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Politik Ärztemangel auf dem Land soll behoben werden
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12:57 03.01.2013
Der Chef des Gemeinsamen Bundesausschusses Josef Hecken erklärt im dpa-Interview die Folgen der neuen Ärzteplanung, die seit Anfang 2013 gilt. Quelle: dpa
Berlin

Noch Ende Dezember legte der Gemeinsame Bundesausschuss, das oberste Gremium im deutschen Gesundheitswesen, eine neue Planung vor, die helfen soll, den Ärztemangel abzumildern. Der Chef des Gremiums und ehemalige saarländische Gesundheitsminister und Familienstaatssekretär, Josef Hecken, erläutert im Interview, wie die Patienten in Deutschland künftig versorgt werden sollen.

In den kommenden Jahren soll es rund 3000 neue Hausarztsitze geben - dabei sind die Arztzahlen ständig gestiegen. Was ist schief gelaufen?

Wir haben eine sehr ungleiche Verteilung der ärztlichen Versorgung. Es gibt Landstriche, in denen sie gegen Null tendiert. Und wir haben Gebiete, vor allem Städte, mit einer enormen Überversorgung, etwa dort, wo ein Versorgungsgrad von 300 bis 400 Prozent vorliegt. Mit der neuen Bedarfsplanung werden Arztsitze in unterversorgten ländlichen Gebieten ermöglicht, allerdings ohne dass gleichzeitig Überversorgung in städtischen Gebieten abgebaut wird. Wir setzen damit ein Signal an Medizinstudenten: In der hausärztlichen Versorgung gibt es eine reale Chance, zugelassen zu werden. Hinzu kommen noch neue Sitze für Fachärzte unterschiedlicher Professionen, davon der Löwenanteil für Psychotherapeuten.

Das heißt: Es gibt wieder mehr Ärzte - der Beitragszahler zahlt?

Der Gesetzgeber hat gesagt: Wir müssen die Unterversorgung ausgleichen, selbst wenn es für eine Übergangszeit dann statistisch eine höhere Überversorgung insgesamt gibt. Die Zulassung ist für einen Arzt nach heutigem Recht ein lebenslanges Eigentum. In den Ballungsgebieten wird es jedoch keine neuen Niederlassungsmöglichkeiten geben. Und auch dort gehen viele Ärzte bald in den Ruhestand. Über einen geschätzten Zeitraum von möglicherweise 10 Jahren werden wir mehr für Arztsitze auf dem Land ausgeben, als wir in Ballungsräumen einsparen. Anders geht es nicht. Aber die Ausgaben wachsen nicht ins Uferlose, denn die Krankenkassen bezahlen ja die ärztlichen Behandlungen, die stattfinden, nicht die Arztsitze.

Führende Krankenkassenmanager meinen, eine neue Planung bringe wenig. Wird der Schritt gegen den Ärztemangel zum Papiertiger?

Die Richtlinie ist ein Instrument neben anderen notwendigen Anreizen. Beispielsweise ist es wichtig, dass der Gesetzgeber für unterversorgte Gebiete keine Mengenabstaffelung mehr vorsieht: Die Ärzte müssen also nicht mehr Regresse fürchten bei zu vielen ausgestellten Arzneimittelrezepten. Und die Residenzpflicht wurde abgeschafft: Man kann nun in einer entlegenen ländlichen Region Arzt werden – muss dort aber nicht mehr wohnen. Die Ärzte können mit ihren Familien auch in der Stadt leben und zum Arbeitsplatz pendeln.

Wollen denn überhaupt genügend junge Mediziner aufs Land?

Für Studierende stellt sich die Frage: Wo habe ich noch Chancen auf auskömmliche Arbeit? Als Facharzt gibt es nicht mehr so viele Möglichkeiten, zumal wir spezialisierte Fachärzte wie etwa Kardiologen künftig in größeren Gebieten vorsehen und die hoch spezialisierten Ärzte wie Strahlentherapeuten erstmals in die Planung einbeziehen. Planungssicherheit gibt es nur im hausärztlichen Bereich. Allerdings heuern über 30 Prozent der Medizinabsolventen in Behörden oder Konzernen an. Das ist ein Problem.

Wie lange dauert es, bis die neuen Hausärzte kommen?

