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Politik Amerikas Ursünde: Müssen Schwarze entschädigt werden?
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09:01 22.10.2019
„Wir wüssten nicht, dass all diese Menschen als Sklaven hier geschuftet haben, wären ihre Namen nicht auf Inventurlisten vermerkt worden“: Ashley Rogers führt Besucher durch die Whitney Plantage.
Houston

Wo sich der Mississippi durch die sattgrünen Zuckerrohrfelder von Louisiana schlängelt, führt eine Straße an dessen Ufer zurück in die frühen Tage Amerikas. Entlang der River Road laden pastellfarbene Herrenhäuser einstiger Plantagenbesitzer zur Besichtigung ein. Kellner in historischen Kostümen servieren den Ausflüglern Mint Julep auf die Veranda. Einen Cocktail aus Bourbon, Minze, Eis und Nostalgie.

Ein Haus aber fällt aus der Reihe. Die Einfahrt in die Whitney Plantage führt in eine düstere Version amerikanischer Geschichte.

„Wir wüssten nicht, dass all diese Menschen als Sklaven hier geschuftet haben, wären ihre Namen nicht auf Inventurlisten vermerkt worden“, sagt Ashley Rogers. Sie steht vor einer Mauer mit 305 eingravierten Namen. Rogers ist die Direktorin des ersten und bisher einzigen Museums in den USA, das sich ausschließlich dem Leben und Leiden einstiger Sklaven widmet. Die Plantage wurde, wie viele am „German Coast“ des Mississippi, 1752 von deutschen Siedlern gegründet.

Eine Gedenkmauer erinnert an die Menschen, die einst als Sklaven auf der Whitney Plantage arbeiteten. Kaum ein Sklave hat seinen afrikanischen Namen behalten können.

Rogers zeigt der Besuchergruppe mit meist schwarzen Teilnehmern die morschen Schlafbaracken. Die verbeulten Eisenschüsseln, in denen einst Melasse kochte. Den Käfig mit drei Zellen. Für Sklaven, die nicht gehorchten.

„Ist überliefert, ob Mütter ihre Neugeborenen töteten, um ihnen das hier zu ersparen?“, fragt einer aus der Gruppe. Belege fehlten, sagt Rogers. „Ausschließen kann man das nicht.“

Amerikas Vergangenheit ist Quelle seines Stolzes. Seine Gründerväter beriefen sich auf Freiheit und Gleichheit. Eben diese Männer waren aber entweder selbst Sklavenhalter oder hatten nichts dagegen, dass ihre Mitstreiter Menschen besaßen und unbezahlt für sich arbeiten ließen. Die Freiheit und Gleichheit, die sie lebten, enthielten sie Schwarzen vor. Der Mythos vom Land der Freien ließ sich stets nur mit Mühe aufrechterhalten.

Nun zerfällt er. Die USA fragen sich, ob ihre Geschichte neu geschrieben werden muss. Im Sommer 1619 brachte ein portugiesisches Schiff 20 Männer und Frauen aus Westafrika in Ketten in die britische Kolonie Virginia - die ersten Sklaven in Amerika. Jetzt, 400 Jahre später, stellen viele neu erschienene Studien, Bücher und Filme die Frage, ob nicht erst die Sklaverei den Aufstieg Amerikas zur Weltmacht ermöglicht hat. Die „New York Times“ erklärt 1619 zum eigentlichen Gründungsjahr der USA.

Von der „Ursünde Amerikas“ ist jetzt die Rede. Im US-Kongress streiten Demokraten und Republikaner über die Frage, ob das Land bei seinen schwarzen Bürgern in der Schuld steht. Die Forderung nach Reparationen steht im Raum, nach Entschädigung für die Sklaverei. Sie kommt gewiss nicht zum ersten Mal auf. In einer Zeit aber, da Präsident Donald Trump und die von ihm ermutigten rechten Kräfte Amerikanischsein mit Weißsein gleichsetzen, erhält der Ruf nach Wiedergutmachung eine sehr dringliche Note.

„Nie hat sich jemand für die Sklaverei entschuldigt": Die Kongressabgeordnete Sheila Jackson Lee treibt die Debatte um Entschädigungen an. Quelle: US Congress

„Nie hat sich jemand für die Sklaverei entschuldigt“, ruft die schwarze Abgeordnete Sheila Jackson Lee im Juni in den US-Kongress. Ein Ausgleich für die Sklaverei, aber auch für die ihr folgende Ausgrenzung und Diskriminierung sei „lange überfällig“. Jackson Lee fordert eine Kommission, die über Entschädigungen befinden soll. Mehrere demokratische Präsidentschaftsbewerber haben sich ihrer Forderung angeschlossen. Elizabeth Warren, Cory Booker und Kamala Harris bestreiten damit ihren Wahlkampf.

