine deutschen Verletzten gab, war so heftig, dass ein Transportpanzer vom Typ Fuchs erheblich beschädigt wurde.

Seit Beginn des laufenden Jahres hat sich die Lage dramatisch zugespitzt. Schon am 2. Januar gerieten deutsche Aufklärer bei Pol-e-Khumri unter Beschuss. Nur durch glückliche Umstände kamen sie unversehrt davon. Der nächste Taliban-Angriff folgte am 9. März und galt deutschen Sicherungskräften, die nördlich der Stadt Baghlan unterwegs waren. In der selben Region versuchten die Aufständischen nur einen Tag später, deutsche Hubschrauber abzuschießen. Eine Maschine vom Typ CH-53 wurde auf dem Weg nach Masar-i-Scharif von Salven aus Maschinenpistolen getroffen, konnte ihren Flug aber fortsetzen.

Wie stark die Taliban in der Provinz Baghlan sind, zeigte sich auch bei den Präsidentenwahlen im vergangenen August. Der schwerste Zwischenfall in ganz Afghanistan wurde aus der Kleinstadt Baghlan gemeldet. Aufständische stürmten Wahllokale und lieferten sich ein mehrstündiges Gefecht mit der afghanischen Sicherheitskräften. Dabei kamen mehrere Dutzend Taliban ums Leben.

Klaus von der Brelie

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