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Panorama Unwetter hinterlässt Spur der Verwüstung in Plate
Mehr Welt Panorama Unwetter hinterlässt Spur der Verwüstung in Plate
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16:29 22.05.2009
Ein vom Tornado zerstörtes Wohnhaus in Plate Quelle: Michael-Guenther Boelsche/ddp
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In Gärten fegen und harken Menschen Dinge zusammen, von denen sie kaum wissen, woher diese genau stammen. In nur wenigen Minuten hat das Unwetter, von dem Experten glauben, dass es ein Tornado oder eine sogenannte Fallbö war, ein Chaos angerichtet. Der Schaden wird auf 3,5 Millionen Euro geschätzt.

Im Garten von Willi Echternach kreischen Motorsägen um die Wette. „Es sind wohl mindestens zehn Bäume umgestürzt“, sagt der 71-Jährige am Morgen danach. Er hatte am Donnerstag gegen 19.00 Uhr Fernsehen geguckt, als der Strom ausfiel. „Es wurde plötzlich ziemlich dunkel und regnete ganz heftig. Ein paar Minuten später krachte es, der erste Baum fiel um“, erinnert sich der Rentner. Was dann folgte, konnten er und seine Frau erst sehen, als auch die Hagelschauer vorbei waren. „Rund um unser Haus lagen Bäume. Die Löcher im Dach ließen das Regenwasser eindringen. Alles ist nass: Möbel, Teppiche. So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagte Willi Echternach.

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Auch Ilona Hildebrandt, die ein paar Häuser weiter wohnt, ist fassungslos. „Ich kam nach sieben von der Arbeit nach Hause. Mit dem Rad. Aber fahren konnte ich nicht mehr. Regen und Wind waren so heftig“, erzählt die Krankenschwester. Während sich an ihrem Arbeitsort im benachbarten Banzkow nur ein kräftiges Gewitter entladen hatte, lagen in ihrem Garten umgestürzte Bäume. „Man war so machtlos. Der Schreck sitzt ziemlich tief, mir zittern immer noch die Knie“, sagt Hildebrandt. Ihre Schwiegermutter Annemarie nickt, „das war unheimlich“. Die 74-Jährige lebt seit 1948 in Plate und hat schon öfter Unwetter erlebt, aber „das jetzt war das Schlimmste“.

Patricia Petrick und Jens Körtge hatten mit Freunden in Pinnow beim Grillen den Himmelfahrtstag ausklingen lassen wollen, als der Anruf von Großvater Paul Petrick kam. Von Schwerin her habe er die dunkle Wolkenwand herüberziehen sehen, sagt der Rentner. Dann habe es nur Augenblicke gedauert, bis es pflaumengroße Eisstücken hagelte. „Von drinnen sah ich dann Dachziegel durch die Luft fliegen“, berichtet der Rentner, während die Enkelin und ihr Freund die Dachpfannen einsammeln. Rund 30 Quadratmeter Dachfläche des gerade erst bezugsfertigen Anbaus sind hier abgedeckt worden. Zwei Autos haben kaputte Frontscheiben, Beulen auf den Dächern und unzählige Kratzer.

Mit Kunststoffplanen haben die Plater noch in der Nacht die kaputten Dächer vor eindringender Feuchtigkeit gesichert. Das Aufräumen ging am frühen Morgen weiter. Alle packen jetzt mit an: Einsatzkräfte der Feuerwehren, Gemeindearbeiter, freiwillige Helfer aus Firmen der Region. Aber auch zahlreiche Nachbarn, die nicht betroffen sind, helfen. „Es ist ein tolles Gefühl zu erleben, wie einer dem anderen hilft. Das Dorf ist eine gute Gemeinschaft“, sagt Bürgermeister Albert Hilbig.

Einer aus der Gemeinschaft ist Pastor Michael Galle. Eimerweise trägt er Schutt aus einem Garten. „Ich bin nach dem Unwetter einfach durch die Straßen gegangen und habe mit vielen Betroffenen gesprochen. Manche sagten mir auch, wo jemand allein ist und vielleicht etwas Beistand braucht“, sagt der Seelsorger. Etliche Menschen seien sehr aufgewühlt gewesen und angesichts ihrer zerstörten Häuser auch ziemlich ratlos, berichtet er und leert abermals einen Eimer Schutt in den Container.

Gemeinde und Einsatzkräfte haben schnell reagiert. Notquartiere wurden umgehend zur Verfügung gestellt. Gebraucht wurden sie jedoch nicht, obwohl mehr als 60 Häuser abgedeckt und beschädigt wurden. „Feuerwehrkameraden aus Plate, Banzkow, Sukow, Crivitz und Sternberg, das THW aus Parchim und die Rettungskräfte waren sofort zur Stelle. Die Polizeiwache der Bundesgartenschau kam zur Unterstützung.

„Es lief alles wie am Schnürchen“, lobt Ronald Radscheidt, stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde im Beisein von Staatssekretär Thomas Lenz aus dem Schweriner Innenministerium. Dieser überzeugte sich im Auftrag von Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) und Innenminister Lorenz Caffier (CDU) davon, dass die öffentliche Ordnung und Sicherheit in Plate wiederhergestellt sind. Lenz sicherte den Platern zu, dass das Innenministerium mit Sonderbedarfszuweisungen die Gemeinde unterstützen werde.

ddp