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Panorama Vormund plündert Kinderkonten für Maserati
Mehr Welt Panorama Vormund plündert Kinderkonten für Maserati
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20:46 22.08.2011
Maserati Gran Turismo auf einer Auto-Show in Genf: Teurer Lebensstil. Quelle: dpa
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Göttingen

Weil er jahrelang Geld von Konten seiner Schützlinge abgezweigt hat, muss sich ein früherer Mitarbeiter des Jugendamtes der Stadt Göttingen seit Montag vor dem Landgericht Göttingen verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 56-Jährigen Untreue, Betrug, Urkundenfälschung und Unterschlagung in 587 Fällen vor. Der Angeklagte soll jahrelang Geld aus Unterhaltszahlungen, Erbschaften und Sparbüchern von Waisen, Halbwaisen und Pflegekindern veruntreut haben, für die er als amtlicher Vormund oder Beistand eingesetzt war. Nach dem aktuellen Ermittlungsstand der Polizei summiert sich der Schaden auf 340.000 Euro.

Die Verlesung der Anklagepunkte dauerte mehr als eine Stunde. Staatsanwalt Jens Christokat listete jede Barauszahlung und Buchung auf, die der 56-Jährige unrechtmäßig getätigt haben soll. Der Angeklagte war seit 1978 bei der Göttinger Stadtverwaltung und dort seit 1988 im Jugendamt tätig. Er räumte alle Vorwürfe ein. Zuvor schon hatten sich die Verfahrensbeteiligten im Falle eines umfassenden und glaubhaften Geständnisses auf eine Höchststrafe von drei Jahren und elf Monaten verständigt.

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Der Angeklagte schilderte, wie er die Vertrauensstellung, die er aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit hatte, bewusst ausnutzte, um sich privat zu bereichern – systematisch und über Jahre hinweg. Er fälschte nicht nur Unterschriften, sondern nutzte auch eigens von ihm eingerichtete Sparkonten als Verschiebebahnhof für veruntreute Gelder. Diese Konten hatte er ohne deren Wissen auf den Namen von Kindern und Jugendlichen eingerichtet, für die er als Vormund eingesetzt war. Dorthin transferierte er Unterhaltszahlungen von Vätern anderer Kinder, für die zunächst die Stadt im Rahmen der Jugend- oder Sozialhilfe in Vorleistung getreten war. Die dorthin überwiesenen Gelder hob er dann für private Zwecke ab.

Weil der 56-Jährige selbst Zugriff auf das automatisierte Zahlungssystem der Stadt hatte, fielen die Betrügereien nicht auf. Auch dass der Angeklagte als einziger Mitarbeiter immer wieder Barabhebungen von Konten der von ihm betreuten Mündel vornahm, ohne dass diese oder deren Erziehungsberechtigte dabei waren, machte niemanden misstrauisch. Nach den Dienstvorschriften hätten zudem alle Sparbücher im Safe aufbewahrt werden müssen – auch dies wurde nie kontrolliert.

Nach den Ermittlungen der Polizei sollen sich allerdings wiederholt Eltern an den Vorgesetzten und den städtischen Beschwerdemanager gewandt haben. Diese seien mit dem Argument beschwichtigt worden, dass der Mitarbeiter „einer der besten Leute“ sei und an den Vorwürfen nichts dran sei, berichtete ein Polizist.

Der Angeklagte, der zuletzt 2700 Euro netto verdiente und dessen Ehefrau ein ähnlich hohes Einkommen hatte, stockte damit seine Einkünfte um monatlich bis zu 2500 Euro auf. Das Geld wurde offenbar für teure Anschaffungen und einen aufwändigen Lebensstil verwendet. Der 56-Jährige besitzt außer seinem Wohnhaus drei vermietete Eigentumswohnungen, Ende der neunziger Jahre kaufte er ein Ferienhaus in St. Peter Ording. Bei einer Durchsuchung stießen die Ermittler auf einen Porsche, einen Mercedes und einen Maserati.

Die Ermittlungen waren aufgrund einer Strafanzeige eines früheren Mündels aufgenommen worden. Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.

Heidi Niemann