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Politik Angehörige eines NSU-Opfers lehnt Einladung von Joachim Gauck ab
Mehr Welt Politik Angehörige eines NSU-Opfers lehnt Einladung von Joachim Gauck ab
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08:34 18.02.2013
Am Montag will Bundespräsident Joachim Gauck mit den Angehörigen der Menschen zusammenkommen, die von der Neonazi-Terrorzelle NSU ermordet worden sind. Quelle: dpa
Berlin

So, wie die Dinge liegen, will sie den Präsidenten nicht sehen. Sie fühlt sich eigenem Bekunden nach einem Gespräch nicht gewachsen.

Die 38-Jährige ist die Schwester von Süleyman Tasköprü. Am 27. Juni 2001 ist der Gemüsehändler, gerade 31 Jahre alt und Vater einer kleinen Tochter, in seinem Geschäft in Hamburg-Bahrenfeld durch drei Kopfschüsse getötet worden. Die Polizei tippt auf Streitereien im Drogenmilieu, vielleicht ging’s auch um Schutzgeld. Erst zehn Jahre später, als die Mordserie und die Bombenanschläge des neonazistischen Terrortrios Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe ans Licht kommen, wird klar, dass der Gemüsehändler Süleyman Tasköprü Opfer eines rassistischen Verbrechens des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) geworden ist.

In einem bewegenden Brief an den Präsidenten, der mehreren Tageszeitungen sowie der ARD-Tagesschau vorliegt, schildert Aysen Tasköprü die Gründe für ihre Absage. Wir zitieren Auszüge:

Sehr geehrter Herr Bundespräsident Gauck,

vielen Dank für die Einladung.

Ich habe über meine Anwältin gehört, dass Sie nicht wünschen, dass die Rechtsbeistände der Nebenkläger dabei sind. Sie möchten nur ihre Empathie ausdrücken, aber keine Anwälte auf diesem Treffen sehen. Es wäre emphatisch von Ihnen gewesen, nicht darauf zu bestehen, dass ich alleine ins Präsidialamt komme. Ich fühle mich dem nicht gewachsen und werde daher Ihre Einladung nicht annehmen können. Da Sie ja aber so daran interessiert sind, wie es uns geht, werde ich Ihnen gerne schildern, wie es uns geht.

Im Sommer 2001 töteten die Neonazis meinen Bruder. Im Spätsommer 2011 klingelte die Kripo bei mir. Sie brachten mir die persönlichen Gegenstände meines Bruders. Ich fragte die Beamtin, warum jetzt die Sachen kämen; ob es etwas Neues gibt. Sie sagte nur, man habe vergessen, mir die Sachen zurückzugeben. Dann ging sie wieder.

Ich habe stundenlang vor den Sachen meines toten Bruders gesessen; ich habe tagelang gebraucht, um mich zu überwinden, meinen Eltern davon zu erzählen. (…)

Am 11. 11. 2011 klingelte das Telefon. Ein Arbeitskollege war dran und sagte mir: „Aysen, mach sofort den Fernseher an.“ Dann klingelte das Telefon wieder, und der Kripobeamte, der den Fall bearbeitet hatte, sagte mir, die Mörder meines Bruders hätten sich umgebracht. (…)

Ich habe in dieser Nacht nicht geschlafen, ich musste mich ständig übergeben. Am nächsten Tag hätte ich Frühdienst gehabt, ich konnte nicht zur Arbeit gehen. Das Telefon klingelte ununterbrochen, Presse und Fernsehen wollten Interviews, ich wollte nur meine Ruhe. (…)

Und dann kam der Abend, an dem ich vor dem Fernseher saß und auf einmal das Bekennervideo der NSU gezeigt wurde. Ich habe angefangen zu schreien. Da lag mein Bruder in seinem eigenen Blut auf den rot-weißen Fliesen, die ich so gut kannte. Ich sehe seine zierlichen Hände und ich erkenne seine Armbanduhr. Und kein Lächeln auf seinen Lippen; er ist ermordet worden. (…) An diesem Tag ist mein Bruder ein zweites Mal gestorben und etwas in mir ist zerbrochen. (…)

