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Politik Amerikas Grüne haben es schwer
Mehr Welt Politik Amerikas Grüne haben es schwer
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22:29 26.06.2012
Von Stefan Koch
Politikwechsel? Präsident Barack Obama vor einer neuen Solaranlage in Arcadia im US-Bundesstaat Florida. Quelle: dpa
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Washington

m „Tryst Coffee House“ geht es an diesem Dienstagvormittag hoch her. Da nur wenige Gäste beim Frühstückskaffee sitzen, stehen die Kellner an der Theke und diskutieren munter über die Präsidentschaftswahlen. Sie, die einen Basislohn von nur zwei Dollar pro Stunde erhalten, wollen weder für den Amtsinhaber Barack Obama noch für den Herausforderer Mitt Romney stimmen. Die Restaurantmitarbeiter sind sich einig: Ihre Stimmen erhält Jill Stein. Die neue Spitzenkandidatin der Grünen gehörte kürzlich zu den wenigen Politikern, die sich an der Demonstration der Kellner beteiligten. Zu Hunderten hatten sie in der US-Hauptstadt für vernünftige Löhne demonstriert. Amerika, so sagen die jungen Leute, die im „Tryst Coffee House“ arbeiten, brauche einen Politikwechsel.

Doch die Chancen der Kellner auf politische Unterstützung stehen nicht besonders gut: Jill Stein ist eher ein Kuriosum im amerikanischen Wahlkampf. Obwohl sie sich gegen mehrere innerparteiliche Konkurrenten durchsetzen musste, aufwendige Grünen-Versammlungen in sämtlichen 50 Bundesstaaten besucht und Mitte Juli in Baltimore auf einem großen Parteitag offiziell als Kandidatin nominiert wird, bleibt sie der Mehrheit der 310 Millionen Amerikaner unbekannt. Traditionell haben kleinere Gruppen im US- Wahlsystem einen schweren Stand. Ebenso gelten Direktkandidaten für den Kongress als chancenlos, die nicht über einen größeren Apparat verfügen.

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Auf diesen Grundkonflikt kommt Stein auch im Gespräch mit dieser Zeitung zu sprechen: „Spenden von Konzernen oder von der Wall Street lehne ich strikt ab. Wir stemmen uns gegen die grassierende Korruption in der Politik.“ Scharfe Worte, die die engagierte Kandidatin allerdings entspannt vorträgt: Die Frontfrau der Grünen hat eine gewinnende Art. In der direkten Begegnung fliegen der Medizinerin und zweifachen Mutter schnell die Herzen zu. Doch was helfen diese ­Eigenschaften in einem Wahlgebiet, das sich über einen Kontinent erstreckt? ­Tatsächlich bleiben ihr – bisher – die Massenmedien weitgehend versperrt. MSNBC, Fox News und andere Nachrichtensender laden sie in der Regel nicht zu Talkshows ein. Mediale Aufmerksamkeit findet sie eher im Ausland. „Das große Geld schlägt in den USA den Takt. Da habe ich als Querdenkerin wenig Chancen“, sagt Stein.

Umso erstaunlicher wirkt es auf den ersten Blick, dass die Grünen trotz geringer Siegeschancen so engagiert um Stimmen werben. Stein entwirft einen „Green New Deal“, der ebenso wie der berühmte „New Deal“ in den dreißiger Jahren mehrere Millionen Jobs schaffen würde. Statt auf fossile Energieträger zu setzen und die Umwelt weiter zu belasten, sollten sich die Amerikaner ihrer Meinung nach aus den Fesseln einiger weniger Stromkonzerne befreien und auf alternative Produkte setzen. So wenig bekannt Stein in den USA auch sein mag, ihre Thesen gewinnen immer mehr Anhänger. Amerika, der große Umweltsünder, wird zumindest in den Ballungszentren umweltbewusster – mit Solardächern auf den Häusern, Windparks an den Küsten und Fahrradwegen an den Hauptstraßen.

