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Panorama Warum eine Witwe den Menschen verzeiht, die den Tod ihres Mannes zu verantworten haben
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08:05 25.03.2019
„Schuldzuweisungen machen den Schmerz nicht geringer“: Auf dem Fuß- und Radweg an der Ihme geschah der tödliche Unfall. Hunde müssen dort ganzjährig angeleint werden. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

„Wahrscheinlich weißt du es noch gar nicht“, sagt Friederike*. Wir haben uns zufällig vor meinem Gartentor getroffen, sie ist eine Nachbarin, wir haben einen sporadischen, aber freundlichen Kontakt. Ich hatte sie gefragt, wie es ihr geht. „Wahrscheinlich weißt du es noch gar nicht: Der Mann mit dem Fahrradunfall am Ihme-Ufer, das war Christian.“ Ich bin sprachlos vor Entsetzen. Christian, Friederikes Mann, ist tot – gestorben, weil ihm ein nicht angeleinter Hund vors Fahrrad lief und er stürzte? Ich umarme meine Nachbarin, sage ihr, wie leid es mir tut. Frage nach Einzelheiten, sie erzählt. Und kommt schnell an den Punkt, der der Grund für diese Geschichte ist: Sie sagt, sie wolle nicht, dass die beiden Hundehalter, deren Tiere den Unfall verursacht haben, vor Gericht gestellt werden. Sie werde sich dafür einsetzen, dass es nicht dazu kommt. Der Tod ihres Mannes liegt da gerade drei Wochen zurück.

Letzte Worte am Telefon

Wie geht das? Wie kann jemand, der seinen Ehemann verloren hat, diejenigen schützen, die dafür verantwortlich sind? Denn das sind die beiden, dort, wo ihre Hunde frei herumliefen, gilt Anleinpflicht. Aber für Friederike spielt das keine Rolle mehr. An diesem Montag, am Jahrestag des Unfalls, wird sie gemeinsam mit der Frau und dem Mann Christians Grab in einem Ruheforst aufsuchen und sich zusammen mit ihnen der Erinnerung an das Ereignis stellen, durch das innerhalb von Sekunden ein Leben endete und drei für immer verändert wurden.

Der Tag ist der 25. März 2018, ein Sonntag. Friederike ist seit mehreren Tagen verreist, sie ist nach Frankreich in ihr kleines Ferienhaus gefahren. Am Samstag vor dem Unfall spricht sie zum letzen Mal mit Christian. Er hat sich mit Freunden wie jeden Samstag auf dem Lindener Markt zum Kaffeetrinken getroffen und sie von dort aus angerufen, fast 20 Minuten plaudert er mit Friederike im fernen Frankreich, „es war wirklich, als hätte ich mit in der Runde gestanden“, erinnert sie sich. Zu wissen, dass ihr Mann die unwissentlich letzten Stunden seines Lebens genossen und angenehme Dinge getan hat, ist tröstlich für sie.

Wir sitzen in meinem Wohnzimmer, als sie mir das alles erzählt. Knapp ein Jahr nach Christians Tod hat sie sich bereit erklärt, ihre Sicht der Dinge öffentlich zu schildern. Ich hatte ihr das schon damals vorgeschlagen, sie sagte erst zu, wollte dann aber doch lieber noch abwarten, bis das Geschehen juristisch aufgearbeitet ist. Zum Prozess ist es dann nicht gekommen, die beiden Hundehalter haben je einen Strafbefehl über 90 Tagessätze erhalten und auch akzeptiert. Juristisch ist der Fall also abgeschlossen, jetzt kann Friederike darüber sprechen, ohne verfahrensrechtliche Komplikationen zu riskieren.

Hiobsbotschaft am späten Abend

Am späten Abend des verhängnisvollen Sonntags klingelt in ihrem Häuschen in Frankreich das Handy. Es ist die Polizei aus Hannover, die den halben Tag vergeblich versucht hat, Friederike persönlich zu sprechen und schließlich von einem Nachbarn hört, dass sie verreist ist. Und so erfährt sie am Telefon, dass ihr Mann bei einem Fahrradunfall schwer gestürzt ist. „Es sieht nicht gut aus“, sagt der Polizist, eine Formulierung, die sich Friederike ins Hirn brennt. Sie hört den Polizisten sagen, dass Christian im Nordstadtkrankenhaus liegt und durch den Sturz schwerste Hirnverletzungen erlitten hat. Er liegt im tiefen Koma, wird beatmet, Maschinen halten ihn bis auf Weiteres am Leben.

Friederike telefoniert danach mit einer Ärztin im Nordstadtkrankenhaus, die ihr noch rät, dass sie nicht mit dem Auto zurückfahren soll, in ihrem geschockten Zustand. „Aber in dieser Nacht war ich so klar wie noch nie in meinem Leben“, sagt sie heute. Sie rafft ihr Gepäck zusammen und fährt los, erst mal nur bis Besançon, um dort vielleicht in den Zug zu steigen. Aber der nächste fährt erst in einigen Stunden, also weiter bis Freiburg, dann Frankfurt, so kämpft sie sich voran, in ihrem Kopf rasen die Gedanken. Schon kurz nach dem Start blitzt die Überlegung auf: Ich möchte nicht in der Haut der beiden Hundehalter stecken. In den Stunden auf der nächtlichen Autobahn verfestigt sich das immer weiter - wie schrecklich muss es sein, durch einen einzigen Moment der Unbedachtheit ein solches Drama auszulösen?