Man wird etwa vier bis fünf Jahre brauchen, bis die neue Planung Resultate in der Fläche bringt. Dann werden junge Leute das Studium mit einer Spezialisierung zum Hausarzt abschließen. Versorgungsengpässe werden ja erst in einigen Jahren wirklich dramatisch, wenn viele Allgemeinmediziner in den Ruhestand gehen.

Was soll passieren, wenn kein Arzt gefunden wird in einer Region?

Dann kann die jeweilige Kassenärztliche Vereinigung zusammen mit der Kommune eine Praxis betreiben. In Brandenburg wird bereits modellhaft erprobt, die Patienten mit Fahrdiensten in die Zentren zu Ärzten zu bringen und zudem Außensprechstunden anzubieten. Es sind Anlaufstellen denkbar, in denen allgemeinmedizinische, gynäkologische, orthopädische und weitere Sprechstunden angeboten werden. Solche passgenauen Modelle könnten flächendeckend eingeführt werden.

Ist die Versorgung dann nicht weniger eingehend?

Wir müssten dort Kontinuität der ärztlichen Versorgung durch häufigere Anwesenheit der Allgemeinmediziner und eine Notfallversorgung organisieren. Wenn ein Ohrenarzt nicht dauerhaft 25 Kilometer entfernt ansässig ist, sondern alle zwei Wochen vor Ort Sprechstunde hält, ist das für die Betroffenen dort eine echte Verbesserung. Was ist die Alternative? Wenn die Praxen schließen, wir aber nicht gegensteuern, wären immer mehr Menschen wegen fehlender Grundversorgung auf Krankenhausaufenthalte angewiesen.“

Auf der anderen Seiten gibt es offenbar Ärzte, die auch unnötige Diagnosen und Behandlungen machen. Wie groß ist das Problem?

Technische Leistungen wie bildgebende Verfahren laden zu Überangeboten ein. Selbst bei einem offensichtlich unkomplizierten Beinbruch reicht vielen Patienten ein Röntgenbild nicht mehr. Es muss dann eine Computertomographie gemacht werden – und zwar am besten eine beim niedergelassenen Arzt und dann noch eine in der Klinik. Hier haben wir eine Wechselwirkung: Die Ärzte wollen ihre Apparate optimal ausnutzen, die Patienten wollen die Diagnosen haben.“

Und operieren die Kliniken unnötig?

Als es noch tagesgleiche Pflegesätze gab, wurde kaum ein Patient freitags nach Hause geschickt. Meist war die Beobachtung übers Wochenende notwendig. Heute wird Menge bezahlt, und in manchen Fällen gibt es den Anreiz, auch Menge zu produzieren. In Fällen, wo mangelnde Auslastung und eine nicht eindeutige Diagnose zusammenkommen, fällt die Entscheidung leichter zugunsten des Eingriffs aus. Zum Beispiel gibt es im Bereich der Krebstherapie Grenzfälle, bei denen man auch Überbehandlung vermuten kann. Ich glaube aber nicht, dass bei klarer Diagnose absolut unnötig operiert wird.
 

Was kann helfen?

Bei komplexeren oder speziellen Eingriffen: Mindestmengen. Die Kliniken dürfen die Leistung nur dann anbieten, wenn sie eine Mindestzahl an Fällen vorweisen können. Denn mit der Erfahrung steigt die Qualität – und die Kliniken, die eine Mindestmenge erfüllen, sind dann in der Regel ausgelastet und müssen ihre Zahlen nicht nach oben treiben. Heute ist die Gefahr, dass Kliniken für komplexe OPs einen Apparat aufgebaut haben und ihn ausnutzen wollen. Es gibt hier noch einiges zu verbessern - und ich werde mich dieser Aufgabe mit Hingabe widmen.

Das dürfte nicht alle freuen. Sie sind jetzt ein gutes halbes Jahr im Amt - was steht bei der Patientenversorgung sonst als nächstes an?

Wir müssen die ambulante spezialfachärztliche Versorgung fördern. Für schwere Erkrankungen – etwa Krebs oder Rheuma - muss es einen fließenden Bereich zwischen niedergelassenen Ärzten und Kliniken geben mit einer Finanzierung aus einem gemeinsamen Topf. Bei der Überwindung der Sektorengrenze zwischen ambulant und stationär ist seit 30 Jahren nichts Grundlegendes vorangekommen. Wenn die innerdeutsche Sektorengrenze fallen konnte, warum sollte dann die Grenze in der Gesundheitsversorgung zwischen ambulant und stationär für immer bestehen bleiben?

dpa

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