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Panorama Überleben in der Hölle von Haiti
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08:09 17.01.2010
Die Menschen in Haiti sind verzweifelt und am Ende ihrer Kräfte. Quelle: ap
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Das verheerende Erdbeben in Haiti ist nach Einschätzung der Vereinten Nationen eine der schlimmsten Katastrophen aller Zeiten. Das sagte UN-Sprecherin Elizabeth Byrs am Sonnabend der BBC. Die haitianische Regierung befürchtet, dass bei dem Beben vom Dienstag mindestens 100.000 Menschen ums Leben kamen. Die Verteilung von Hilfsgütern an die Überlebenden kam vorerst immer noch zu langsam voran. Unterdessen wurde ein erstes deutsches Todesopfer gefunden, wie Außenminister Guido Westerwelle mitteilte.

Noch etwa 30 Deutsche würden vermisst, erklärte Westerwelle am Sonnabend in Berlin. Die Nachricht vom ersten bekannten Todesfall eines Deutschen habe ihn am späten Nachmittag erreicht. Er könne nicht ausschließen, dass es noch mehr tote Deutsche geben werde. Westerwelle kündigte an, Deutschland werde seine Haiti-Hilfe von bislang 1,5 Millionen Euro auf 7,5 Millionen Euro aufstocken.

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Ein starkes Nachbeben in der haitischen Hauptstadt Port-au-Prince versetzte am Sonnabend die ums Überleben kämpfenden Bewohner der völlig verwüsteten Stadt erneut in Panik. Die Rettungsarbeiten für die Opfer der Katastrophe vom Dienstag mussten kurzzeitig unterbrochen werden.

Für die Überlebenden wird die Lage indes zunehmend verzweifelt. Am Freitag häuften sich die Berichte über Plünderungen. Junge Männer liefen mit Macheten durch die Straßen. Es kam zu Kämpfen um Nahrungsmittel, die aus Trümmern von Gebäuden gezogen wurden. Hilfsorganisationen bemühten sich weiter um die Weiterleitung von Wasser und Lebensmitteln, wurden jedoch immer wieder auf blockierten Straßen aufgehalten.

Die US-Streitkräfte übernahmen die Kontrolle über den Flughafen von Port-au-Prince und koordinieren nun die Ankunft der Maschinen mit Hilfsgütern. Bis Montag sollen 9.000 bis 10.000 US-Soldaten in Haiti oder auf Schiffen vor der Küste im Einsatz sein, wie Generalstabschef Mike Mullen mitteilte.

US-Präsident Barack Obama sprach am Freitag telefonisch mit dem haitianischen Präsidenten René Préval und sicherte ihm Unterstützung zu. Obama traf am Sonnabend mit seinen Amtsvorgängern George W. Bush und Bill Clinton im Weißen Haus zusammen, um über die Hilfe für Haiti zu beraten. Unterdessen wurde US-Außenministerin Hillary Clinton in Port-au-Prince erwartet, um sich persönlich ein Bild der Lage zu verschaffen.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) brachte dringend benötigte medizinische Hilfe auf den Weg. Ein „riesiger Konvoi“ sei in der Dominikanischen Republik ins Nachbarland aufgebrochen, teilte IKRK-Sprecher Paul Conneally mit.

Mehr als 2.000 Leichen auf Friedhof verbrannt

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte, das Welternährungsprogramm (WFP) stelle derzeit mehrmals täglich Lebensmittel für etwa 8.000 Bedürftige zur Verfügung. „Das ist angesichts der großen Not natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, räumte er ein. Laut UN sind drei Millionen Menschen dringend auf Nahrungsmittel, Wasser, Unterkunft und medizinische Notversorgung angewiesen.

Auf einem Friedhof vor der Hauptstadt luden Lastwagen Dutzende Leichen in ein Massengrab. Im Süden der Stadt verbrannten Arbeiter mehr als 2.000 Leichen auf einer Müllhalde. Die haitianische Regierung erklärte, allein sie habe bereits 20.000 Leichen geborgen. Vermutlich seien mindestens 100.000 Menschen ums Leben gekommen, sagte Ministerpräsident Jean-Max Bellerive.

Bis zu 50 Prozent von Port-au-Prince zerstört

Bei der Auswertung von Satellitenaufnahmen wurde festgestellt, dass mindestens 30 Prozent aller Gebäude in Port-au-Prince beschädigt oder zerstört wurden. In einigen besonders schwer betroffenen Vierteln sind es 50 Prozent und mehr. Die UN baten die internationale Staatengemeinschaft um eine Soforthilfe von 550 Millionen Dollar.

Zehntausende Menschen sind nach dem Erdbeben auf der Straße oder in Lagern untergebracht. Allein auf dem Platz Champ de Mars in der Port-au-Prince seien rund 50.000 Menschen unter freiem Himmel, die ihr Obdach verloren haben, teilte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf mit. Notunterkünfte seien auf „jedem freien Zentimeter“ in der Stadt eingerichtet worden, erklärte IKRK-Sprecher Simon Schorno weiter.

Insgesamt gebe es rund 40 Sammelpunkte, an denen sich Einwohner zusammengefunden hätten. Viele versuchten demnach auch, die zerstörte Hauptstadt mit Bussen zu verlassen, um bei Angehörigen auf dem Land unterzukommen. „In allen Vierteln ist Zerstörung“, erklärte Schorno. Es gebe weder Zelte noch Plastikplanen, Kochstellen oder Toiletten. Die UNO hatte die Zahl der Obdachlosen in Port-au-Prince auf 300.000 geschätzt.

Drei Verschüttete aus Trümmern in Port-au-Prince geborgen

Internationale Rettungsteams haben am Sonnabend mindestens drei Menschen lebend aus Trümmern in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince geborgen. Zur Befreiung der 29-Jährigen Saint-Helene Jean-Louis brauchten amerikanische Retter 30 Stunden, bis sie die Studentin am Tag vier nach dem verheerenden Erdbeben aus den Schuttmassen eines Universitätsgebäudes befreien konnten. Neben ihr wurden acht Leichen gefunden. Mitglieder der mexikanischen Rettungsbrigade, einer nach dem Erdbeben in Mexiko-Stadt 1985 gebildete Spezialeinheit, holten den 35-jährigen Lehrer Jean Baptiste Patrick lebend aus den Trümmern einer Technischen Schule. Israelische Soldaten retteten den Leiter der haitianischen Steuerbehörde aus den Trümmern seines Büros.

ap/afp

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