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Politik Amerika erwärmt sich wieder für die Atomkraft
Mehr Welt Politik Amerika erwärmt sich wieder für die Atomkraft
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21:15 08.12.2009
Auch mit dem Argument Klimaschutz sollen in den USA stillgelegte Atomkraftwerke reaktiviert werden. Quelle: ddp (Symbolbild)
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Es wird ein neues Atomkraftwerk gebaut, es wird ein altes Atomkraftwerk saniert, oder man verzichtet auf Atomenergie in dieser Ecke des US-Bundesstaats Alabama. Die letzte Option ist die derzeit am wenigsten populäre in Scottsboro.

US-Präsident Barack Obama mag viel von Windrädern und Solarzellen reden. Im Zeichen des Klimaschutzes aber erlebt in den USA die Kernkraft ungeahnten Auftrieb. Auch in Alabama.

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Das Echo klingt wie das in einer riesigen Kirche. Wer die Stahltreppen zur höchsten Plattform in der 100 Meter hohen Betonkuppel hochklettert, hat einen ungehinderten Blick hinunter in die leeren Wasserbecken für die Brennstäbe. An vielen Stellen sieht die einstige Kathedrale des Fortschritts wie eine unaufgeräumte Baustelle aus. Rampen aus Sperrholz, eilig gezimmerte Holzzäune und Plastikfolien künden davon, dass in diesem Kernkraftwerk nichts läuft, schon seit 21 Jahren nicht. Die Sicherheitsschleuse zum Reaktorbereich steht weit offen. Genauso offen ist die Zukunft des Kraftwerks Bellefonte unweit des Städtchens Scottsboro.

Vier Milliarden Dollar sind hier zwischen 1979 und 1988 verbaut worden. Dann wurde die Anlage als unrentabel eingemottet, in Betrieb gegangen ist sie nie. Ende 2005 hat ihr Eigentümer, die Tennessee Valley Authority (TVA), den Daumen endgültig nach unten gedreht. Pumpen und Leitungen wurden teils zum Schrottwert verscherbelt. „Die Metallverwerter haben einiges herausgerissen“, sagt Anlagenmanager Jim Chardos auf die Frage, warum manche Hallen gähnend leer sind. „Kein schöner Schnitt“, sagt er und blickt auf ein ins Nichts führendes Rohr.

„Wiedergewinnung von Investitionen“ hieß das Abrissprogramm, das ein paar Millionen Dollar einbringen sollte. Die immer noch in Staatsbesitz befindliche TVA hatte nämlich beschlossen, in Bellefonte doch lieber gleich ein Atomkraftwerk der neuesten Generation zu bauen. Dann aber explodierten die Kosten, der Bau schien kaum noch finanzierbar. Den Traum von der nuklearen Renaissance hat das nicht gestoppt: Nun soll die Atomruine aus dem Dornröschenschlaf geweckt werden. Eine Inbetriebnahme würde mit vier bis fünf Milliarden Dollar (rund 2,7 bis 3,4 Milliarden Euro) eine Milliarde weniger als ein Neubau kosten. Und: Das neue Kraftwerk wäre ein Jahr früher am Netz.

Es wäre nicht die erste Wiederbelebung. 2013 wird im Nachbarstaat Tennessee das seit 1988 eingemottete TVA-Kernkraftwerk „Watts Bar 2“ ans Netz gehen. Fünf Jahre später könnte Bellefonte folgen. Ob als Neubau oder „recycelte“ Anlage ist noch nicht entschieden.

Die Wiederbelebung der Kernenergie ist in den USA voll im Gange. Seit 2007 sind 26 Genehmigungsanträge für neue oder zu reaktivierende Meiler gestellt worden. Aufmerksam registriert wird in Washington, dass auch China, Indien, Russland, Großbritannien massiv auf Atomkraft setzen. In den USA laufen derzeit 104 Kernkraftwerke, sie produzieren aber nur ein Fünftel des in den USA benötigten Stroms. In Deutschland deckt die Kernenergie 28 Prozent des Strombedarfs.

Noch ist ein Rundgang in Bellefonte eine Zeitreise in die siebziger Jahre. „Made in Germany“ steht auf einem Generator mit Herstellungsdatum 1975. Graue Telefone mit Wählscheiben und ein Telexgerät verströmen in der Steuerzentrale den Geist der prähistorisch anmutenden Epoche vor Erfindung des PC. „Ein Museum hat angefragt, ob es die Ausstattung bekommen kann“, sagt Jim Chardos in vollem Ernst.

Doch in vielen noch laufenden Kernkraftwerken auf der Welt, die aus der Zeit zwischen 1970 und Ende der achtziger Jahre stammen, sehen die Steuerpulte nicht anders aus. „Bellefonte würde alle aktuellen Sicherheitsstandards erfüllen“, sagt Projektleiter Dan Pratt. Gewiss, die amerikanische Atomindustrie wirbt in ihren PR-Kampagnen eigentlich damit, dass neue Reaktoren sicherer seien als die alten. Aber am Ende entscheidet das Geld.

