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Politik 16 Jahre Kanzlerin: über Macht und Merkels Panzer
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16:01 02.12.2021
Merkels Schutzpanzer hat ihr in den 16 Jahren Kanzlerschaft durch schwierige Situationen geholfen. Auf diesem Foto von 2010 ist sie während eines Pressestatements zu sehen, bei dem sie den Tod von vier deutschen Soldaten in Afghanistan erklären musste.
Merkels Schutzpanzer hat ihr in den 16 Jahren Kanzlerschaft durch schwierige Situationen geholfen. Auf diesem Foto von 2010 ist sie während eines Pressestatements zu sehen, bei dem sie den Tod von vier deutschen Soldaten in Afghanistan erklären musste. Quelle: Bundesregierung/Bergmann/picture-alliance/dpa
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Berlin

Der Blick von der Dachterrasse in der Abenddämmerung ist spektakulär. Gegenüber ragen drei glitzernde Hochhäuser wie Säulen in den Himmel, obendrauf ein Gebäude wie ein Schiff. Noch so ein Fünf-Sterne-Hotel an der Marina Bay in Singapur. Wie das Fullerton, in das Angela Merkel ihre Wirtschaftsdelegation und die Begleitpresse zum lockeren Miteinander eingeladen hat.

Die Konzernchefs sind wenig begeistert, sich gleich mit Journalistinnen und Journalisten die Bundeskanzlerin teilen zu müssen. Und dann verspätet sie sich auch noch. Ihre Termine sind eng getaktet auf dieser nur zweitägigen Reise nach Indien und Singapur. Ihre mehreren Hundert Auslandsreisen sind immer kurz, selbst nach Chile schafft sie es hin und zurück an einem Wochenende. Mehr Zeit ist nicht drin.

Siemens-Chef Peter Löscher geht aber schon wieder, als Merkel auf das Dach steigt. Was sie von dieser Abfuhr hält, macht sie auf die ihr eigene Weise deutlich. Sie steuert die Ecke an, in der ein Kollege und ich alleine standen. Merkel gesellt sich demonstrativ zu uns, die da etwas abseits stehen. Sie plaudert und lässt sich ein Getränk bringen. Ein Regierungssprecher kommt und flüstert ihr zu, dass die Wirtschaftsdelegation doch da sei, auch Löscher komme wohl wieder. Merkel nickt. Und unterhält sich weiter.

RND-Korrespondentin Kristina Dunz (links) hat Angela Merkel (Mitte) bei zahlreichen Begegnungen anders kennengelernt, als sich die ehemalige Kanzlerin meist in der Öffentlichkeit gab. Hier waren sie in Kappadokien in der Türkei unterwegs. Quelle: privat

Merkel antwortet gerade auf die Frage, was sie einmal machen wird, wenn sie nicht mehr Kanzlerin ist. Damals klingt es überraschend. Und es hallt bis heute nach. Keine Politik, sagt sie. Vielleicht werde sie einmal Kindern von Migranten Geschichten vorlesen. Das war 2011, Merkel ist knapp 57 Jahre alt, und es sind noch vier Jahre, bis sie eine Flüchtlingspolitik einschlagen wird, die mit ihrer Weigerung zur Grenzschließung und ihrem „Wir schaffen das“ Deutschland spaltet und die Welt bewegt.

Lehrstunde in Singapur

Die Szene mit der Wirtschaftsdelegation auf der Dachterrasse ist beispielhaft dafür, wie die Physikerin, die spät in die Politik einstieg und sich dann systematisch an die Spitze von Partei und Land arbeitete, oft zum Ziel kommt, indem sie etwas nicht tut. Sie regt sich nicht auf, sie lässt sich nicht aus der Reserve locken und nicht provozieren. Auch nicht von Topmanagern. Jedenfalls niemals nach außen sichtbar. Einfach abperlen lassen. Wen oder was auch immer. Merkel kommen dabei Ausdauer, Kühle und Selbstbewusstsein zugute. Aber sie schluckt auch viel, ihre Leidensfähigkeit ist groß. Jedoch immer im Vertrauen darauf, dass sich später eine Gelegenheit zur Revanche – oder vielleicht sogar Rache – bieten wird.

