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Panorama Vor 60 Jahren fand Niedersachsens letzte Hinrichtung statt
Mehr Welt Panorama Vor 60 Jahren fand Niedersachsens letzte Hinrichtung statt
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21:27 02.12.2009
Von Simon Benne
Zentrale Hinrichtungsstätte: Im Westflügel des Hamelner Zuchthauses – hier eine Aufnahme von 1960 – stand der Galgen. Heute ist der Bau größtenteils abgerissen.
Zentrale Hinrichtungsstätte: Im Westflügel des Hamelner Zuchthauses – hier eine Aufnahme von 1960 – stand der Galgen. Heute ist der Bau größtenteils abgerissen. Quelle: Stadtarchiv Hameln
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Es war das letzte Mal, dass Albert Pierrepoint dienstlich nach Hameln kam. Rund 200 Menschen hatte er mit seinen Gehilfen dort schon getötet, bei etwa 20 Besuchen in den vergangenen vier Jahren. Einmal gleich 17 an einem Tag. Doch als der oberste Henker der britischen Krone am 6. Dezember 1949 ins Hamelner Zuchthaus kam, in die Hinrichtungsstätte der britischen Besatzungszone, hatte man ihn für nur eine einzige Exekution nach Deutschland eingeflogen.

„Wenn Pierrepoint da war, wurden die Wachen um das Zuchthaus verstärkt“, sagt der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblohm. „Die Verurteilten wurden in gesonderten Zellen untergebracht, gemessen und gewogen. Aus Größe und Gewicht errechnete er die Fallhöhe für den Galgen.“ Die Nazis hatten in Hameln einst Regimegegner hingerichtet, jetzt exekutierten dort die Briten Kriegsverbrecher und KZ-Aufseher – und auch 42 Ausländer, meist Russen oder Polen. Die Nazis hatten diese als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt. Tausende von ihnen gingen 1945 nicht in ihre Heimat zurück, sie waren hier als „Displaced Persons“ (DPs) gestrandet – und Jerzy Andziak war einer von ihnen.

Der Mann, den die Briten an jenem Tag vor 60 Jahren henkten, als letzten Menschen in Niedersachsen, wurde nur 22 Jahre alt. Der Schlosserlehrling stammte aus dem polnischen Busko-Zdroj. Sein Vater starb früh, seine Mutter hatte einen kleinen Stoffladen. Andziak war erst 15, als die Deutschen ihn 1942 verschleppten. Er kam in ein Lager in Lodz und später ins KZ Groß-Rosen bei Breslau, wo er in einem Steinbruch schuften musste. Dort magerte er auf 28 Kilo ab: „Mit einem Bein war ich schon in der anderen Welt“, schrieb er später.

Doch er überlebte, und er überlebte auch den Transport in das Lager Dora bei Nordhausen. Vier Tage und Nächte lang waren die ausgezehrten Häftlinge in offenen Waggons unterwegs, von 110 Menschen kamen nur 83 lebend an. In Dora musste er ein Jahr lang im Raketenbau arbeiten. „Ich sah dort Dinge, die mir kein Mensch glauben würde“, notierte er später. „Menschen, die Menschenknochen sammeln und aus diesen Fett aussaugen.“ Anfang 1945, als er nach Bergen-Belsen deportiert wurde, musste er mit ansehen, wie SS-Männer willkürlich Mithäftlinge in den Hinterkopf schossen: „Die ,Herrenmenschen’ wählten für den Tod aus, wen sie wollten“, berichtete er. „Diese Bilder werden nie aus meinem Kopf verschwinden.“

Nachdem die Alliierten Bergen-Belsen befreit hatten, begann für Andziak eine Odyssee durch verschiedene Lager für DPs: In Fallingbostel lernte er ein Mädchen kennen, im DP-Lager in Peine wurde ihre Tochter geboren, in Osterode heiratete das junge Paar. Diese Lager, in denen entwurzelte Zwangsarbeiter isoliert und unter prekären Bedingungen lebten, waren bei den Deutschen als Horte von Schwarzhandel, Verbrechen und Hurerei verschrien. „Der DP ist ein Mensch zweiter Klasse, der keine Zukunft in Deutschland hat und vielfach auch keinen Ort, an den er zurückkehren könnte“, schrieb im April 1946 ein Beobachter der Vereinten Nationen. Tatsächlich kehrten viele erst Jahre nach Kriegsende heim, einige leben noch heute in Niedersachsen – als „Staatenlose Ausländer“ sind sie lebende Relikte des Zwangsarbeitersystems der Nazis.

