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Panorama Überlebender des Lengeder Grubenunglücks leidet mit chilenischen Bergleuten
Mehr Welt Panorama Überlebender des Lengeder Grubenunglücks leidet mit chilenischen Bergleuten
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20:48 07.10.2010
Von Stefanie Gollasch
„Redet miteinander“: Lengede-Überlebender Adolf Herbst.
„Redet miteinander“: Lengede-Überlebender Adolf Herbst. Quelle: Handout
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33 Bergleute sind dort seit dem 5. August in rund 700 Metern Tiefe gefangen – und Adolf Herbst leidet mit ihnen. Vor ziemlich genau 47 Jahren, am 8. November 1963, gehörte er zu den elf Männern, die aus der gefluteten Grube in Lengede (Kreis Peine) gerettet wurden – nach zwei Wochen in totaler Dunkelheit, ohne Nahrung und fast ohne Hoffnung.

Das ist in Chile jetzt anders. Gestern machte die Nachricht die Runde, womöglich könnten die Eingeschlossenen bereits an diesem Wochenende aus ihrem Gefängnis befreit werden. Wobei deren Schutzraum ungleich komfortabler ist als die brüchige Höhle der „Lengeder“. Adolf Herbst erinnert sich noch sehr genau daran, wie flach und winzig der Hohlraum zum Schluss geworden war – denn immer wieder krachte weiteres Gestein herunter und schob Wände und Decken Stück für Stück zusammen. „Als ich endlich da raus war, hatte ich massive Beinprobleme, denn die ganze Zeit konnte ich mich nicht einmal ausstrecken“, erinnert sich der 67-Jährige.

Er war damals der einzige Nicht-Bergmann, den es erwischte, als am 24. Oktober 1963 aus einem Klärteich in Lengede eine halbe Million Kubikmeter Wasser und Schlamm in die Grube schossen. 129 Männer waren zu diesem Zeitpunkt unter Tage, insgesamt 100 werden am Ende überlebt haben. Der 20-jährige Elektromonteur Herbst flüchtete sich mit 20 anderen Männern in den Alten Mann, einen stillgelegten Stollen. Schon nach einem Tag erlischt die letzte Grubenlampe, im Stockfinstern müssen sich die Verschütteten mit Helmen und Händen Trinkwasser schöpfen und hoffen, dass sie nicht von herabstürzendem Gestein erschlagen werden. Doch genau das geschieht immer wieder, bis nur noch elf Männer am Leben sind. „Komischerweise habe ich immer gedacht, es passiert noch ein Wunder“ sagt Herbst. Dass sie auf mechanischem Wege gerettet würden, glaubte er nicht, kann gar nicht so recht sagen, worauf sich seine Hoffnung gründete.

Aber sie war berechtigt: Das, was später als „Wunder von Lengede“ um die Welt geht, geschieht. Dank vieler Zufälle gelingt es, eine Rettungsbohrung niederzubringen, die genau die Höhle der Eingeschlossenen trifft. Ein paar Stunden später werden die Bergleute einer nach dem anderen mit der Dahlbuschbombe, einer zylinderförmigen Rettungskapsel, an die Oberfläche gezogen.

Und vor dem, was dort begann, kann Herbst die Leidensgenossen in Chile nur warnen. „Der wichtigste Rat, den ich ihnen geben kann, ist: Haltet zusammen und redet miteinander über das, was ihr erlebt habt.“ Die größte Gefahr sei Neid und Missgunst: Wer taucht am häufigsten in den Medien auf? Wer hat wie viel Geld bekommen von Sendern, Zeitungen, vom Bergwerk? Die Lengede-Überlebenden, sagt Herbst, seien von vielen neidisch beäugt worden. Dabei konnte kein Geld der Welt verhindern, dass sie auch Jahrzehnte nach der Rettung immer noch in Tränen ausbrachen, wenn sie über das Unglück sprechen sollten. Also ließen sie es – bis auf den Elektromonteur, der bis heute von seinen Erlebnissen erzählt. Weil es ihm gut tut und er nicht will, dass die Geschichte in Vergessenheit gerät. Und die Botschaft für Chile? „Mit hätte es damals auch geholfen, wenn mir da unten jemand Mut zugesprochen hätte, der so etwas durchgemacht und überlebt hat“, sagt er. Und so mag es den Bergleuten in der Mine San José tatsächlich ein wenig Trost geboten haben, als sie aus dem fernen Deutschland diese Worte erreichten: „Ich glaube, dass alle Herzen weltweit bei Euch sind in der Hoffnung und Zuversicht, dass Ihr das Tageslicht bald wieder erblicken werdet. Glück auf!“

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Möglicherweise könnten die 33 in einer chilenischen Mine eingeschlossenen Kumpel bis zu sechs Wochen früher als bisher geplant gerettet werden. Der leitende Ingenieur für die Rettungsarbeiten, Rene Aguilar, hofft Medienberichten zufolge, dass die Männer schon Anfang November aus ihrem Verlies in 700 Meter Tiefe freikommen könnten.

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