So wie mit dem Interview in der „Süddeutschen Zeitung“ nach der Bundestagswahl. Darin wird Merkel, die selbstbestimmt aus dem Kanzleramt scheidet, gefragt, ob Wolfgang Schäuble – ihr inniger Parteifeind – einen besseren Abschied verdient hätte, als wegen der Unionsschlappe sein Amt als Bundestagspräsident zu verlieren und nur noch einfacher Abgeordneter zu sein. Ihre Antwort: „Ich habe von ihm einiges gelernt, unter anderem den Spruch: respice finem – bedenke das Ende.“ Ein einziger Satz, mit dem Merkel dem 79-Jährigen Verletzungen aus 30 Jahren heimzahlt. Zum perfekten Zeitpunkt.

Einige Male ist aber auch ihr die Beherrschung flöten gegangen. 2018, als ihr der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer nur noch zuwider ist. Sie und SPD-Chefin Andrea Nahles willigen in die von ihm betriebene Beförderung des hoch umstrittenen Verfassungsschutzchefs Hans-Georg Maaßen zum Staatssekretär ein. Hauptsache Entscheidung, Merkel erträgt die Anwesenheit des Bayern einfach nicht mehr und will nur noch raus aus dem Besprechungsraum. Hass wäre zu viel gesagt. Aber sie verachtet ihn, spätestens seit er ihre Flüchtlingspolitik als „Herrschaft des Unrechts“ gegeißelt hat.

Journalisten reiben sich die Augen über die Pressemitteilung zu Maaßen. Merkel hatte ihr sonst so sicherer Instinkt für sensible Angelegenheiten verlassen. Die Beförderung ist nicht haltbar, Maaßen ist nicht zu halten. Merkel nimmt weiter Schaden.

Schutzpanzer Distanz

Ihr Umgang mit Journalisten ist ein besonderes Kapitel. Bei einem Besuch in Moskau 2012 gibt sie mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin eine Pressekonferenz und kritisiert, dass Sängerinnen der Punkband Pussy Riot wegen einer Provokation ins Arbeitslager gesteckt wurden. „Einfach mal die deutschen Zeitungen aufschlagen und gucken, was da los ist. Wenn ich immer gleich eingeschnappt wäre, könnte ich keine drei Tage Bundeskanzlerin sein.“ Eingeschnappt. Der Kremlchef findet das nicht witzig.

Damals schon, sieben Jahre nach Merkels Amtsantritt, titeln Blätter: „Wie lange noch?“ Neun Jahre noch, weiß man heute. Aber damals, nach der für ihre CDU vergeigten Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen und vor der nächsten Bundestagswahl kann die keineswegs amtsmüde Merkel nicht sicher sein, wie lange sie sich halten wird. Solche Schlagzeilen ärgern sie. Ebenso wie später „Die Eiskönigin“ oder „Nach ihr die Finsternis“. Nur lässt Merkel sich nicht anmerken, ob ihr etwas missfällt oder gefällt.

Das höchste der Gefühle ist so etwas: Nach der Pressekonferenz 2017 im Weißen Haus, als ich Donald Trump fragen konnte, warum er so viel Angst vor Pressevielfalt hat, immer von Fake News spricht und selbst fragwürdige Dinge behauptet, soll der damalige US-Präsident die Bundeskanzlerin gefragt haben, warum sie diese Frau („this nasty journalist“) mit dieser Frage ausgesucht habe. Merkel erklärte ihm, dass sie weder Frau noch Frage auswähle, sondern die Journalisten selbst entschieden, wer von ihnen welches Thema anspreche. Im kleinen Kreis sagt sie später amüsiert: „Ich fand´s nicht so schlimm.“

Kristina Dunz während der Pressekonferenz von Angela Merkel und Donald Trump 2017 in Washington.

Die zwei Welten der Angela Merkel

Der kleine Kreis. Wenn es zwei Welten der Angela Merkel gibt, dann diese: die Öffentlichkeit und der kleine Kreis. So umständlich, vage und heruntergedimmt sie oft nach draußen kommuniziert, so klar und leidenschaftlich wirkt sie nach innen. Oft waren wir Journalisten sicher, dass die Bevölkerung diese Regierungschefin besser verstünde, wenn sie sie so erlebte wie wir im kleinen Konferenzraum des Regierungsfliegers „Konrad Adenauer“: heiter, humorvoll, ironisch, selbstironisch, empört, spitz, angriffslustig. Und vor allem eindeutig.

Übrigens stets unprätentiös. Merkel trägt im Flieger meistens eine dunkle Feinwoll-Strickjacke, bequeme Hose, leichte Schuhe. Und hat einen Becher Kaffee in der Hand. Weil sie alle sitzen lassen will, quetscht man sich mit ihr auch mal zu dritt auf zwei Plätze. Einen Mangel an Distanz gibt es aber nur räumlich. Ansonsten hält sie Abstand zu Journalisten – und den meisten anderen Menschen. Ein Schutzpanzer.

