Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama Wie ein unheilbar Kranker im Rollstuhl die Orang-Utans retten will
Mehr Welt Panorama Wie ein unheilbar Kranker im Rollstuhl die Orang-Utans retten will
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:58 23.03.2019
Der an einer voranschreitenden Muskelschwäche erkrankte Benni Over schaut in das von ihm gestaltete Kinderbuch „Henry rettet den Regenwald“. Quelle: Thomas Frey/dpa
Neustadt/Wied

Mucksmäuschenstill ist es, als Klaus Over rund 200 Schülern erzählt, wie bei der Abholzung von Regenwald in Südostasien „gezielt Orang-Utan-Mamas abgeschossen“ werden. „Dann fallen sie mit ihren Babys von den Bäumen runter“, sagte er. Die Kleinen würden oft als Kuscheltier, Kinderersatz und Statussymbol ins Ausland verkauft. Neben Over (59) sitzt in der Aula des Gymnasiums in Neustadt/Wied im Westerwald sein Sohn Benni (28) im Rollstuhl. Er ist unheilbar krank – und dennoch mit seiner Familie rund 15.000 Kilometer nach Borneo zu den Menschenaffen gereist.

In diesem Jahr wirbt der behinderte Botschafter der Orang-Utans mit seinem Vater bundesweit bei 20 bis 30 Schulen, Unis, Buchhandlungen und Bibliotheken für ihren Schutz. Der stellvertretende Leiter des Gymnasiums Neustadt/Wied, Hans Brinker, sagt: „Wir haben heute einen Menschen zu Besuch, der Vorbild sein kann für uns und für die Welt.“

Seit seinem zehnten Lebensjahr sitzt Benni Over im Rollstuhl

Auch zwei Bücher und einen Trickfilm über Orang-Utans hat Benni Over schon mitgestaltet – nach seinem Schlüsselerlebnis vor fünf Jahren im Berliner Zoo, wo ihn der kleine verspielte Menschenaffe Bulan in seinen Bann gezogen hat. Seitdem betrachte Benni den Schutz der Orang-Utans als seine Lebensaufgabe, sagt Vater Klaus Over. Im Internet habe er sich sehr viel Wissen über sie angeeignet.

Der an einer voranschreitenden Muskelschwäche erkrankte Benni Over (2.v.l.) hält am Gymnasium Neustadt/Wied einen Vortrag über die vom Aussterben bedrohten Orang Utans im Regenwald in Südostasien. Quelle: Thomas Frey/dpa

Bereits im Alter von vier Jahren haben Ärzte bei Benni Duchenne-Muskeldystrophie, eine voranschreitende Muskelschwäche, festgestellt. Seit seinem zehnten Lebensjahr sitzt er im Rollstuhl. Seit einem Herzstillstand Ende 2016 und dem lebensrettenden Luftröhrenschnitt beatmet ihn überwiegend eine Maschine. Inzwischen kann Benni außer seinem Gesicht nur noch die Fingerspitzen bewegen. Mit wachen grau-blauen Augen verfolgt er in Neustadt/Wied, wie sein Vater vor Neunt- und Zehntklässlern über Zusammenhänge zwischen südostasiatischen Orang-Utans und deutschen Supermärkten berichtet.

Weltweit gibt es nur noch 70.000 bis 100.000 Orang-Utans

Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der rothaarigen Menschenaffen hat von China über Thailand und Vietnam bis nach Java gereicht. Heute leben nur noch auf den südostasiatischen Nachbarinseln Sumatra und Borneo Orang-Utans (indonesisch: „Waldmenschen“), Schätzungen zufolge nur noch 70.000 bis 100.000. Die bedrohten Affen gehören zu den nächsten Verwandten des Menschen. Ihr Erbgut gleicht dem des Homo sapiens zu 97 Prozent.

Klaus Over sagt, stündlich würden 200 Fußballfelder Regenwald abgeholzt oder mit Feuer vernichtet. Auf Borneo und Sumatra entstünden auf den gerodeten Flächen riesige Palmölpflanzungen – ohne Orang-Utans und mit dramatischen Folgen für das Klima.

Was können Europäer dagegen tun? Viel, sagt Klaus Over in Neustadt/Wied: „In fast jedem zweiten Supermarktprodukt steckt Palmöl drin.“ Etwa in Tiefkühlpizzen, Schokolade, Speiseeis, Lippenstiften, Waschmitteln, Shampoos und Duschgel. Klaus Over empfiehlt den Schülern, beim Einkauf die kleingedruckten Angaben zu Zusatzstoffen zu lesen und auf Produkte mit Palmöl zu verzichten. Es gebe Alternativen. Auch Eigeninitiative sei möglich. Die Schüler machen große Augen.

2016 reiste Benni Over im Rollstuhl zu den Orang-Utans

Benni Over sitzt neben seinem Vater, er kann nicht lange laut sprechen. Aber er hat mit eigenen Ideen und Illustrationen mitgewirkt bei dem Kinderbuch „Henry rettet den Regenwald“, das von einem Trickfilm ergänzt wird: Die Mutter des kleinen Orang-Utans Henry wird getötet, er reist zum Deutschen Bundestag, zu Papst Franziskus und zum Dalai Lama, um für die Rettung seiner Art zu werben. Die Schüler sehen Auszüge des Films, es geht spielerisch um die Zusammenhänge zwischen Artenvielfalt, Palmölproduktion, Klimawandel und Konsumgesellschaft. „Das hat schon irgendwie das Herz berührt“, sagt die 14-jährige Sinje Burberg.

Auch bei dem Buch über seine Reise 2016 im Rollstuhl mit seinen Eltern und seinem Bruder vom Heimatort Niederbreitbach im Westerwald bis zu den Orang-Utans auf Borneo hat Benni Over mitgewirkt. Dort hat er, oft von Helfern getragen, Umweltschützer und Palmöl-Monokulturen besucht. Und Rettungscamps. Sie haben Benni zum Botschafter der Primaten ernannt. In den Camps lernen kleine Orang-Utan-Waisen in Tierkindergärten und Waldschulen Nahrung zu suchen und Baumnester zu bauen. Klaus Over erklärt: „Sie bekommen menschliche Ersatzmamas. Nach fünf bis acht Jahren werden sie in die Freiheit entlassen.“

Benni hat noch viele Pläne

Viele der Schüler in Neustadt/Wied spenden einen Euro. Damit finanzieren sie die Pflanzung von Bäumen. Irgendwann soll Benni Overs Wiederaufforstungsprojekt auf Borneo eine halbe Million Bäume zählen. „Inklusive der Pflege in den nächsten drei Jahre kostet das 1,2 Millionen Euro“, erläutert sein Vater. Das sei auch Entwicklungshilfe für die einheimische Bevölkerung.

Benni Over malt Bilder für den zweiten Band seines Kinderbuchs „Henry rettet den Regenwald“. Quelle: Thomas Frey/dpa

Wieder daheim im behindertengerechten Haus der Familie Over in Niederbreitbach tunkt Kathrin Britscho, eine von Bennis Pflegerinnen, zeichnet vor, für den Kranken den Pinsel in die gewünschte Farbe, gibt ihn dem jungen Mann in die Hand – und Benni malt die Flächen aus. Er lächelt. Gefesselt im Rollstuhl und am Beatmungsgerät hat er immer neue Pläne: Sein Reisebuch soll eine überarbeitete Auflage bekommen – und sein Kinderbuch eine Fortsetzung. Vater Klaus sagt: „Benni kann nur noch seine Finger bewegen – aber damit bewegt er viel.“

Von Jens Albes/RND/dpa