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Panorama Zelte über Zelte – die Pfadfinder sind in Almke bei Wolfsburg
Mehr Welt Panorama Zelte über Zelte – die Pfadfinder sind in Almke bei Wolfsburg
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07:57 06.08.2010
Von Sarah Pancur
1300 Schwarzzelte stehen auf dem 25 Hektar großen Jugendzeltplatz in Almke. Quelle: dpa
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Die Kartoffeln, die über dem Lagerfeuer gekocht werden, haben die Pfadfinder selbst geerntet. „Es ist das erste nachhaltige Bundeslager“, sagt die Sprecherin des Verbandes Christlicher Pfadfinder (VCP), Diane Tempel-Bornett. Alle Lebensmittel, die die Pfadfinder benötigen, beziehen sie von 50 Lieferanten aus der Umgebung. Auch auch beim Ernten und Melken helfen die Pfadfinder selbst mit.

Das größte Pfadfinderlager Deutschlands ist in diesem Jahr in Niedersachsen zu Gast – 5000 Pfadfinder besiedeln bis Sonnabend mit 1300 Schwarzzelten den 25 Hektar großen Jugendzeltplatz in Almke bei Wolfsburg. Alle vier Jahre treffen sich die Pfadfinder aus ganz Deutschland und der Welt zum zehntägigen Bundeslager des VCP. 250 internationale Gäste aus England, der Mongolei oder den USA sind auch mit dabei.

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Gigantische Mengen an Lebensmitteln werden während der zehn Tage verputzt: sieben Tonnen Brot, 100.000 Brötchen, vier Tonnen Fleisch, 40.000 Würstchen, 50.000 Eier, neun Tonnen Kartoffeln und 1000 Gläser mit selbstgemachter Marmelade von den Landfrauen aus Wolfsburg.

Insgesamt 90 Prozent der Lebensmittel kommen aus ökologischem Anbau. Die 4000 Kilogramm Kakao und 5000 Kilogramm Kaffee stammen aus fairem Handel. Nur beim Schokoladenaufstrich wurde aus Kostengründen auf ein Produkt aus konventionellem Anbau zurückgegriffen. „Ohne Schokocreme funktioniert kein Lager“, heißt es in der Versorgungsstelle, wo jeden Tag die Kochkisten gepackt werden. Die Kochgruppen können jeden Tag zwischen drei Gerichten wählen. Die Rezepte dazu stehen in einem eigens geschriebenen Lagerkochbuch. Nicht nur alle Lebensmittel stammen aus ökologischem Anbau, auch die Energie ist grün. Elf Solarmodule und eine Windkraftanlage bringen Strom.

Die Pfadfinder sollen während des Lagers lernen, bewusst mit den Ressourcen der Natur umzugehen. „Pfadfinder sein ist eine Lebenseinstellung“, findet Florian, der seit 16 Jahren dabei ist. Naturverbundenheit sei typisch für Pfadfinder, sagt der 23-jährige Duisburger. Einfach mit dem Zelt losziehen ohne zu wissen, wo man die Nacht verbringe. Die nächsten Tage allerdings ist der Lagerplatz festgelegt. Doch im riesigen Lager sind viele kleinere zu entdecken. Denn jeder Landesverband bildet eine eigene Inselstadt. Hessens Stadt heißt „Stoffmeer“, weil sich alles um den Stoff dreht, „aus dem die Träume sind“, sagt Uwe Hugendick, der zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen da ist. Er und seine Frau sind selbst als Kinder bei solchen Lagern dabei gewesen. Jetzt sind sie es, die Workshops für die „Pfadis“ anbieten. Hugendick bastelt mit den Kindern Windräder aus Holz und Stoff.

Während die einen schon emsig am Basteln, Schmieden oder beim Wandern sind, ist im westfälischen Städtchen „Fabula“ noch Spülen angesagt. „Unser Frühstücksgeschirr“, sagt Bjarne. Er blickt auf die Uhr und grinst: „Unser Frühstück war eher ein Brunch.“ Cornflakes und Brot gab es. Am besten gefallen ihm bei den Pfadfindern die vielen Ausflüge, sagt der 14-Jährige aus Münster. Am Abend tritt er mit den anderen aus seiner Gruppe beim Singwettstreit auf – mit einem selbst komponierten Song.

Auch in den mehr als 650 Workshops sollen die Jugendlichen erleben, wie sie sparsam mit Ressourcen umgehen können. In der Lagerkirche „Arche Noah“ schmelzt Ilse Köpke-Degener alte Kerzen. Aus dem Wachs können die Kinder wieder neue Kerzen gießen. „Die Kinder sollen hier andere Fähigkeiten in sich entdecken als in der Schule“, sagt die 63-jährige Hannoveranerin, die selbst Lehrerin an der Integrierten Gesamtschule Roderbruch ist. Auch ihr Mann ist mit dabei. Als Pastor im Ruhestand bietet er nachmittags und spätabends Andachten an.

Und wer einfach die Seele baumeln lassen will, trinkt einen Mokka im Café „Knopploch“, betrachtet den Sternenhimmel im mobilen Planetarium oder schlendert einfach durch das Lager und bestaunt die Kunstwerke. Aus alten Holzstämmen, Seilen und Stoffresten haben die „Pfadis“ einen Leuchtturm und einen Katamaran gebaut.