Bedauerlicherweise sind die Gespräche in der Luft wie auch die Runden im Kanzleramt „unter drei“. Was bedeutet, dass daraus inhaltlich nicht zitiert werden darf. Sonst würde Merkel nicht frei sprechen. Ironie in Texten wird meistens missverstanden und spitze Bemerkungen der Regierungschefin der viertgrößten Volkswirtschaft können zu internationalen Verwerfungen oder zum Börsencrash führen. Dass Boulevardmedien aber selbst über das Essen im Flieger nicht berichten dürfen, erschließt sich dann doch nicht.

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Manche Medien durchbrechen die Unter-drei-Vertraulichkeitsregel aber. Es klingt eben gut und wichtig, wenn man über etwas eigentlich Vertrauliches – und dann auch noch von der Kanzlerin – berichtet. Und da es einmal in der Welt ist, sei auf den „Spiegel“ verwiesen, der unter anderem diese Episode aus einem Hintergrundgespräch auf einem Rückflug von Litauen beschreibt:

Merkel berichtet von der Sorge der Litauer über den Bau eines Atomkraftwerks der Weißrussen an der Grenze. Litauens Ministerpräsident will das persönlich sehen und tarnt sich mit seiner Familie als radfahrende Touristen – an der Grenze. Das klingt für Merkel schon so absurd, dass sie losprusten muss. Ein Lagebild der Geheimdienste wäre wohl einfacher. Der eigentliche Knaller kommt aber noch. Der radelnde Ministerpräsident wird von der weißrussischen Polizei aufgegriffen.

Merkel bekommt den Satz kaum zu Ende, so sehr muss sie lachen. Sie spottet nicht über den Kollegen, es fehlt ihr nur die Vorstellung, was passieren müsste, damit sie sich aufs Fahrrad setzt und Grenzbeobachtung betreibt.

Merkel will Journalisten aber nicht nur informieren. Sie will auch etwas hören. Dafür muss sie nicht einmal Fragen stellen. Sie erklärt sich die Lage aus den Fragen der anderen, erkennt drohende Fallstricke und saugt die Stimmung auf. Wie ein Schwamm. Während der Corona-Krise ist das wegen der auch für eine Kanzlerin geltenden Kontaktbeschränkungen zum Erliegen gekommen. Der Austausch fehlt auch ihr. So wie Journalisten nicht mehr so sicher sein können, wie Merkel tickt, welche Gedanken sie umtreiben, in welcher Verfassung sie wirklich ist – so hat Merkel weniger Antennen für das, was über sie gedacht wird und was kommen mag.

Die Corona-Pandemie ist die einzige der vielen Krisen in ihrer Amtszeit, von der sie auch ganz persönlich betroffen ist. Unter keiner Krise leidet sie privat und politisch so wie unter Corona. Einziger Vorteil: Es gibt weniger Termine, die Merkel zuletzt Probleme bereiten.

Beim Empfang mit militärischen Ehren 2019 fängt sie am ganzen Körper an zu zittern. Wassermangel sei der Grund gewesen, heißt anschließend. Doch als sich das noch zweimal wiederholt, kommen Zweifel auf. Im Kanzleramt wird von einem „psychologisch-verarbeitenden Prozess“ gesprochen – quasi eine sich selbst erfüllende Prophezeiung aus Angst, dass sich die Zitterattacke wiederholt.

Es ist wohl diese Situation, mit der Merkel nicht mehr klarkommt. Alle Augen sind auf sie gerichtet, und sie muss das regungslos im Stehen ertragen. Irgendwann rebelliert die Psyche, und wenn man die im Griff hat, nimmt sie sich den Körper als Ventil. Von außen, menschlich betrachtet, mag das Berührendste daran sein, dass sich Merkel dafür schämt. Sie kennt das nicht, Schwäche zu zeigen. Und sie will das nicht, weil es im In- und Ausland zu Verunsicherung führen würde. Es kommt nicht wieder vor. Bei Empfängen mit militärischen Ehren sitzt sie fortan.

Corona ist für sie eine fürchterliche Tragödie. Und sie versagt nach eigenem Urteil an einer Stelle bei der Bekämpfung. Es ist nicht die umstrittene Entscheidung für die Osterruhe im Frühjahr, für die sie sich entschuldigt, sondern die Verwirrung darum. Dafür bittet sie um Verzeihung.