Ich wurde 1974 in der Türkei geboren; seit 1979 lebe ich in Deutschland. Ich bin hier zur Schule gegangen, habe meine Ausbildung gemacht und gearbeitet. Mein Sohn wurde hier geboren, und ich fühlte mich als Deutsche mit türkischen Wurzeln.
Noch im März 2011 konnte ich darüber lachen, als eine Sachbearbeiterin im Rathaus zu meinem Sohn sagte, er sei kein Deutscher. Der Kleine war ganz erstaunt, er habe schließlich einen deutschen Pass. (…) Heute kann ich darüber gar nicht mehr lachen. Ich hatte mal ein Leben und eine Heimat. Ich habe kein Leben mehr. Ich bin nur noch eine leere Hülle, die versucht, so gut wie möglich zu funktionieren. (…)

Ich habe auch keine Heimat mehr, denn Heimat bedeutet Sicherheit. Seitdem wir wissen, dass mein Bruder ermordet wurde, nur weil er Türke war, haben wir Angst. Was ist das für eine Heimat, in der du erschossen wirst, weil deine Wurzeln woanders waren? Meine Mutter verlässt das Haus nur noch, wenn es überhaupt nicht zu vermeiden ist. Mein Vater und meine Schwester sind schon zusammengebrochen. (…)
Mein Arzt hat festgestellt, dass ich nicht arbeitsfähig bin. Die Krankenkasse hatte mich einbestellt und mir gesagt, ich soll meine Krankmeldung zurücknehmen; ich soll Urlaub einreichen. Als ich mich weigerte, bekam ich ein Schreiben, der Sozialmedizinische Dienst hätte mich als arbeitsfähig eingestuft. Allerdings haben die mich nie gesehen. Seitdem werde ich zwischen meinem Arbeitgeber, der auf einen Aufhebungsvertrag dringt, der Krankenkasse, die bezweifelt, dass ich krank bin, und der Arge, die meinen Aufenthaltsstatus wissen will, hin- und hergeschubst. Ich fühle mich unerwünscht.

Alles, was ich noch möchte, sind Antworten. Wer sind die Leute hinter der NSU? Warum ausgerechnet mein Bruder? Was hatte der deutsche Staat damit zu tun? Wer hat die Akten vernichtet und warum?
Und noch eins zum Schluss: die Menschen, die sich jetzt mit einem Bild von meinem Bruder zeigen (…): Wo wart ihr 2001? (…) Damals hat niemand um meinen Bruder getrauert. Heute ist er euch auf einmal so wichtig.
Und auch Ihnen, Herr Bundespräsident Gauck, ist mein Bruder doch nur wichtig, weil die NSU ein politisches Thema ist. Was wollen Sie an unserem Leid ändern? Glauben Sie, es hilft mir, wenn Sie betroffen sind?
Ich würde mir wünschen, dass Sie als erster Mann im Staat mir helfen könnten, meine Antworten zu finden. Da helfen aber keine emphatischen Einladungen, da würden nur Taten helfen. Können Sie mir helfen? Wir werden sehen.

Mit freundlichen Grüßen
Aysen Tasköprü"

Gaucks Sprecherin bedauerte die Absage. Einige Angehörige hätten ihren Anwalt mitbringen wollen. „Wir haben sie gebeten, davon abzusehen, damit die Gruppe nicht zu groß wird, der persönliche Charakter des Treffens gewahrt bleibt und möglichst viele Gäste mit dem Bundespräsidenten ins Gespräch kommen können“, sagte sie. „Der Bundespräsident setzt sich im Rahmen seiner Möglichkeiten maximal für ihre Belange ein.“ Zu dem zweistündigen Treffen werden etwa 70 Teilnehmer erwartet.

r. (mit: dpa)

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