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Panorama Wissenschaftler untersuchen: Hätte Bluttat verhindert werden können?
Mehr Welt Panorama Wissenschaftler untersuchen: Hätte Bluttat verhindert werden können?
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22:30 18.09.2009
Trauer ins Ansbach nach dem Amoklauf. Quelle: ddp
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Georg R. gilt als stiller Junge – bis er im bayerischen Ansbach Brandsätze in Klassenzimmer wirft und eine Schülerin mit einer Axt schwer verletzt. Auch Tim K. war als unauffällig beschrieben worden. Dann griff er zur Waffe und erschoss am 11. März im baden-württembergischen Winnenden 15 Menschen und sich selbst. Hätten die Taten verhindert werden können? Die Frage wird nach jedem Amoklauf gestellt. Auch jetzt, zwei Tage, nachdem der 18-jährige Georg R. töten wollte.

Herbert Scheithauer, Professor für Psychologie an der Freien Universität (FU) Berlin arbeitet daran, eine Antwort zu finden. Ein Forschungsprojekt soll Lehrern und Psychologen helfen, mögliche Amokläufer zu erkennen, bevor sie zuschlagen. Scheithauer leitet den Arbeitsbereich Entwicklungswissenschaft und Angewandte Entwicklungspsychologie an der FU. Vor drei Jahren, auch als Folge des Amoklaufs am Erfurter Gutenberg-Gymnasium, startete er an einigen Berliner Schulen sein „Leaking“-Projekt, vom englischen „to leak“, durchsickern. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass ein Täter manchmal schon über Jahre hinweg versteckte Hinweise auf die geplante Tat gibt. Ein Phänomen, dass die Forschung nutzen will.

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Die Wissenschaftler beschafften sich alle Informationen über vergangene Amoktaten, die sie kriegen konnten – in der Hoffnung auf einen Hinweis, der erklärt, warum aus einem ganz normalen Schüler ein Massenmörder wird.

Georg R., der Abiturient des Carolinums in Ansbach, soll ein Testament geschrieben haben. Datiert ist es auf den 11. September, den Jahrestag des Terroranschlags auf die USA. In seinem Kalender ist unter dem 17. September 2009, dem Tag der Tat, „Apokalypse Today“ vermerkt. Besonders verschlüsselt erscheinen diese Hinweise nicht. Sie wirken wie deutliche Warnungen, zumindest wirken sie heute so, zwei Tage, nachdem die grausige Tat geschehen ist. Hinterher ist man immer schlauer, heißt es. Auch Scheithauer sagt: „In der Rückschau erscheint uns vieles jetzt plötzlich so klar. Im Nachhinein schauen wir uns die Amokläufe an und finden genau die Muster, die wir finden wollen.“ Er nennt als Beispiel familiäre Probleme, ein Kriterium unter vielen, dass bei jugendlichen Gewalttätern eine Rolle spielen kann. „Aber nennen Sie mir eine Familie, in der es keine Probleme gibt“, sagt er – und meint: Nicht jedes Scheidungskind ist ein potenzieller Massenmörder, und nicht jede Gewaltandrohung mündet in einem Angriff auf Lehrer und Mitschüler. Amokläufe sind nach wie vor selten.

In den vergangenen zehn Jahren haben nach Auskunft des Experten zehn Schüler und Schülerinnen in Deutschland Lehrer und Mitschüler erschossen oder es versucht. „School Shooting“, Schulschießerei, nennen Scheithauer und sein Team diese Form der Gewalt. Den Begriff Amoklauf halten sie für irreführend. Er kommt aus dem Indonesischen und beschreibt eine plötzliche, willkürliche Gewaltattacke. Doch die meisten dieser Taten „geschehen eben nicht spontan“, sondern geplant, sagt Scheithauer. Nach Erkenntnis der Wissenschaft kündigen nur wenige Amokläufer ihre Tat ausdrücklich und unmissverständlich an. Doch häufig gibt es versteckte Botschaften oder eben „Leakings“. Diese gilt es wahr und ernst zu nehmen.