Bei Göttingen droht Friederike einzuschlafen, sie fährt die restliche Strecke mit heruntergelassenen Fensterscheiben und lauter Musik. Gegen elf Uhr vormittags kommt sie im Krankenhaus an, Christian liegt inmitten von Maschinen und Geräten auf der Intensivstation. Manchmal scheint er zu reagieren, wenn man ihm über die Wange streicht, sein Atem wird dann ruhiger. Mehr Kontakt ist aber nicht mehr möglich.

Mitgefühl statt Vorwürfen

Im Lauf des Tages trifft Christians Sohn aus erster Ehe ein, dann dessen Mutter. Als Friederike sie wieder zum Ausgang begleitet, fallen ihr zwei jüngere Leute auf, die an ihr vorbei Richtung Intensivstation gehen. Als sie zurückkehrt zu dem Raum, in dem Christian liegt, stehen der Mann und die Frau davor: Es sind die beiden Hundehalter. Zwei am Boden zerstörte Menschen, nur locker miteinander befreundet und jetzt durch einen Berg von Schuld miteinander verbunden. Betreten stehen sie vor Friederike und fragen, wie es Christian geht. Als sie ihnen sagt, dass er sterben wird, brechen beide zusammen. „Ich habe noch nie einen Mann so weinen sehen“, erinnert sie sich.

Spontan umarmt sie die beiden. Sie könnte ihnen so vieles vorwerfen, aber sie ist tief beeindruckt von dem Mut, den sie aufgebracht haben müssen, um ins Krankenhaus zu kommen und sich verantwortlich zu zeigen für das, was sie ausgelöst haben. Friederike fühlt Respekt, fast Hochachtung für ihr Verhalten. Und so ist sie es auch, nicht die Polizei, die den beiden am nächsten Tag die Nachricht von Christians Tod überbringt, es ist ihr wichtig, das persönlich zu tun. Gemäß Christians Verfügung waren die Geräte schließlich abgestellt worden, endlich war es ruhig im Zimmer. Eine Weile atmete er noch, Friederike und sein Sohn blieben bei ihm bis zum Schluss.

Jedes Jahr war ein Geschenk

Bald nach Christians Tod gehen sie und die zwei jungen Leute zum ersten Mal gemeinsam an die Unfallstelle. An diesem Ort hinter dem Ihme-Zentrum schildern ihr die beiden, wie das Unglück geschah. Wie ihre Hunde herumtollten, plötzlich vor das Fahrrad von Christian liefern. Wie Christian noch wütend schrie, dann stürzte, wie die beiden sofort zu ihm rannten, wie die Frau bei ihm niederkniete, vorsichtig seinen Kopf hielt, mit ihm sprach, bis der Krankenwagen kam. Friederike hat es gut getan, das zu hören, sie weiß jetzt, dass ihr Mann in seinen letzten wachen Minuten in ein freundliches Gesicht geblickt und beruhigende Worte gehört hat.

Friederike trauert um ihren Mann und um all das, was er nun nicht mehr erleben wird. Zum Beispiel das Wohnprojekt, in das sie in Kürze ziehen wollten, gemeinsam mit Gleichgesinnten - auch ein bisschen im Hinblick darauf, dass derjenige von ihnen beiden, der nach dem Tod des anderen einmal allein zurückbliebe, eben doch nicht allein wäre, sondern umgeben von Mitbewohnern, die mehr sind als zufällige Nachbarn. Dass es mutmaßlich Christian sein würde, der zuerst stirbt, war beiden ein vertrauter Gedanke. Schwere Krankheiten ließen jedes Jahr, das er erlebte, als Geschenk erscheinen.

Umso mehr hadert Friederike mit dem Schicksal, das Christians Leben nun so plötzlich beendete, vorzeitig auf eine ganz andere Art als die, die immer im Hintergrund mitschwang. Aber sie spricht von Schicksal. Einen Groll auf die beiden Hundehalter kann sie bei sich nicht feststellen. Dabei horcht sie sorgfältig in sich hinein, fahndet nach Spuren von Rachegefühl oder Schuldzuweisung – aber sie findet, zu ihrer großen Erleichterung, nichts dergleichen.

„Hass macht alles nur schlimmer“

Für sie ist das Ganze ein schrecklicher Unfall, ein Unglück, das jedem von uns jeden Tag zustoßen kann. Sie weiß, dass die beiden jungen Leute daran auf ihre Art ebenso schwer tragen wie sie, die Witwe. Und sie spürt, dass Hass und Schuldzuweisungen ihren Schmerz nicht geringer machen, sondern nur verhindern würden, dass sie sich ihrer Trauer stellen kann. „Meine Überzeugung ist tatsächlich: Hass macht alles nur schlimmer“, sagt Friederike. „Verzeihen und Versöhnen dagegen tut mir selbst so gut, dass ich wünschte, viel mehr Menschen könnten einfach aufeinander zugehen.“

Von Stefanie Gollasch/RND

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