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Politik Afghanistan: Unter Taliban weniger Korruption – aber ist das Land auch sicherer?
Mehr Welt Politik Afghanistan: Unter Taliban weniger Korruption – aber ist das Land auch sicherer?
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08:01 05.10.2021
Nach dem Bombenanschlag in Kabul am Sonntag stehen Taliban-Kämpfer auf der Straße Wache. Seit der Machtübernahme der Taliban gibt es offenbar weniger Korruption und etwas mehr Sicherheit in Afghanistan, berichten Anwohner.
Nach dem Bombenanschlag in Kabul am Sonntag stehen Taliban-Kämpfer auf der Straße Wache. Seit der Machtübernahme der Taliban gibt es offenbar weniger Korruption und etwas mehr Sicherheit in Afghanistan, berichten Anwohner. Quelle: imago images/Xinhua
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Kabul

Es war noch nicht mal sieben Uhr früh, da hatte sich vor den Toren einer Polizeistation in Kabul schon eine lange Schlange von Männern gebildet. Sie waren gekommen, um Beschwerden vorzubringen und Gerechtigkeit zu fordern.

Sie entdeckten sofort etwas Neues: Die Taliban-Kämpfer, die jetzt die Polizisten sind, fordern keine Schmiergelder wie viele ihrer Vorgänger es unter der von den USA gestützten Regierung in den vergangenen 20 Jahren getan hatten.

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Afghanistan: „Überall hat jeder seine Hand aufgehalten.“

„Vorher hat jeder unser Geld gestohlen“, sagte Hadsch Ahmad Chan, der zu den Wartenden vor der Polizeistation im Kabuler Bezirk 8 zählte. „Überall in unseren Dörfern und in Regierungsbehörden hat jeder seine Hand aufgehalten.“

Viele Afghanen fürchten die harschen Regeln der neuen radikalislamischen Herrscher im Land, ihre strikte Ideologie oder ihre massiven Beschränkungen der Freiheiten von Frauen. Aber die Militanten stehen im Ruf, nicht korrupt zu sein - im krassen Gegensatz zur Regierung, die sie von der Macht vertrieben haben, in der Bestechung, Veruntreuung und Betrug grassierten.

Sogar Einwohner, die es beim Gedanken an eine mögliche Rückkehr brutaler Bestrafungen - etwa das Abhacken der Hände von Dieben - schaudert, sagen, dass etwas Sicherheit nach Kabul zurückgekehrt sei, seit die Taliban dort am 15. August einrollten. Unter der früheren Regierung hatten Banden von Dieben die meisten Menschen bei Anbruch der Dunkelheit von den Straßen vertrieben. Mehrere Straßen zwischen Städten sind wieder geöffnet, und einige internationale Organisationen halten sie sogar für sicher genug, sie zu benutzen.

Terrormiliz IS verstärkt Angriffe in Afghanistan

Dennoch gibt es Gefahren. Am Sonntag kamen bei einer gegen Taliban-Mitglieder gerichteten Bombenexplosion vor einer Kabuler Moschee mehrere Zivilisten ums Leben. Zu dem Anschlag hat sich zunächst niemand bekannt, aber seit der Machtübernahme der Taliban hat der Afghanistan-Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat seine Angriffe gegen die Gruppe verstärkt.

Während ihrer früheren Herrschaft in den späten 1990er-Jahren hatten die Taliban eine Art Tauschgeschäft geboten: Sie brachten eine Stabilität, nach der sich viele Afghanen sehnten, unterbanden Korruption, aber unterzogen das Land ihrer harschen Interpretation islamischer Gesetze. Das schloss Bestrafungen wie Handamputationen, Hinrichtungen von Mördern mit einer einzelnen Kugel im Kopf ein, zumeist von einem Verwandten des Mordopfers ausgeführt und alles in der Öffentlichkeit. Die Religionspolizei verprügelte Männer, die ihre Bärte gestutzt oder nicht an Gebeten teilgenommen hatten.

