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Panorama Wesermündung versinkt im Schlamm
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22:02 06.07.2009
Von Saskia Döhner
Immer öfter sitzen die Kutter von Fedderwardersiel auf dem Trockenen. Der Hafen verschlickt zusehends.
Immer öfter sitzen die Kutter von Fedderwardersiel auf dem Trockenen. Der Hafen verschlickt zusehends. Quelle: Foto: Grossmann
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Die Fischer fürchten um ihre Fischgründe, die Bauern fürchten das Salzwasser auf den Weiden und alle fürchten um die Gäste.

„Noch eine Weservertiefung, und wir sind weg“, sagt Elmar Hüttenmeister lakonisch. Jahrelang hat er als Kapitän des Ausflugsschiffs „Wega II“ Touristen vom Fischerdörfchen Fedderwardersiel zu Leuchttürmen und Seehundbänken in der Nordsee gefahren. Unzählige Male habe er seinen Gästen, darunter auch viele niedersächsische Landespolitiker, den Zusammenhang zwischen dem Ausbaggern des Flusses und der zunehmenden Verschlickung des einzigen noch schiffbaren Hafens erläutert, sagt er. „Vor der Wahl verstehen immer alle Politiker unser Problem und versprechen, uns zu helfen, und nach der Wahl ist alles vergessen.“ Hüttenmeister klingt spürbar enttäuscht. „Hannover ist eben weit weg.“

Dabei liegt die Landeshauptstadt eigentlich nur gut 200 Kilometer von dem idyllischen Kutterhafen entfernt. Aber gefühlt ist die Distanz viel größer. Viele Menschen in Butjadingen fühlen sich ignoriert von den Politikern in Hannover. Zwar ist die Verschlickung im Landtag seit Jahren immer mal wieder Thema – zuletzt haben die Grünen im November einen Antrag gegen die geplante Vertiefung von Außen- und Unterweser eingebracht. Aber als ein wirklich drängendes Problem scheinen es die meisten Abgeordneten nicht anzusehen, meint Grünen-Abgeordnete Ina Korter bedauernd: „Da heißt es oft ein wenig spöttisch, Fedderwardersiel die 123.“

Korter selbst stammt aus der Wesermarsch und kennt die Nöte der Fischer und Landwirte: „Die Verschlickung ist ein existentielles Problem“, sagt sie. Denn der Fedderwarder Priel sei die Lebensader des Urlaubsdorfes. Rund eine Million Übernachtungen hat die Samtgemeinde Butjadingen (6000 Einwohner) insgesamt jährlich aufzuweisen. Viele Gäste kommen wegen des Hafens von Fedderwardersiel, der viel von seiner Ursprünglichkeit bewahrt hat. „Ohne Hafen kein Tourismus“, sagt Hüttenmeister. Ausgleichsmaßnahmen wie die künstliche Nordseelagune in Burhave, die einen verloren gegangenen Badestrand ersetzen soll, würden die verschuldete Gemeinde in den finanziellen Ruin treiben.

Früher konnte Hüttenmeister mit dem Ausflugsschiff bis zu vier Fahrten am Tag machen. Jetzt hat Kapitän Dieter Nießen nur für maximal zwei Fahrten genug Wasser unterm Kiel. Auch an diesem Sommertag quält sich die „Wega II“ mühsam durch den Schlamm, bevor sie die offene See erreicht. „Das Geschäft wird schwieriger“, sagt Nießen.

Damit spricht er dem inzwischen in Rente gegangenen Fischer Harry Thaden aus der Seele. Der 73-Jährige ist noch da. Sein ältester Sohn nicht mehr. Der ist mit seiner Familie und Kutter nach Amrum übergesiedelt, weil es für ihn in Butjadingen keine Zukunft mehr gab. „Dabei hatte er das beste Boot“, sagt Hüttenmeister.

In einem großen Bogen fährt die „Wega II“ am Deich entlang, bevor sie die Außenweser erreicht. „Wir brauchen einen direkten Priel zur Weser“, sagt Hüttenmeister und zeigt auf eine seiner Skizzen. Bei Ebbe sei dann die Strömung so stark, dass der Schlick durch die sogenannte Wega-Rinne gleich wieder zurück ins Meer fließe. Das teure Ausbaggern des Hafens, der sowieso nach ein paar Monaten wieder verschlicke, sei bei dieser Lösung nicht mehr nötig.

Die nächste Weservertiefung steht vor der Tür. Bis spätestens Anfang 2010 soll der Planfeststellungsbeschluss vorliegen. Die niedersächsischen Grünen fordern, dem Antrag Bremens nicht zuzustimmen. Nicht nur, dass durch den erneuten Ausbau die Deichsicherheit gefährdet sei, der neue Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven mache eine weitere Vertiefung für Containerschiffe überflüssig, sagt Korter. Der Ausbau soll aus niedersächsischer Sicht auch dem Hafen Brake zugutekommen, der einer der größten Umschlagplätze für Futtermittel und Getreide in Europa ist. „Was zählen da schon die paar Fischer von Butjadingen?“, sagt Thaden.

Es sind nicht nur die Fischer, die sich gegen eine erneute Vertiefung einsetzen. Auch die Bauern gehen auf die Barrikaden. „Notfalls werden wir klagen“, sagt Rolf Baumann, stellvertretender Vorsitzender des Landvolkverbandes Wesermarsch. Rund 650 Vollerwerbsbetriebe gibt es hier, die insgesamt 30 000 Rinder halten. 400 000 Kubikmeter Weserwasser verteilen sich täglich auf den 22 000 Hektar Weideland. „Wenn das Salzwasser noch weiter vordringt, fließt es über die Siele ins Binnenland“, sagt Jan Dunkhase vom Entwässerungsverband.

Vorschläge, die Landwirte sollten die Wassergräben einzäunen, damit die Kühe nicht das salzige Wasser trinken, oder zu ihren Weiden Trinkwasserleitungen legen, hält Landwirt Baumann für wenig sinnvoll. „Wer so was sagt, zeigt, dass er nicht viel von Landwirtschaft versteht.“