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Panorama US-Kongress enthüllt massive Schlampereien vor dem Öldesaster
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22:56 13.05.2010
Vorbereitungen für die Entlastungsbohrung: Ein Ingenieur bei Pflegearbeiten auf der Plattform „Development Driller III“. Quelle: dpa
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Als absolut pannensicher hatte die Firma BP das Schutzventil bezeichnet, das eigentlich das Leck hätte abdichten sollen, aus dem seit dreieinhalb Wochen Öl in den Golf von Mexiko strömt. Dass es versagte, sei völlig überraschend gewesen. Ein Untersuchungsausschuss des US-Kongresses hat nun die Realität am Tag der Katastrophe enthüllt: Das Gerät hatte eine tote Batterie im Kontrollpult, die Hydraulik leckte und die Vorrichtung zum Kappen der Pipelines war für einen Teil der Rohre zu schwach ausgelegt. Der Ausschuss hat auch ein Dokument des Bohrinselbetreibers Transocean ausgegraben, wo dieser 260 Varianten aufzählt, wie das Ventil versagen kann. „Wie kann man ein Gerät, bei dem 260 Dinge schief gehen können, eigentlich absolut sicher nennen?“, fragte der demokratische Ausschussvorsitzende Bart Stupak. Zudem gab es am Tag der Katastrophe offenbar früh Anzeichen, dass mit dem Bohrloch etwas nicht stimmte. Der Betrieb ging dennoch weiter.

Die Enthüllungen kommen am Ende einer Woche, in der die drei verantwortlichen Firmen – der Ölkonzern BP, der Bohrinselbetreiber Transocean und die für die Abdichtung zuständige Firma Halliburton – zunehmend unter Druck geraten sind. Die Tatsache, dass ihre Vertreter sich vor dem Kongress gegenseitig die Schuld an dem Unglück zuschoben, empörte selbst Politiker, die der Ölindustrie sonst wohlwollend gegenüberstehen.

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Unterdessen strömt das Öl unverändert weiter aus dem Bohrloch, wenn auch immer noch kein dicker Ölfilm die US-Golfküste erreicht hat. BP zeigte sich am Donnerstag zuversichtlich, dass es in den nächsten Tagen gelingen würde, eine kleine Abdichtungskuppel über die Ölquelle zu legen. Sie soll es möglich machen, einen Teil des Öls direkt abzufangen und abzupumpen. Am Anfang der Woche war ein erster Anlauf mit einer großen Betonkuppel gescheitert. In jedem Fall wird es wohl noch Monate dauern, bis das Öl durch eine Entlastungsbohrung gestoppt ist.

Auch die Aufsichtsbehörden sind zunehmend im Visier. Eine Anhörung in New Orleans hat zu Tage gefördert, dass die staatliche Behörde für Schürfrechte die Ölkonzerne in Sicherheitsfragen frei schalten und walten ließ. Der zuständige Beamte war sich noch nicht einmal sicher, ob BP bei seinem Antrag überhaupt Unterlagen zu dem Sicherheitsventil vorgelegt hat, das nun versagt hat. „Wenn wir die Papiere nicht hatten, warum haben wir dann die Genehmigung erteilt?“, fragte ein Ermittler. Der stellvertretende Vorsitzende der Kommission, Hung Nguyen, fasste die dürftige Prüfung der Sicherheitseinrichtungen so zusammen: „Gebaut von der Industrie, installiert von der Industrie, staatliche Aufsicht weder über die Installation noch über die Konstruktion? Das ist, als ob die Industrie sich selber alles genehmigt!“ Die Behörde akzeptierte auch unbesehen Angaben von BP, wonach man selbst die Auswirkungen eines Ölausbruchs, der fünfzigmal größer ist als die jetzige Katastrophe, in den Griff bekommen könne. Doch wie sich herausgestellt hat, hatten die Betreiber noch nicht einmal eine Abdichtungskuppel vorrätig, sondern mussten sie in den vergangenen Tagen hastig montieren.

Die staatliche Aufsichtsbehörde war schon deshalb sehr industriefreundlich, weil sie neben den Sicherheitsfragen gleichzeitig dafür zuständig ist, für den Staat die Förderabgaben einzutreiben. Die spülen in den USA jährlich rund 13 Milliarden Dollar in die Kasse. Jede Verzögerung bei den Genehmigungen kostet den Staat Geld. Das führt dazu, dass Förderanträge möglichst schnell bearbeitet werden. Das Weiße Haus hat nun angekündigt, dass die Abteilung für Sicherheits- und Umweltfragen von den anderen Zuständigkeiten künftig strikt getrennt werden soll.

Andreas Geldner

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