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Politik Ärztepräsident: „Wir dürfen uns nicht in einer Infektions­angstneurose einrichten“
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00:00 02.10.2021
Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer und Facharzt für Allgemeinmedizin (Archivbild).
Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer und Facharzt für Allgemeinmedizin (Archivbild). Quelle: Gregor Fischer/dpa
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Berlin

Klaus Reinhardt ist seit Mitte 2019 Präsident der Bundesärztekammer. Daneben arbeitet der Allgemeinmediziner weiter in seiner Hausarztpraxis in Bielefeld.

Herr Reinhardt, Corona hat im Wahlkampf keine Rolle gespielt, auch jetzt ist es in der Politik kein Thema. Beunruhigt oder freut Sie das?

Weder noch. Das ist den aktuellen Infektionszahlen geschuldet, die weitgehend stabil sind. Ich gehe allerdings davon aus, dass die Zahlen spätestens im November, wenn wir uns wieder mehr in geschlossenen Räumen aufhalten, sichtbar steigen werden.

Kommt die vierte Welle also doch noch?

Wie stark die Zahlen hochgehen, ist Kaffeesatzleserei. Aber ich glaube nicht, dass es noch einmal zu einer starken Belastung des Gesundheitswesens kommt. Denn diese Welle trifft nun vor allem diejenigen, die weder geimpft noch genesen sind. Die Größe dieser Gruppe ist allerdings unklar. Denn die Zahl der Geimpften dürfte etwas höher sein als offiziell ausgewiesen, weil manche Impfung nicht registriert wurde. Und zu den vier Millionen Genesenen kommt eine erhebliche Dunkelziffer, sodass es auch acht Millionen sein können. In der Summe wird das ein Grund dafür sein, warum wir jetzt eine stabile Lage haben.

Also stimmen Sie Kassenärztechef Gassen zu, der die Aufhebung aller Beschränkungen zum 30. Oktober fordert?

Nein. Ich finde es aber richtig, dass wir jetzt eine Debatte darüber führen, wann wir zur Normalität zurückkehren können. Wir dürfen uns als Gesellschaft nicht in einer Infektions­angstneurose einrichten. Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass wir jetzt alles in Laisser-faire-Manier laufen lassen. Es muss der ärztliche Anspruch sein, Infektionen zu verhindern.

Welche Vorschriften müssen noch aufrechterhalten werden?

Das Maskentragen in Bussen und Bahnen, wo häufig keine Abstände eingehalten werden können, halte ich weiter für sinnvoll. Es ist aber völlig unangemessen, dass Kinder und Jugendliche stundenlang im Unterricht eine Maske tragen müssen, während die Erwachsenen abends maskenlos ins Lokal gehen können. Das steht in keinem Verhältnis. Die Maskenpflicht im Unterricht muss jetzt bundesweit in allen Schultypen entfallen.

Wie stehen Sie zur 2G-Regel, also einen Zugang zu Lokalen oder Veranstaltungen nur für Geimpfte und Genesene?

Wenn 2G kombiniert wird mit der Aufhebung von Maskenpflicht und Abstandsregeln, ist das ein sehr guter Weg. Ich plädiere dafür, dass alle Bundesländer 2G ohne Maske und Abstand als Option für das Gastgewerbe, für den Sport und die Veranstaltungsbranche einführen. Das ist dann auch ein zusätzlicher Anreiz für die bisher Ungeimpften. Das sollte aber nicht für Angebote des öffentlichen Lebens gelten, auf die die Menschen zwingend angewiesen sind, wie zum Beispiel der öffentliche Nah- und Fernverkehr. Hier käme eine 2G-Regelung einer Impfpflicht durch die Hintertür gleich.

Aber noch einmal zum Freedom Day. Wann könnte es den geben?

Wir sollten das Ende aller Beschränkungen nicht an einem Datum festmachen, sondern an Fakten. Denkbar wäre zum Beispiel eine weitere Rückführung von Beschränkungen, wenn wir wieder die Inzidenz von 50 erreicht haben. Möglich wäre als Zielwert auch die Impfquote, zum Beispiel 70 Prozent. Grundsätzlich aber gilt: Es gibt kein risikofreies Leben und keine risikofreie Gesellschaft. Es kommt auf die richtige Balance an zwischen Risiko und Freiheit.

Gesundheitsminister Spahn hatte vor der Wahl Auffrischimpfungen für alle ins Gespräch gebracht, nicht nur für älteren Menschen und Patienten mit Immunschwäche. Ist das sinnvoll?

Für die Notwendigkeit von Auffrischimpfungen für die breite Bevölkerung gibt es bisher keinerlei wissenschaftliche Evidenz. Bevor wir vielleicht überflüssigerweise dritte Impfungen in großem Stil durchführen, sollten wir Vakzine an ärmere Länder abgeben. Es darf nicht dazu kommen, dass bei uns Impfstoffe weggeworfen werden müssen, weil das Verfallsdatum abgelaufen ist.

Was fordern Sie von einer neuen Regierung in der Gesundheitspolitik?

Ganz oben auf unserer Forderungsliste steht das Thema Krankenhaus. Gleich nach der Regierungsbildung benötigen wir einen nationalen Krankenhausgipfel mit Vertretern von Bund, Ländern, Kommunen, Kliniken und der Ärzteschaft. Der ökonomische Druck hat ein inakzeptables Ausmaß angenommen, zulasten der Beschäftigten, aber auch zum Nachteil von Patientinnen und Patienten. Es hat sich gezeigt, dass ungezügelter Wettbewerb kein gutes Element ist, um eine angemessene medizinische Versorgung sicherzustellen.

Die Bewältigung der Pandemie wird allerdings von einigen als Beleg dafür angeführt, dass das System funktioniert.

Falsch. Die Pandemie wurde bewältigt, weil Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte bis zum Umfallen gearbeitet haben und der Staat das notwendige Geld in die Kliniken gepumpt hat.

Was ist nötig?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Bei mir in Bielefeld gibt es drei Träger mit fünf Krankenhäusern. In zwei Kliniken gibt es eine Kardiologie. Die eine ist aber nicht so breit aufgestellt und arbeitet auch nicht 24 Stunden. Das ist ökonomischer Unsinn. Warum legt man nicht beide zusammen? Das würde Ärzte und Pflegepersonal endlich ein wenig entlasten. Es geht nicht darum, Stellen oder Betten abzuschaffen. Aber wir müssen die Kliniklandschaft auch durch das Zusammenlegen von Standorten neu strukturieren, Bürokratie abbauen und Effizienzreserven heben.

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Wo soll es welche Kliniken geben?

Notwendig ist ein Netz aus Krankenhäusern für die Grundversorgung der Bevölkerung und Kliniken, die sich auf bestimmte Behandlungen spezialisiert haben. Die Planung dafür muss sich am tatsächlichen medizinischen Bedarf ausrichten und nicht am Prestigewillen von Kommunalpolitikern. Alle Kliniken müssen so finanziert werden, dass auch Vorhaltekosten für Personal und Technik abgedeckt werden.

Von Tim Szent-Ivanyi/RND

Der Artikel "Ärztepräsident: „Wir dürfen uns nicht in einer Infektions­angstneurose einrichten“" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.