Die Republikaner winken ab. „Niemand der jetzt Lebenden ist verantwortlich“, sagt Mitch McConnell, ihr Fraktionsvorsitzender. Der Amerikanische Bürgerkrieg und die Aufhebung der Rassentrennung vor 50 Jahren seien genug der Aufarbeitung. „Außerdem hatten wir einen afroamerikanischen Präsidenten“, so McConnell.

Ob ein Staat Opfer von Unrecht, das in seinem Namen oder von seinen Bürgern begangen wurde, entschädigen muss, ist eine moralische Frage. Wer sie bejaht, sieht sich sogleich mit einer Reihe ganz konkreter Herausforderungen konfrontiert: Wer soll entschädigt werden? Wie? Und von wem?

„Komm mir nicht mit pseudo-praktischen Einwänden“, sagt Kofi Taharka mit strengem Blick und Bassstimme. „Wer lieber über die angeblich schwierige Umsetzung statt über die Rechtmäßigkeit von Entschädigungen spricht, will bloß sein Nichtstun rechtfertigen.“

Taharka setzt sich seit drei Jahrzehnten für die Aufarbeitung der Folgen von Sklaverei ein. Mit seiner Mitstreiterin Folade Madzimoyo führt er in Houston den lokalen Ableger der Aktivistengruppe „National Black United Front“. Im Gemeindezentrum eines von Armut und Verfall gezeichneten Schwarzenviertels haben sie ihr Büro. Im Nebenraum üben sich Kinder an Trommeln.

Kofi Taharka,54, und Folade Madzimoyo, 38, hatten einst amerikanische Namen. Sie haben sie gegen afrikanische eingetauscht. „So erlangen wir die Identität zurück, die man uns einst raubte“, sagt Madzimoyo, eine Psychologin. In der Schule habe sie viel über Griechen und Römer gelernt, aber so gut wie nichts über Afrika. „Und die einzigen großen schwarzen Amerikaner, von denen wir hörten, waren Martin Luther King und Rosa Parks. Ein kleiner Absatz in den Geschichtsbüchern.“ Der Name Folade kommt aus dem in Nigeria gesprochenen Urubu. Er bedeutet „Mein Stolz ist meine Krone“.

„Die Spuren der Sklaverei ziehen sich bis in die Gegenwart“: Kofi Taharka (l.) und Folade Madzimoyo.

Taharka hat im vergangenen Winter die Geschichte seiner Vorfahren erfahren. Eine Cousine erhielt Post von Ancestry, einem Anbieter der zurzeit in den USA überaus gefragten Ahnenforschung per DNA-Test. Die Genealogen von Ancestry konnten nachweisen, dass Taharkas Familie in siebter Generation von John und Arabella Weems abstammt, einst Sklaven in Maryland. Die Besitzer der Weems waren fromme Katholiken, sodass Kirchenbücher ihr Hab und Gut sauber dokumentieren. Den Stammbaum führt Taharka jetzt stets bei sich.

Mit Wut und Verbitterung sprechen Taharka und Madzimoyo über das Leben als Schwarze in Amerika. Manchmal aber lodert auch Stolz auf. „Die unbezahlte Arbeit unserer Vorfahren hat die wirtschaftliche und militärische Größe Amerikas erst möglich gemacht“, sagt Taharka.

Dafür sollen die USA seiner Ansicht nach nun all ihre schwarzen Bürger entschädigen – mit Geld oder auch Grundstücken. Kostenlose Bildungsangebote oder Steuererleichterungen kämen auch infrage, meint der Medienberater. Vor allem aber fordert er Anerkennung. Dass sich Amerika zu seinen schwarzen Wurzeln bekenne. „Schwarze sind die nachsichtigsten Menschen überhaupt. Amerika müsste bloß den Versuch einer Wiedergutmachung unternehmen, und die Leute würden verzeihen“, sagt Taharka. „Stattdessen verdrängt es das begangene Unrecht und setzt es so fort.“

Einzelne Versuche der Wiedergutmachung

Vereinzelt gibt es Ansätze für konkrete Wiedergutmachung. Die Studenten der Georgetown University in Washington stimmten jüngst für die Erhöhung ihrer Studiengebühren. Mit dem Geld sollen die Nachfahren jener Sklaven, die einst auf dem Campus verkauft wurden, ein Stipendium erhalten.

