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Panorama Was tun, wenn der Wolf kommt? Zu Besuch beim Wolfsberater
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07:58 18.02.2019
Ein Europäischer Wolf (Canis lupus lupus) streift durch ein Gehege im Wisentgehege in Springe. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa
Springe

Malo ist schon ein ziemlicher Rabauke. Er wuselt ständig um seine Mutter Lomasi herum, bis sie ihn genervt anknurrt. Malo wird im Mai ein Jahr alt, er ist sozusagen ein Halbstarker, aber er wirkt schon völlig ausgewachsen. Weil er seine Mutter nicht mehr ärgern darf, knabbert Malo nun Matthias Vogelsangs Schuhe an und verbeißt sich schließlich in den Futtereimer. Als es Vogelsang zu bunt wird, greift der Mann dem Wolf mit bloßen Händen ins Gebiss und zieht sein Maul vom Eimer weg. Die Leute vor dem Zaun halten für einen Moment kollektiv die Luft an.

Im Wisentgehege in Springe am Deister, das zu den Niedersächsischen Landesforsten gehört, gibt es seit 2010 ein Wolfsprojekt: Vier Timberwölfe leben in einem eigenen, weitläufigen Gelände, im Nachbargehege residieren sechs schneeweiße Polarwölfe – der jüngste von ihnen ist Malo. Matthias Vogelsang und seine Frau Birgit haben sie alle mit der Flasche aufgezogen, deswegen haben die Wölfe keine Angst vor ihnen und tun ihnen auch nichts. Nicht mal, wenn sie ihnen ins Maul fassen.

Auch an diesem Tag finden im Wisentgehege, wie jeden Tag außer montags, die Wolfspräsentationen statt, mittags und am frühen Nachmittag. Mattias Vogelsang geht dann mit einem Eimer voller Fleisch zu den Wölfen hinein und erzählt ein bisschen über das Wesen der Tiere. In der letzten Zeit hat er beobachtet, dass sich das Klima dabei verändert. „Die Leute sind für die Wölfe oder gegen die Wölfe.“ Die aufgeheizte Debatte darum, wie viele Wölfe das Land verträgt und ob man die Tiere abschießen sollte oder nicht, schwappt bis ans Gatter.

Kein Mensch wurde angegriffen

Vogelsang lässt keinen Zweifel daran, dass Wölfe, auch seine, alles andere als zahm sind. „Das sind Wildtiere“, sagt er. „Beutegreifer.“ Im Wisentgehege haben sie bloß gelernt, dass Matthias Vogelsang Teil ihres Rudels ist. Deswegen kann er innen am Zaun stehen und zu den Leuten vor dem Zaun sprechen und den Wölfen den Rücken zukehren. Er dreht sich nicht ein einziges Mal um.

Ob sie davon gehört hätten, dass ein Wolf durch ein Dorf getrabt sei?, fragt Vogelsang seine Zuhörer. Haben sie. Ob sie sich erklären könnten, warum der Wolf das getan habe? Unsicheres Schweigen. Nun, erläuterte er: Füchse und Wildschweine gingen in die Dörfer, weil sie dort heute aufgrund der Unachtsamkeit der Menschen auf Futter hoffen könnten. Füchse und Wildschweine stünden auf der Speisekarte des Wolfs. Er folge ihren Spuren.

„Der Mensch gehört übrigens nicht ins Beuteschema der Wölfe“, sagt Vogelsang, und als einige im Publikum zweifelnd die Augenbrauen heben, ergänzt er: „Wir haben seit 20 Jahren wieder Wölfe in Deutschland. Es gab nicht einen einzigen Übergriff eines freilebenden Wolfs auf einen Menschen.“

Man muss nicht fragen, ob Matthias Vogelsang Wölfe liebt. Das sieht man. Und man hört es, wenn er erzählt, dass ein Wolf um ein Vielfaches besser riechen kann als ein Hund, dass Wölfe nur bei etwa zwei von zehn Jagdausflügen Beute machen, dass sie bei jeder Jagd zwischen 30 und 70 Kilometern laufen. Während Wölfin Tala hinter ihm ein Stück Fleisch zerpflückt, erzählt Vogelsang, dass zwölf Kilo in einen Wolfsmagen passen, aber dass Wölfe auch drei Wochen ohne einen Happen auskommen.

Problemwolf GW717m darf geschossen werden

Er ist 56 jetzt. Früher war er Kraftfahrzeugmeister. Aber das Leben hatte noch was anderes mit ihm vor. Vogelsang hat sich schon immer mit Wölfen beschäftigt, und irgendwann lernte er den Tierschützer und Wolfstrainer Zoltán Horkai aus Ungarn kennen, die beiden wurden Freunde und arbeiteten miteinander. Eines Tages kamen sie nach Springe. Und dann gab es Angebote und Gespräche, und am Ende schufen sich Birgit und Matthias Vogelsang in der Nähe ein neues Zuhause. Matthias Vogelsang wurde einer der ersten Wolfsberater in Niedersachsen, heute gibt es rund 120.