Die Forscher unterscheiden zwischen direkten und indirekten Leakings. Direkte Hinweise sind Äußerungen gegenüber Freunden oder im Internet, auch hingekritzelte Sprüche an Toilettenwänden, Zeichnungen. Scheithauer berichtet von einem Schüler, der ein Bild malte, auf dem er seine Lehrerin mit einem Kopfschuss tötet. Als indirekte Hinweise gilt etwa ein übersteigertes Interesse an Waffen, das Sammeln von Berichten über vergangene Amokläufe oder eine ausgeprägte Vorliebe für Tarnkleidung.

Die Forscher haben festgestellt, dass solche Verhaltensweisen relativ selten sind – und Anlass sein sollten, genauer hinzuschauen. „Es geht nicht darum, den Schüler als potenziellen Amokläufer zu stigmatisieren, aber doch wahrzunehmen, dass es vielleicht kein normales Verhalten ist, wenn ein Jugendlicher Rachegelüste und Gewaltphantasien hat“, sagt Scheithauer. „Der nächste Schritt müsste sein, mit dem Schüler intensiver zu arbeiten.“ Stattdessen würden gerade introvertierte Schüler häufig unbeachtet bleiben. Ein Fehler.

„Jede Wissenschaft steht und fällt damit, wie sie in die Praxis angewandt wird“, sagt Leo Keidel. Der Kriminalhauptkommissar musste am 11. März zum Einsatz in die Albertville-Realschule. Er sah die toten Schüler am Boden liegen. 15 Menschen hatte der 17-jährige Tim in Winnenden und Wendlingen erschossen, bevor er die Waffe gegen sich selbst richtete.

Keidel gehört zu einem Präventionsteam der Polizei. Seit drei Jahren entwickelt er Krisenpläne für Schulen und lehrt Lehrer, was im Fall eines Amoklaufs zu tun ist. Er hat mit dafür gesorgt, dass es an den Schulen einen sogenannten Krisenordner gibt, in dem alle Daten über das Gebäude, Ansprechpersonen und Schülerzahlen vermerkt sind: „Damit das Wissen vorhanden ist, wenn es schnell gehen muss.“ Auch eine Checkliste ist abgeheftet, die auf der Leaking-Theorie basiert. Entscheidend aber sei ein funktionierendes Netzwerk. „Es ist wichtig, dass Vertrauen da ist, und Schüler nicht das Gefühl haben, sie verpetzen jemanden.“

Aber: „Der beste Krisenordner reicht nicht, wenn er unten rechts im Schrank des Sekretariats verstaubt“, sagt auch Prof. Scheithauer. Werden Lehrer mit Drohungen konfrontiert, seien sie selten in der Lage, diese zu deuten. Diese Hilflosigkeit soll wenigstens in Berlin, Brandenburg und Baden-Württemberg bald ein Ende haben. In einem neuen Forschungsprojekt der FU Berlin werden Lehrer geschult, Warnsignale als solche zu erkennen. Auch dieses Projekt trägt einen englischen Namen, „Networks against School Shooting“. Darin geht es um eine wirksame Vernetzung von Lehrern, Schülern, Eltern, Polizisten und Psychologen. Am Ende, so die Hoffnung, könnte ein Konzept stehen, das jede Schule in Deutschland anwenden kann. „Es geht dabei nicht darum, junge Menschen zu stigmatisieren“, betont Scheithauer. Es geht um Gefahrenabwehr.

Lässt sich aus der Tat von Ansbach etwas lernen? „Wir können nicht so tun, als ob wir nicht betroffen sind“, sagt der Forscher. „Wir dürfen in unserer Arbeit nicht locker lassen“, sagt Polizist.

Eine Besonderheit indes hat der Fall Ansbach: Der Amokläufer Georg R. lebt. Scheithauer hofft nun auf die seltene Gelegenheit, vom Täter selbst zu erfahren, was kurz vor der Tat in ihm vorgegangen ist – „ein sehr interessanter, wenn auch makabrer Umstand“. Die meisten Amokläufer töten sich nach der Tat selbst oder werden von der Polizei erschossen.