Die Taliban haben die Wiedereinführung ihrer früheren Strafen angekündigt, die einzige Frage sei, ob sie erneut öffentlich ausgeführt würden, sagte der ehemalige Justizminister und derzeitige Gefängnisbeauftragte Mullah Nuruddin Turabi der Nachrichtenagentur AP.

Afghanistan: Drakonische Strafen der Taliban bereits wieder zurück

Einige der Bestrafungen sind schon vorgekommen. So wurden im Zentrum der Stadt Herst vier Leichen an Kränen aufgehängt - Männer, die den Taliban zufolge im Zuge einer versuchten Entführung von Kämpfern getötet worden waren. Und mindestens zwei Mal sind in Kabul Diebe zu ihrer Beschämung durch die Straßen paradiert wurden, in Handschellen, ihre Gesichter bemalt oder ihr Mund mit schalem Brot vollgestopft.

Bewaffnete Taliban haben in der Hauptstadt Position an Kontrollpunkten bezogen. Für viele Einwohner - insbesondere die Jungen, die mit Horrorgeschichten über die frühere Taliban-Herrschaft aufgewachsen sind - ist der Anblick der Kämpfer mit ihrem langen Haar, ihrer traditionellen Kleidung und den Kalaschnikow-Gewehren an ihrer Seite beängstigend.

Aber anscheinend haben die Taliban, so sieht es jedenfalls bislang aus, der Korruption einen Riegel vorgeschoben. Vor ihrer Machtübernahme mussten Leute bei Behördengängen häufig ein Bestechungsgeld zahlen, auch wenn es nur schlicht um eine Strom- oder Wasserrechnung ging. Verbreitete Korruption im Militär war auch einer der Gründe dafür, dass es im Angesicht des Taliban-Vormarsches so schnell zusammenbrach.

Afghanistan: Menschen geben den Taliban eine Chance – sind aber skeptisch

In der Polizeistation im Bezirk 8 versichert der neue Kommandeur, ein leutseliger Taliban namens Sabihullah, dass die Menschen unter der neuen Regierung sicher seien. Die Warteschlange draußen wird länger und länger. Der 60-jährige Chan ist aus der östlichen Provinz Chost angereist, um die Taliban um Hilfe beim Eintreiben von überfälligen Schulden zu bitten. Chan sagt, dass er Strafen wie Amputationen unterstütze, aber nicht bei einfachen Diebstählen, und er findet, dass die Taliban etwas Sicherheit gebracht hätten, „denn sie behandeln die Kriminellen unter islamischen Gesetzen“.

Ein Schulleiter, der anonym bleiben will, ist gekommen, um sich über Eltern zu beschweren, die seit Monaten keine Schulgebühren gezahlt haben. Er wolle der Herrschaft der Taliban eine Chance geben, sagt der Mann. Unter der früheren Regierung habe er jedes Mal ein Schmiergeld zahlen müssen, wenn er sich bei der Polizei über säumige Zahler beschwerte.

Ein anderer Afghane, der sich lediglich als Dr. Scharif identifiziert, ist kürzlich nach mehreren Jahren Arbeit in Saudi-Arabien in seine Heimat zurückgekehrt. Er hat nichts gegen Strafen im Taliban-Stil, aber ist entschieden dagegen, Taliban-Führer und Geistliche an die Spitze der Regierungsbehörden zu setzen. Nötig seien professionelle Leute, Wirtschaftsspezialisten, kein Kleriker, „der keine Ahnung vom Geschäft hat“, argumentiert der Mann.

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Aber auf jeden Fall begrüßt er es, dass seine Beschwerde von der Taliban-Polizei angehört wird, ohne dass er sie schmieren muss. Vorher habe er ein Bestechungsgeld zahlen müssen, um auch nur eine Polizeistation betreten zu können, sagt Dr. Scharif. „Der Fehler der vergangenen Regierungen war, dass sie alle Geld in ihre eigenen Taschen gesteckt haben.“

RND/AP

Der Artikel "Afghanistan: Unter Taliban weniger Korruption – aber ist das Land auch sicherer?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.