Matthias Vogelsang liebt Wölfe, aber er idealisiert sie nicht. Jemand vor dem Zaun fragt nach gerissenen Schafen und Ponys. Nur Minuten zuvor ist auf Vogelsangs Handy die Nachricht eingetroffen, dass der sogenannte Problemwolf GW717m, der Leitwolf des Rodewalder Rudels im Kreis Nienburg, lauf Verwaltungsgericht geschossen werden darf, weil er zahlreiche Nutztiere getötet hat. Vogelsang macht deutlich, dass es Situationen geben kann, in denen man Wölfe töten muss. Aber man solle, sagt er, erst alle anderen Möglichkeiten ausschöpfen.

Dann erzählt er, ganz sachlich, was seiner Ansicht nach passieren wird: Der Wolf wird abgeschossen, aber man weiß erst, wenn er tot ist, ob man GW717m erwischt hat. Mutmaßlich hat der Rüde in den letzten Wochen, Februar ist Paarungszeit, noch Nachkommen gezeugt. Die Fähe wird in gut 60 Tagen in einer verborgenen Höhle Junge werfen, und sie alle werden verhungern, weil kein Vater da ist, der Futter bringt.

Und in dem Rudel wird irgendwann ein neuer Rüde auftauchen. Sollte die Fähe den Wurf doch überlebt haben, wird er sich mit ihr, aber auch mit ihren älteren Töchtern paaren, denn das sind für ihn keine Stieftöchter, sondern Weibchen. Am Ende hat man mehr Wölfe als vorher. Einen Wolf zu töten, sagt Matthias Vogelsang, löse die Probleme nicht grundsätzlich.

Wolfsrudel dulden keine anderen Wölfe in ihren Territorien

Wölfe polarisieren. Menschen haben Angst vor Wölfen, das steckt seit Jahrtausenden in ihnen, ob es heute noch berechtigt ist oder nicht. Matthias Vogelsang weiß das, er versucht, behutsam zu argumentieren, doch er rechnet damit, dass manche Leute bloß das hören, was sie hören wollen. Vogelsang wünscht sich einen Konsens: „Der Wolf hat hier nur eine Chance, wenn wir die Sorgen ernst nehmen und die Schwierigkeiten aus dem Weg räumen.“

Deswegen lässt er sich auch keine Silbe Kritik daran entlocken, dass die Landesjägerschaft den Eindruck erweckt, Niedersachsen wäre bald von Wolfsrudeln überlaufen. Er hält sich an die Fakten: Derzeit leben in Niedersachsen etwa 200 Wölfe, rund 1000 in Deutschland. Studien sagen, es gäbe Platz für maximal 4000, aber daran glaube er nicht, sagt Vogelsang: Wolfsrudel dulden keine anderen Wölfe in ihren Territorien, deswegen müssten nachwachsende Wölfe weiterwandern. Er schätzt, dass sich die Zahl der Wölfe in Deutschland bei 1500 bis 2000 einpendeln wird.

„Jedes tote Schaf ist ein totes Schaf zuviel“

Nicht mal zum Landvolk, das den (rechtswidrigen) Abschuss ganzer Rudel gefordert hat, mag Vogelsang etwas sagen. Die Begründung war, dass die Rüden ihr Wissen über Nutztierrisse an die Welpen weitergäben. Vogelsang lächelt, es wirkt halb belustigt, halb resigniert. Schließlich fragt er: „Wenn Ihr Vater Bankräuber ist, werden Sie automatisch auch einer? Beim Wolf ist das wie beim Menschen. Einer von sechs Nachkommen schlägt den Weg der Eltern ein. Die anderen gehen ihre eigenen.“

Vogelsang plädiert für höhere Schutzzäune bei Nutztieren, 1,60 Meter wäre gut, er plädiert für Vergrämung mit Plastikgeschossen und für mehr Herdenschutzhunde. Und für Esel in Schafherden, weil Esel keine Angst vor Wölfen haben und kräftig austeilen können. Bevor man ein Tier töte, sagt Vogelsang, solle man doch bitte irgendwo im großen Niedersachsen ein Gehege einrichten, in dem problematische Wölfe gesichert weiterleben könnten. Er weiß, dass er sich mit solchen Vorschlägen den Zorn der Freunde freilebender Tiere zuzieht. Egal. Es geht ihm nicht um Prinzipien, sondern um Lösungen.

Für ein Problem weiß er noch keine Lösung: die Schafe auf den Deichen. Die Tiere sind nicht ersetzbar, aber man kann dort keine hohen Zäune bauen, Hunde zu halten geht nicht wegen der Touristen. „Das bereitet mir richtig Kopfschmerzen“, sagt Matthias Vogelsang. „Jedes tote Schaf ist ein totes Schaf zuviel.“

Von Bert Strebe/RND/HAZ

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