Vertrauen ist die wichtigste Währung in der Politik. Mit ihrem „Sie kennen mich“ konnte Merkel im Wahlkampf 2013 punkten, weil ihr auch viele Menschen unabhängig von der CDU vertrauten. Es bleibt Merkels einzige Entschuldigung in 16 Amtsjahren.

Gefühle zeigt Merkel selten. Man kann zwar ihre Gemütslage gut erkennen. Aber man kann nicht sicher sein, was ihr Herz wirklich berührt. Wenn sie Fragen dämlich findet, rollt sie mit den Augen (antwortet aber trotzdem ernsthaft). Oder wenn ihr jemand zu lange redet, nickt sie so häufig mit dem Kopf, dass er aufhören möge, weil sie doch verstanden hat, worum es geht.

So geduldig sie auf Chancen warten kann, so ungeduldig ist sie, wenn Dinge nicht vorankommen. Wer nicht auf Zack ist, sinkt in ihrer Achtung. Jedenfalls für den Moment. Einmal fragt sie einen Mitarbeiter nach einem Detail in einem außenpolitischen Konflikt, das ihr entfallen war. Der Experte weiß es leider auch nicht, aber ein Journalist hat es parat. Ihre nächste Frage richtet sie gleich an den Korrespondenten, weil der sich ja auskenne. Da ist sie gnadenlos.

Der Moment mit dem Flüchtlingsmädchen Reem

Ihre naturwissenschaftliche Herangehensweise an Konflikte ist von einer Sachlichkeit und Fokussierung geprägt, dass man sie für emotionslos halten kann. Aber dass sie kaltherzig sei, ist eine bösartige Erfindung. Vor allem jener Moment 2015, in dem ihr genau das vorgeworfen wird, spricht für das Gegenteil.

Merkel bringt das Flüchtlingsmädchen Reem bei einem Bürgerdialog zum Weinen. Die Kanzlerin hatte nüchtern erklärt, dass manche Asylbewerber zurückgeschickt werden müssten, und dabei übersehen, dass sie zu einem Kind spricht, das sich genau davor fürchtet. Regelrecht erschrocken über Reems Tränen eilt sie zu ihr und tröstet sie. Ihr tut das bitter leid.

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Glücklich ist Merkel, als ihr US-Präsident Barack Obama 2011 die Freiheitsmedaille der USA verleiht. In Trauer ist sie über den Tod des Vaters 2011 und ihrer Mutter 2019. Aber der Alltag geht einfach weiter. Gipfel, Wahlen, Kabinettssitzungen, Regierungserklärungen. Zeit zum Trauern hat Merkel nicht.

Die 67-Jährige hat sich nie beklagt, keine Zeit zu haben und rund um die Uhr Verantwortung für 82 Millionen Menschen zu tragen – für ein Gehalt von etwa 4,7 Millionen Euro in den gesamten 16 Jahren – ein Drittel von dem, was Ex-Siemens-Chef Joe Kaeser in einem Jahr bekommen hat.

Sie sagt immer, Politiker hätten doch die freie Wahl aufzuhören, wenn es ihnen nicht gefällt. Sie habe ihre Arbeit jeden Tag gern gemacht. Man kann es ihr glauben. Denn ihr Lohn ist die Macht, die Gestaltungsfreiheit und die Gewissheit, dass sie das letzte Wort hat. Daran ist sie reich. Sie hat sich das hart erarbeitet. Ausgebufft und manchmal auch brutal, jeden Tag gern. Das ist ihre Währung.

Ob Merkel und die CDU wirklich miteinander warm geworden sind, sei dahingestellt. Zum Schluss hätte sie es sogar spannend gefunden, wenn CSU-Chef Markus Söder Kanzlerkandidat geworden wäre. Armin Laschet hatte ihrer Ansicht nach nicht diesen unbedingten Kampfeswillen um das Kanzleramt. Fraglich ist, ob Söder es gepackt hätte. Soweit man das beobachten kann, findet Merkel von allen Parteien derzeit wohl die Grünen am interessantesten.

Was wird sie nun machen so im Ruhestand – ein Zustand, den sie gar nicht kennt: Ruhe. Wird sie Migrantenkindern Geschichten vorlesen? Oder schreibt sie, die zwar die mächtigste Frau der Welt, aber nicht die Beste im Erklären war, ihre eigene Geschichte? Erklärungen, warum sie was gemacht hat. Darüber, wie es wirklich war. Aus ihrer Sicht.

Von Kristina Dunz/RND

Der Artikel "16 Jahre Kanzlerin: über Macht und Merkels Panzer" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.