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Panorama Wie teuer wäre das Ende mit Schrecken?
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16:45 12.10.2010
Quelle: dpa
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Zwei Experten, drei Meinungen - das trifft auch auf die Frage zu, was es kosten würde, aus dem Milliardenprojekt Stuttgart 21 doch noch auszusteigen. Zwei Milliarden Euro, rechnete Baden-Württembergs CDU-Fraktionschef Peter Hauk (CDU) kürzlich vor, und dafür sei noch nichts am renovierungsbedürftigen Hauptbahnhof gemacht. Auf gerade mal ein Viertel dieser Summe kommt Bahnexperte Christian Böttger, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin.

Bahnchef Rüdiger Grube wiederum spricht stets von 1,4 Milliarden Euro Ausstiegskosten. Er werde „mit Klagen überzogen“, kündigt er an. Seine Rechnung setzt sich im Wesentlichen zusammen aus 760 Millionen Euro, die sein Unternehmen an die Stadt Stuttgart zurückzahlen müsste, Planungskosten in Höhe von 440 Millionen Euro und 240 Millionen Euro für bereits vergebene Aufträge. „Die Kosten wären immens, und wer sollte sie bezahlen“, hatte der inzwischen zurückgetretene Projektsprecher Wolfgang Drexler mal gewarnt.

Professor Böttger hingegen rechnet anders: Der größte Batzen, also die 760 Millionen für die Grundstücke, müsste nur von der Bahn auf das Konto der Stadt zurückgebucht werden. Echte Ausstiegskosten seien das nicht, eher ein Nullsummenspiel. Die Deutsche Bahn AG habe einen Großteil des Geldes erst 2009 als Sondergewinn in der ersten Grube- Bilanz verbucht. Natürlich bringe eine Rückabwicklung den Bahn-Chef in Schwierigkeiten, sagt Böttger, „aber das ist ja nicht die Frage“. Die Bahn hingegen warnt vor Schadenersatzansprüchen wegen der Grundstückserlöse. Böttger sagt, die Rückabwicklung sei vertraglich gesichert. Laut Vertrag müsse die Bahn beim Aus für S21 den Verkaufserlös plus 5,5 Prozent Zinsen pro Jahr an die Stadt zurückzahlen.

Bleiben Kosten für Planung und bereits vergebene Bauaufträge, die Böttger auf rund 600 Millionen Euro schätzt. Rausrechnen könne man da noch etwa die Planungskosten von mehr als 100 Millionen Euro für die Neubaustrecke Wendlingen-Ulm. „Die kann ja trotzdem gebaut werden“, sagte Böttger. Tatsächlich sitzenbleiben würde man aus Böttgers Sicht auf rund 450 bis 500 Millionen Euro. Selbst diese Summe ließe sich noch drücken, ist er überzeugt. Am Hauptbahnhof, den die Bahn seit Jahren - mit Blick auf Stuttgart 21 zu recht, wie Böttger betont - vernachlässigt habe, müsse ja ohnehin einiges getan werden. Die Aufträge da könnten eine wichtige Verhandlungsmasse im Gespräch mit den Baufirmen sein, die beim Baustopp sonst leer ausgehen würden.

Bei Stuttgart 21 soll der Kopfbahnhof in eine unterirdische Durchgangsstation umgebaut und mit einer Schnellbahnstrecke nach Ulm verbunden werden. Das Projekt soll nach Angaben der Bahn etwa 7 Milliarden Euro kosten, die Gegner hingegen befürchten ein Schrecken ohne Ende und Kosten in Höhe von 10 bis 18 Milliarden Euro.

Trotz der auch von ihm prognostizierten mehreren hundert Millionen Euro Ausstiegskosten empfiehlt Böttger das Aus. Den Bau des Tiefbahnhofs hält für „absurd“, eine Geldverschwendung. „Zumal für die Bahn dadurch nichts besser wird. Der Nutzen für das System Schiene liegt im Bereich von null.“ Viele Projekte, die auf Eis lägen, seien sinnvoller. Geht man zudem davon aus, dass sich der Bahnverkehr in den nächsten 15 Jahren verdoppelt, sei der Tiefbahnhof sogar schädlich. Während der Kopfbahnhof noch Reserven habe, sei der Tiefbahnhof nicht so einfach erweiterbar, warnte der Bahnexperte.

dpa

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