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Panorama Überleben in der Sperrzone
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18:26 29.03.2011
Noch immer leben Menschen im Sperrgebiet von Fukushima. Sie trotzen der Strahlung und wollen einfach zu Hause sein. Quelle: dpa
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Wenn Tani Hayakawa im Fernsehen die Bilder aus den benachbarten Flüchtlingslagern sieht, fühlt sie Unbehagen. „Ich muss Medikamente nehmen gegen meinen Bluthochdruck. Wenn ich in eines der Lager ginge, würde es mir noch schlechter gehen“, schildert die 78-jährige Japanerin. „Davor habe ich Angst“, zitiert sie die Agentur Jiji. Deshalb ist sie entschlossen, mit ihrer ältesten Tochter innerhalb der 30-Kilometer-Evakuierungszone zu bleiben, die die Regierung um das havarierte Atomkraftwerk in Fukushima gezogen hat. Davon kann sie auch die Gefahr eines Super-GAUs nicht abhalten.

Hajakawa gehört zu den etwa 3000 Menschen, die trotz der Katastrophe Haus und Hof nicht aufgeben wollen und sich dem Rat der Regierung verweigern, freiwillig das Weite zu suchen. Sie könnten in eines der zahlreichen Auffanglager gehen, wo Regierung, Helfer und Freiwillige sich täglich darum bemühen, den Bewohnern der Katastrophengebiete das Schicksal so erträglich zu machen wie möglich. Doch gerade für die alten Menschen, die schon mehr als zwei Wochen lang in den Unterkünften Entbehrungen und bittere Kälte ertragen mussten und noch immer nicht wissen, was aus ihnen und den Zehntausenden anderen Flüchtlingen werden soll, wird die Lage immer schwieriger. „Viele fühlen sich vom Leben im Lager gestresst und kehren in ihre Häuser zurück“, sagt der 72-jährige Nobuyuki Goto. „Es ist kalt und es gibt keinerlei Privatsphäre“, schildert auch Hiroyuki Matsumoto von der Ortsverwaltung in Tamura.

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Er und seine Kollegen haben die rund 700 Menschen, die zwischen der 20- und 30-Kilometerzone um das AKW ausharren, gedrängt, sich in Sicherheit zu bringen und in Notlagern unterzukommen. Ohne Erfolg. Doch es ist nicht nur das harte Leben in den Notunterkünften, dass die Menschen, die noch eine eigene Bleibe haben, abschreckt und sie lieber zu Hause bleiben lässt oder gar zur Rückkehr veranlasst. Es ist auch die Angst, aus dem sozialen Umfeld gerissen zu werden, die sozialen Bindungen zu verlieren. Etwas, was in der nach Harmonie strebenden Gesellschaft Japans, wo sich der Einzelne der Gruppe unterordnet, auch heute noch ein wichtiger Faktor ist.

Gerade in ländlichen Gegenden wie der Katastrophenregion im Nordosten Japans, wo besonders viele alte Menschen noch in traditionellen Strukturen leben, gilt dies. Jeder kennt jeden, jeder tritt für den anderen ein, niemand will dem anderen zur Last fallen. „Es tut mir weh, daran zu denken, meinen Heimatort zu verlassen“, sagt die 70-jährige Yaeko Miura der Zeitung „Asahi Shimbun“. Nachdem das Killerbeben und der Tsunami zugeschlagen hatte und das AKW havarierte, flüchtete sie in ein Notlager ihrer Heimatstadt Kamaishi in der Katastrophenprovinz Iwate.

Dort wie auch anderswo versuchen die lokalen Behörden alte Menschen und solche mit Kindern zu überreden, die Katastrophenregion zu verlassen und vorübergehend in Hotels und anderen Orten weitab der zerstörten Gebiete zu ziehen. Doch nur wenige stiegen in die bereitgestellten Busse ein.

„Ich fühle mich schlecht, dass nur ich weggehe“, zitierte die „Asahi“ die 87-jährige Sen Sasaki. Sie hat die vergangenen zwei Wochen frierend neben dem zugigen Eingang eines Notlagers verbracht. Jetzt hält die alte Frau es nicht mehr aus. „Ich würde das nicht überleben, wenn ich hier bliebe.“ Doch sie und die wenigen anderen, die es ihr gleich taten und den Bus der Behörden bestiegen, werden von den Zurückgebliebenen nun teils mit Kritik bis zu Verachtung bestraft.

„Vergebt mir, dass ich euch verlasse“, sagte die 70-jährige Miura unter Tränen. Einige Bürgergruppen sollen geradezu gegen die Bemühungen der Behörden agitiert und gewarnt haben, dass „die, die weggehen, hier nicht mehr länger willkommen sind“, wurde ein Beamter zitiert. Es ist auch diese Angst vor Ausgrenzung und Stigmatisierung, die viele Menschen in den Katastrophengebieten ausharren lassen.

Viele erinnern sich noch an die Erdbebenkatastrophe von 1995 im Raum der Hafenstadt Kobe. Auch damals wurden alte Menschen in Behelfsunterkünften weit ab ihrer Heimatorte untergebracht. Sie waren plötzlich isoliert, herausgerissen aus ihren sozialen Gemeinschaften. Die Folgen waren Krankheiten, mancher beging aus Einsamkeit Selbstmord.

„Was die Regierung macht, ist unverantwortlich“, schimpft die Atom-Kraftgegnerin Miwako Ogiso über die Empfehlung der Regierung, die Bewohner der Evakuierungsgebiete sollten „freiwillig“ wegziehen. „Das heißt, dass die Regierung ihnen nicht helfen wird“. Eines jedoch haben alle Überlebenden dieser furchtbaren Katastrophe gemeinsam: Die Angst, was aus ihrem Leben nun werden soll.

Lars Nicolaysen

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