Von echter Chancengleichheit aber sind die Schwarzen Amerikas noch weit entfernt. Auch ein halbes Jahrhundert nach der Bürgerrechtsbewegung und der von ihr errungenen Aufhebung der Rassentrennung stehen Afroamerikaner am traurigen Ende beinah jeder Statistik. Die weiße Durchschnittsfamilie hat 41-mal mehr Vermögen angehäuft als die schwarze. Schwarze Mütter haben eine drei- bis viermal höhere Wahrscheinlichkeit, bei der Geburt eines Kindes zu sterben als weiße. Schwarze Schüler hinken gegenüber weißen Gleichaltrigen in Vergleichstest zwei bis drei Jahre hinterher. Schwarze werden sechsmal häufiger als Weiße wegen Drogenbesitzes verhaftet, obwohl sie nicht mehr Drogen verkaufen oder konsumieren. In den Gefängnissen sind Afroamerikaner überproportional vertreten.

Spuren bis in die Gegenwart

„Die Spuren der Sklaverei ziehen sich bis in die Gegenwart“, sagt Kofi Taharka.

„Es führt eine Linie von dem, was meine Vorfahren taten, bis zu dem Leben, das ich führen darf“, sagt Katrina Browne.

Mit 28 Jahren erfuhr die Filmemacherin, dass ihre Vorfahren die größten Sklavenhändler in der Geschichte Amerikas waren. Mehr als 12.000 Menschen verschleppten die DeWolfes aus Westafrika, um sie auf den Sklavenmärkten von Kuba und South Carolina zu verkaufen. Von Generation zu Generation schwand das Wissen um den Ursprung des Wohlstands der Familie. Bis Brownes Großmutter kurz vor ihrem Tod in einer Schrift für ihre Enkel daran erinnerte. Sie schrieb: „Ich habe nicht die Kraft, den langwährenden Handel mit Sklaven zu beschreiben.“

„Diese Erkenntnis war verstörend“, sagt Browne. „Noch verstörender war allerdings, dass mir – noch während ich diesen Satz las - klarwurde, dass ich es doch eigentlich immer schon wusste.“ Die Milde, mit der über die frühen Siedler gesprochen wurde, Andeutungen, Witze. „Ich hatte dieses Wissen tief in mir vergraben.“

In ihrem Film „Traces of Trade“ (Spuren des Handels) zeichnet Browne ihre Familiengeschichte und die des europäisch-amerikanischen Handels mit Menschen aus Afrika nach. Sie zeigt den Film in Schulen und Gemeindezentren, inzwischen auch in Europa. „Unsere Geschichte erlegt uns eine moralische Pflicht zu einer Art von Wiedergutmachung auf“, sagt Browne. „Der erste und wichtigste Schritt ist eine breite Debatte darüber, warum und wie wir Wiedergutmachung leisten sollten.“

Nie eingelöste Versprechen

In dieser Absicht hat die Kongressabgeordnete Jackson Lee einen Gesetzentwurf zur Einrichtung einer Kommission für Reparationen eingebracht. Jackson Lee setzt damit das jahrzehntelange Bemühen des vor einigen Jahren ausgeschiedenen Kongressabgeordneten John Conyers fort. Erstmals seit über zehn Jahren hielt der Kongress im Sommer dazu eine Anhörung ab; eine weitere soll bald folgen. „Ich weiß um den Widerstand der Republikaner“, sagt Jackson Lee am Rande einer Bürgerstunde in Houston. „Aber ohne Debatte kann es keinen Konsens geben. Und den brauchen wir für Reparationen.“

Eine Besucherin blickt auf das Haus, in dem einst die weißen Aufseher der Whitney Plantage lebten.

Der Gesetzesentwurf trägt den Titel HR-40 - eine Zahl mit historischem Bezug. 40 Acker Land und ein Maultier sagten die USA nach der Abschaffung der Sklaverei jedem freien Schwarzen zu. Das Versprechen wurde nie eingelöst.

Am Ausgang der Whitney Plantage in Louisiana können Besucher ihre Eindrücke auf Notizzetteln an eine Wand heften. „Ich bin Nachfahre von Sklaven und kann das beweisen“, steht auf einem. „Reparationen jetzt!“, auf einem anderen. „Schluss mit den weißen Tränen!”

Von Marina Kormbaki/RND

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