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Panorama Zentralrat der Juden kritisiert Papst Benedikt XVI.
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10:10 20.12.2009
Pius XII. war von 1939 bis zu seinem Tod 1958 Oberhaupt der katholischen Kirche. Quelle: afp
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Ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Seligsprechung des umstrittenen Papstes Pius XII. hat in jüdischen Gemeinden für Empörung gesorgt. "Ich bin traurig und wütend", sagte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer.

Wie der Vatikan mitteilte, wurde Papst Pius XII. am Samstag der heroische Tugendgrad zuerkannt. Dieser Schritt ist für die Seligsprechung und eine spätere eventuelle Heiligsprechung notwendig. Pius XII. war von 1939 bis zu seinem Tod 1958 Oberhaupt der katholischen Kirche. Kritiker werfen ihm bis heute vor, nicht energisch genug gegen die von Hitler-Deutschland organisierte Vernichtung der Juden protestiert zu haben. Der Vatikan erklärt hingegen, Pius XII. habe mit stiller Diplomatie versucht, Juden zu helfen.

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"Es ist absolut verfrüht, diesen Schritt zu machen", sagte Kramer. Er sprach von einer "deutlichen Umkehrung der historischen Fakten der NS-Zeit". Die katholische Kirche versuche, "eine andere Geschichte zu schreiben". Wütend mache ihn, dass Papst Benedikt XVI. keine ernsthafte wissenschaftliche Diskussion zulasse.

Die Jüdische Gemeinde Italiens bleibt nach eigenen Angaben "kritisch". In einer in Rom veröffentlichten Erklärung hieß es, man warte noch immer auf Zugang zu den Archiven des Vatikan, um eine genaue historische Bewertung vornehmen zu können. "Wir vergessen die Deportationen von Juden aus Italien nicht, insbesondere den Zug, der am 16. Oktober 1943 von Rom mit 1021 Menschen nach Auschwitz fuhr". Zu dem Transport in das NS-Konzentrations- und Vernichtungslager in Polen habe Pius XII. geschwiegen.

Auch Papst Johannes Paul II. wurde von seinem Nachfolger Papst Benedikt XVI. per Dekret der sogenannte heroische Tugendgrad zuerkannt. Das heutige Oberhaupt der katholischen Kirche hatte das Verfahren 2005 nur zwei Monate nach dem Tod seines Vorgängers eingeleitet.

Anschließend muss für eine Seligsprechung noch geprüft werden, ob auf Fürsprache des Papstes eine Wunderheilung erfolgte. Mit Blick auf Johannes Paul II. geht es um eine französisches Nonne, die 2005 von der Parkinson-Krankheit geheilt wurde. Wie es aus dem Vatikan weiter hieß, könne Johannes Paul II. im nächsten Jahr dann seliggesprochen werden, entweder an seinem Todestag am 2. April oder im Oktober. Im Oktober 1978 hatte Johannes Paul II. sein Amt angetreten.

Der ermordete polnische Priester Jerzy Popieluszko rückte der Seligsprechung ebenfalls ein Stück näher, indem ihm per Dekret der heroische Tugendgrad zuerkannt wurde. Popieluszko gilt in Polen als Symbol des gemeinsamen Kampfes der demokratischen Opposition und der katholischen Kirche gegen die Unterdrückung unter der kommunistischen Herrschaft. Er hatte in Gottesdiensten die damalige Führung scharf kritisiert und die Freiheitsbewegung der Gewerkschaft Solidarnosc verteidigt. 1984 war der Geistliche im Alter von 37 Jahren von drei Beamten der Geheimpolizei verschleppt und so lange gefoltert worden, bis er starb. Für ihn ist in dem weiteren Verfahren kein Nachweis einer Wunderheilung erforderlich, da er als Märtyrer gilt.

afp