Das zeigt sich auch am „Tryst Coffee House“ in dem Szeneviertel Adams Morgan: Auch wenn sich die Blechlawinen morgens und abends durch das Stadtviertel wälzen, flitzen immer mehr Radfahrer durch die Gegend. Santos Michael, der an der Georgetown-Universität studiert und nebenbei kellnert, beobachtet diesen Wandel: „Vielleicht haben grüne Politiker in Washington wenig Chancen, aber ihre Ideen werden immer populärer.“ Der 22-jährige Student findet es klasse, dass seine Kommilitonen immer häufiger auf den lokalen Wochenmärkten einkaufen gehen, statt in einem der riesigen Supermärkte – und dass seine Eltern ihr Eigenheim im Herbst besser dämmen wollen, um Energie zu sparen.

Der bemerkenswerte Wandel in der Alltagskultur ist es wohl auch, der Stein und ihre Mitstreiter antreibt. Auch wenn sie bei der Wahl am 6. November aussichtslos ist, hält sie es für unverzichtbar, für einen Bewusstseinswandel zu streiten. Durch die jüngsten Umfragen fühlt sie sich bestärkt: Jeder vierte Wähler in den USA soll noch unentschlossen sein, welchem Kandidaten er seine Stimme gibt. Allerdings halten die amerikanischen Grünen Distanz zu diesen Statistiken. „Wer kann heute noch für eine repräsentative Umfrage garantieren, wenn viele Amerikaner gar keinen Festnetzanschluss mehr besitzen, da sie nur noch das Handy benutzen?“, fragt sich eine enge Mitstreiterin von Jill Stein, die ebenso wie diese davon überzeugt ist, dass es in den USA eine unheilige Allianz zwischen Parteien, Medien und Großkonzernen gibt. In ihrer grundsätzlichen Kritik fühlen sie sich vor allem bestätigt, seitdem der Oberste Gerichtshof die „Super-PACs“ zugelassen hat – private und unabhängige Organisationen, sogenannte Political Action Committees, die Spenden in dreistelliger Millionenhöhe einsammeln, um den politischen Gegner in Werbekampagnen zu diffamieren. Für Stein ähnelt diese Entscheidung aus dem Jahr 2010 einem Dammbruch, der den Superreichen und Großkonzernen einen unmittelbaren politischen Einfluss ermöglicht.

Mit ihren radikalen Positionen erinnert Stein an die deutschen Grünen der ersten Stunde. Es geht ihr nicht allein um einen ökologischen Sinneswandel, sondern um einen Politikwechsel – weg von der „Wall-Street-Dominanz“, weg von undurchsichtigen Spenden und Einflussnahmen und hin zu mehr Transparenz. Mit dem Amtsinhaber Obama, der vor allem in Europa so viel Zuspruch erntet, hat Stein nicht (mehr) viel im Sinn. Auch er stehe für ein verkrustetes System. So sei sein geheimer Drohnenkrieg in Pakistan eine „Schande“. Und dass er Ende 2011 ein Gesetz unterzeichnete, wonach jeder ausländische Terrorverdächtige in den USA unbegrenzt inhaftiert werden kann, sei mit amerikanischen Grundwerten ohnehin nicht vereinbar.

Dass sie im politischen „Establishment“ durchaus ernst genommen wird, hat einen einfachen Hintergrund. Demokraten und Republikaner gehen nicht davon aus, dass Stein den Präsidenten oder dessen Herausforderer Mitt Romney gefährdet. Allerdings könnten die Grünen in einigen Bundesstaaten so stark werden, dass sie den Demokraten dort die entscheidenden Stimmen „wegnehmen“. Lachender Dritter könnte also ausgerechnet der Republikaner Romney sein, der von der Zersplitterung des linken Lagers profitiert.
In Massachusetts, wo Stein bereits für die Gouverneurswahlen antrat, kam sie auf 18 Prozent. Davon ist sie landesweit sicherlich weit entfernt. Aber die Demokraten um Obama schmerzt im Moment jeder einzelne Prozentpunkt, den ihnen die Grüne abspenstig macht.

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