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Politik Andreas Kalbitz: Hat sich der AfD-Stratege verzockt?
Mehr Welt Politik Andreas Kalbitz: Hat sich der AfD-Stratege verzockt?
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11:36 01.09.2019
Beim Wahlkampfabschluss der AfD Brandenburg in Königs Wusterhausen: Ein sehr gefährlicher Mann mit rechtsextremer Vergangenheit und ein völkisches Maskottchen unterhalten sich. Quelle: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dp
Königs Wusterhausen

Brandenburgs AfD-Chef und Landtagswahl-Spitzenkandidat Andreas Kalbitz ist ein äußerst umtriebiger politischer Handlungsreisender. Und das längst nicht nur in seinem eigenen Bundesland. Eine Wahlkampfveranstaltung in Brandenburg an der Havel: Kalbitz steigt aus seinem neuen SUV und berichtet, dass er den Wagen kürzlich tauschen musste, weil er mehr als 100.000 Kilometer in einem Jahr zurückgelegt hatte – immer unterwegs, immer am Strippenziehen.

Bis vor Kurzem war der 46-Jährige deutlich weniger bekannt als etwa sein Weggefährte Björn Höcke – das gefiel ihm. In der zweiten Reihe lässt es sich ruhiger arbeiten. In seinem Handy finden sich die Telefonnummern wirklich aller relevanten AfD-Funktionäre – und wer sich dort noch so findet, bleibt Spekulation.

Bewegte politische Vergangenheit ganz rechts außen

Sicher ist: Mit dem Strippenziehen und Vernetzen fing Kalbitz nicht erst an, als er 2013, wenige Wochen nach Parteigründung, in die AfD eintrat und sich bald im Landesverband Brandenburg unentbehrlich machte. Netzwerke pflegt der heute 46-Jährige bereits seit seiner Jugend: In München bei der Pennalen Burschenschaft Saxonia-Czernowitz, bei der Jungen Union und dann kurzzeitig bei den Republikanern, als diese schon vom Verfassungsschutz beobachtet wurden. Im selben Jahr war er auch Mitglied im rechtsextremen Witikobund, schrieb Texte im „Witikobrief“.1994 ging er als Soldat auf Zeit zur Bundeswehr, zu den Fallschirmspringern nach Altenstadt. Kalbitz trägt stets einen silbernen Fallschirm-Anstecker am Sakko.

Im rechtsextremen „Thule-Netz“, über das Mitte der Neunziger Rechtsextreme kommunizierten, wird der „junge Kamerad“ Kalbitz so charakterisiert: ein „sportlicher, intelligenter, gebildeter und sehr engagierter“ Mann. Der sei kein „Weichei“. Das ist jetzt wieder überall zu lesen. Ebenso, dass er nicht nur 2007, sondern auch bereits 1993 an einem Lager der „Heimattreuen (deutschen) Jugend“ teilgenommen hat.

"Wenn er jetzt AfD ist, muss er sich gehörig nach links entwickelt haben"

Mit Verve stürzten sich die Investigativ-Abteilungen aller Medien auf den Kandidaten Kalbitz – und gruben in den vergangenen Wochen so Einiges aus.

Am Freitag bestätigte er Recherchen, nach denen er im Jahr 2007 an einer rechtsextremen Demonstration in Athen teilgenommen hat. Zuvor hatte der „Spiegel“ berichtet, dass sich Kalbitz damals zusammen mit 13 deutschen Rechtsextremisten in einem Athener Hotel einquartiert hatte. Der Marsch wurde demnach von der griechischen „Patriotischen Allianz“ organisiert. „Es ist zutreffend, dass ich vor 12 Jahren in Athen war“, sagte Kalbitz am Freitag. In dem Hotel wohnte laut „Spiegel“ zusammen mit Kalbitz zum Beispiel NPD-Chef Udo Voigt. Das belegt dem Bericht zufolge ein Dokument aus der Botschaft in Athen, das eine Verbindungsbeamtin des Bundeskriminalamtes (BKA) damals vor Ort verfasste. Neben Voigt werden laut „Spiegel“ weitere Führungsleute der NPD und des Parteinachwuchses aufgelistet.

Lesen Sie hier: Hat die AfD im Osten ihren Zenit überschritten?

Es war das vorerst letzte Puzzlestück einer rechtsextremen Vergangenheit. Im ZDF-“Morgenmagazin“ hatte Kalbitz wenige Tage zuvor noch gesagt: „Es gibt keine rechtsextreme Biografie. Es gibt Bezüge.“ Und er zitiert – ausgerechnet – den gewandelten Kommunisten Wolf Biermann: „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.“ Ein früherer Vorgesetzter aus der Luftlandeschule im bayerischen Altenstadt sagt über seinen früheren Kameraden: „Wenn Kalbitz jetzt auf AfD-Linie ist, muss er sich gehörig nach links entwickelt haben.“

Kubitschek, Höcke, Gauland

Hat er das? Kalbitz stützt sich zum Teil auf Getreue, die ihn bereits seit der Bundeswehr-Zeit begleiten. Er pflegt beste Kontakte zum neurechten Verleger Götz Kubitschek und dessen Umfeld. Mit Björn Höcke, der Galionsfigur des radikalen AfD-„Flügel“, verbindet ihn ein Bündnis zum gegenseitigen Vorteil. Parteichef Alexander Gauland, sein politischer Ziehvater und Vorgänger als Landeschef in Brandenburg, fördert ihn hingegen weniger als früher.

Im Landtagswahlkampf versucht Kalbitz die Enthüllungen an sich abtropfen zu lassen, „Die Menschen interessieren sich für Inhalte, die wollen wissen, warum der Bus nicht fährt“, sagt er. Seine Biografie sei nicht wichtig. Dass er aus dem Westen kommt und in Brandenburg unter dem Slogan „Vollende die Wende“ Wahlkampf macht, seine rechtsextremen „Bezüge“ – bei den Anhängern käme das alles als Schmutzkampagne an: „Die Leute sind doch nicht doof“, meint Kalbitz.

Kalbitz beginnt, Fehler zu machen

Kalbitz weiß: Innerparteilich könnte ihm nur eine einzige Enthüllung schaden - wenn er eine Mitgliedschaft bei der NPD oder einer anderen rechtsextremen Organisation verschwiegen hätte, die auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD steht. Davon ist aber nicht die Rede.

Doch er beginnt, Fehler zu machen. Als er bei einer Diskussion mit Schülern Greta Thunberg beleidigt, ist die Reaktion verheerend. Dabei gehören Greta-Beleidigungen genauso wie Grünen-Bashing zum Standard-Repertoire jeder AfD-Wahlkampfrede. Bei den wohlerzogenen Siegern des Wettbewerbs „Jugend debattiert“ so aufzutreten, zeigte einen erstaunlich unsouveränen Kalbitz. Die Wahl ist noch nicht gewonnen. Normalerweise läuft der Strippenzieher Kalbitz dann zu größter Form auf, wenn es am knappsten ist. Jetzt aber zeigt der Kandidat Nerven.

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Von Jan Sternberg/RND

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