Andziak gehörte zu jenen DPs, die tatsächlich kriminell wurden. Mit Kumpanen zog er am 26. Juli 1948 los, um bei Bauernhöfen einzubrechen. In Bockholt (Kreis Uelzen) stellte der Polizist Bruno W. die Gangster. Andziak zog eine Waffe, bedrohte den Polizisten. Als dieser versuchte, ihm die Waffe aus der Hand zu treten, schoss er. Bruno W. starb.

Ein kaum erwachsener KZ-Überlebender, ein deutscher Uniformträger kurz nach dem Krieg, ein Schuss im Handgemenge – man braucht nicht viel Phantasie, um sich auszurechnen, dass der Pole heute auf ein mildes Urteil für seine schreckliche Tat hoffen dürfte.

Deutsche Gerichte hatten in der britischen Zone nach Kriegsende 38 Todesurteile verhängt, davon wurden 14 vollstreckt. Dann trat am 23. Mai 1949 das Grundgesetz in Kraft: Die Todesstrafe war abgeschafft. Für die DPs jedoch waren die Deutschen nicht zuständig. Dass diese im Ruch der Kriminalität standen, hatte gerade damit zu tun, dass sie für deutsche Polizisten und Richter praktisch unangreifbar waren. Denn für sie waren die Gerichte der britischen Besatzer verantwortlich.

Dieser juristische Unterschied sollte Andziak das Leben kosten. Am 23. Juli 1949 verurteilte ihn der High Court Braunschweig zum Tode – obwohl das Grundgesetz bereits galt.

Im Juni hatte Andziak noch verzweifelt versucht, aus dem Landgerichtsgefängnis Lüneburg zu fliehen. In seiner Akte, die bei Recherchen dieser Zeitung im Hauptstaatsarchiv Hannover ans Licht kam, findet sich ein Bericht eines Mitgefangenen aus Zelle B 10. Johann H. sagte aus, Andziak habe sich über seinen Schwager eine Eisensäge in den Knast schmuggeln lassen wollen – in einer Büchse mit englischem Zahnpulver. Doch das scheiterte offenbar.

Ein andermal besorgten die Zellennachbarn sich Kokosgarn von einem Gefangenen, der Matten flechten musste, und bastelten daraus eine Strickleiter. Als sie zum „Matratzenklopfen“ in den Hof durften, schmuggelten sie die Leiter hinunter. Mit einem Stock wollten sie diese an einen Haken der Starkstromleitung hängen und über die Mauer klettern. Doch die Leiter wurde entdeckt. So landete Andziak dann doch in der Todeszelle.

Anfang August schrieb er in Hameln noch ein Gnadengesuch. Er habe doch kurz vor Kriegsende noch einem englischen Soldaten das Leben gerettet, der im Wald zwischen Bergen und Fallingbostel von zwei versprengten SS-Männern überfallen wurde, schrieb er. „Ich wurde als 15-Jähriger von zuhause weggebracht, ich sah nur Folter und Misshandlung schutzloser Menschen.“ Er schrieb, dass er gerne wieder bei Frau und Kind wäre: „Ich möchte noch eine andere Welt kennenlernen.“

Er hoffte vergebens. Jerzy Andziak wurde anonym bestattet auf dem Hamelner Waldfriedhof Wehl, Gräberfeld C III. Ein KZ-Überlebender, Seite an Seite mit gleichfalls hingerichteten KZ-Aufsehern. Am 6. Dezember 1949, jenem Tag, als Henker Albert Pierrepoint zum letzten Mal dienstlich nach Hameln kam.