Angst vor einem öffentlichen Aufschrei müssen die Betreiber nicht haben. Die Unfälle von Three Mile Island in Pennsylvania 1979 oder Tschernobyl 1986 sind aus dem Gedächtnis der Amerikaner verschwunden. Der aus Tennessee stammende republikanische Senator Lamar Alexander forderte kürzlich den Bau von „100 neuen Kernkraftwerken“ – ohne dass sich großer Protest regte.

Die einzige Bremse ist der enorme Kapitalbedarf. „Es braucht sieben Milliarden Dollar oder mehr und viele Jahre Bauzeit, um einen Kernreaktor in Betrieb zu nehmen“, sagt der Physiker Don Safer von Chattanoogas kleiner Anti-Atom-Bewegung. „Sollten wir nicht für dasselbe Geld lieber die sichere und schneller zu realisierende Sonnen- und Windenergie ausbauen?“

Doch der Traum von der billigen Energie im Überfluss ist in den USA nicht ausgeträumt. Die Verbrauchsprognosen der Stromkonzerne weisen nach oben – für die Kernenergie ist der Klimaschutz zudem ein willkommenes Argument. „Wir haben nie Energiesteuern wie in Europa gehabt. Alle Bundesstaaten konkurrieren um die niedrigsten Preise – und niemand will die Kosten für die Umwelt bezahlen“, umschreibt der Journalist Harry Austin von der „Chattanooga Times Free Press“ die Stimmung in Tennessee und im Land.

„Wir Amerikaner sind eben große Energieverbraucher“, sagt Ron Littlefield, der Bürgermeister der Stadt. „Was haben sie denn gegen Kernenergie? Es ist doch ungeheuer wirtschaftlich, so Strom zu produzieren“, sagt Claude Ramsey, der Verwaltungschef des die Stadt umschließenden Hamilton County. Alternative Energie sei nur etwas fürs gute Gewissen. Als in den dreißiger Jahren die TVA ihre Staudämme gebaut habe, habe es auch Widerstand gegeben. „Doch ohne die würden wir heute nicht hier sitzen. Energie muss billig sein, dann bekommen sie Arbeitsplätze“, sagt er – und denkt da auch an das Werk, das die deutsche Volkswagen AG in Chattanooga aufbaut. Tatsächlich dürfte Tennessee die atomfreundlichste Region der USA sein. Dank der „Tennessee Valley Authority“ haben die von ihr versorgten Bundesstaaten mit die niedrigsten Stromkosten der USA – und den höchsten Verbrauch.

Chattanooga profitiert davon, dass man hier immer an die Zukunft der Atomenergie glaubte. Der Kraftwerkshersteller Westinghouse hat in einem neuen Trainingszentrum einen originalgetreuen Reaktor nachgebaut. Die Ausbildung zum Reaktortechniker war an der Universität der Stadt bisher ein Geheimtipp – nun stehen die Bewerber Schlange.

Zwischen den jungen Gesichtern im Klassenraum fällt ein älterer Mann auf. In den achtziger Jahren hat Boyd Stetson in Kernkraftwerken gearbeitet. Dann stieg er aus: „Ich habe die Schrift an der Wand gesehen. Es ging nur noch abwärts.“ Doch nun lässt sich der 48-Jährige zum Reaktortechniker nachschulen. „Kohle zerstört unsere Erde, Erdöl zerstört sie – und Uran gibt es gerade genug in unserem Land“, sagt er. Das Personal der Kraftwerke ist überaltert, der Nachholbedarf enorm. Auch die Altanlagen sollen weiterlaufen – zwanzig, vielleicht vierzig Jahre länger als geplant. Das Atommüllproblem wird damit erst einmal um ein paar Jahrzehnte vertagt. Verbrauchte Brennstäbe kommen in Zwischenlager bei den Kraftwerken.

Was in Obamas Weißem Haus keiner laut sagt: Hinter der Renaissance steht letztlich George W. Bush. Unter seiner Regierung wurden die Genehmigungsverfahren vereinfacht, und er machte den Weg für Staatsbürgschaften frei. Barack Obama allerdings hat daran nichts geändert. Im Gegenteil: Im September forderte sein Energieminister Steven Chu, die Bürgschaften zu verdoppeln. „Obama kommt aus Chicago – einer der Regionen mit dem höchsten Anteil an Kernenergie in den ganzen USA“, sagt der Journalist Dave Flessner. Der Präsident sei pragmatisch. Im Unterschied zu Bush werde er „lediglich keine großen Reden zur Zukunft der Atomenergie halten“.

von Andreas Geldner