Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama Stuttgarter protestieren gegen Umbau des Bahnhofs
Mehr Welt Panorama Stuttgarter protestieren gegen Umbau des Bahnhofs
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:05 01.10.2010
Von Gunnar Menkens
Die Wut gegen das Milliardenprojekt "Stuttgart 21" wächst: Neuerdings brauchen sogar Bagger Polizeischutz. Quelle: dpa
Anzeige

In Stuttgart ist es jetzt so weit, dass Bagger Polizeischutz brauchen. Dann jedenfalls, wenn sie für das Jahrhundertprojekt Stuttgart 21 im Einsatz sind. Es war in der Nacht zum Donnerstag, als eines dieser Abbruchgeräte zum Hauptbahnhof transportiert wurde, bis es am Bauzaun auf Dutzende Demonstranten stieß. Alte Männer und junge Frauen blockierten die Zufahrt, sie saßen auf der Straße oder postierten sich mit ausgebreiteten Armen vorm Bagger, als stünden sie im Prager Frühling vor russischen Panzern. Wer nicht freiwillig ging, den trugen Beamte fort, die zu Hunderten im Einsatz waren. Am Morgen wunderte sich Wolfgang Drexler (SPD), Landtagsvizepräsident und Sprecher des Bahnprojekts, aufs Neue. „Wir bauen hier doch kein Atomkraftwerk. Wir wollen nur Schienen anders verlegen, als es die Gegner von Stuttgart 21 gerne hätten.“

Ein Satz, der das Problem in der Landeshauptstadt ein wenig herunterredet. Tatsächlich hat das derzeit mit sieben Milliarden Euro Kosten kalkulierte Vorhaben, den Hauptbahnhof unter die Erde zu verlegen, seine Gleise um 90 Grad zu drehen und mit einer Neubaustrecke von Ulm nach Wendlingen zu begleiten, in der Stadt zu einer rasch wachsenden Protestbewegung geführt, die konservatives Bürgertum ebenso umfasst wie Künstler, Studenten und Rentner. Als die Bahn in der vergangenen Woche begonnen hat, den Abriss eines denkmalgeschützten Bahnhofsflügels vorzubereiten, umstellten 20 000 Menschen das Gebäude. So viele kamen noch nie, denn jetzt hatte die Bewegung ihr Symbol. Seither manifestiert sich der Protest in Mahnwachen, Lichterketten und öffentlichen Gelöbnissen zum Widerstand. Fast 2000 selbst ernannte Parkwächter wollen sich an Bäume ketten, wenn im November im nahen Schlosspark 283 Baumriesen Motorsägen zum Opfer fallen sollen. Männer und Frauen aus der Mitte der Gesellschaft setzen sich aufs Pflaster und singen „Wir sind das Volk, wir sind das Geld“. Überall in der Stadt taucht der sogenannte „Schwabenstreich“ auf. Gemeint ist damit ein täglich um 19 Uhr irgendwo in der Stadt vernehmbarer Protest, mit Trommeln und Trillerpfeifen, in der U-Bahn, im Bahnhof, auf Balkonen.

Anzeige

Debatten werden in scharfem, oft diffamierendem Ton geführt, der Bauzaun selbst ist ein Zeugnis dafür. „Lügenpack“ steht auf einem von Hunderten Transparenten, und gemeint sind die politischen Unterstützer: Stefan Mappus (CDU), Ministerpräsident von Baden-Württemberg; Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU); Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) und natürlich Bahn-Chef Rüdiger Grube. Nichts in Stuttgart ist mehr bedächtig und gemütlich. Die Stadt ist gespalten von der Frage, ob es genügt, dass das nach Science Fiction aus den sechziger Jahren anmutende Verkehrs- und Stadtentwicklungsprojekt durch Parlamente und Gerichte legitimiert ist – und was die Bürger noch zu sagen haben, wenn sich nach diesen Beschlüssen doch Grundlegendes ändert.

Stuttgart 21 krempelt die Innenstadt um. Bahn, Stadt, Bund und Land meinen: Der alte Kopfbahnhof im Zentrum ist nicht mehr leistungsfähig genug und muss durch eine unterirdische Durchgangsstation ersetzt werden. Verbindungen, etwa zum Flughafen, sollen zum Teil deutlich schneller werden und Stuttgart an das europäische Netz anschließen. 60 Kilometer neue Strecken entstehen, 33 davon in 18 Tunneln. Stuttgart 21 stärkt den Wirtschaftsraum Baden-Württemberg. Und auf der Fläche des jetzigen Bahnhofs entsteht auf 100 Hektar ein Stadtteil zum Wohnen und Arbeiten mit 5000 neuen Bäumen.

Doch Zehntausende Kritiker mögen keinen Nutzen erkennen. Sie favorisieren Rettung und Umbau des denkmalgeschützten Bahnhofs, und wer an den hübschen Hängen ums Zentrum wohnt, will jahrelange Dauerbaustellen im Stuttgarter Talkessel verhindern. Vielen geht es ums Geld, sie wollen nicht, dass der Staat immer mehr Milliarden für ein Prestigeprojekt verschwendet, das sie für überflüssig halten. Bürger fürchten um die grüne Lunge der Stadt, den Schlossgarten. Aber der wirkliche Grund für diesen Protest, der sich hochschaukelte von einigen Hundert Demonstranten zur Massenbewegung, der sei ein anderer, sagt der Bildhauer Gangolf Stocker, einer der Köpfe des Widerstands: „Die Leute fühlen sich überfahren und nicht ernst genommen. Es genügt ihnen nicht, alle paar Jahre wählen zu gehen und zwischendurch nicht mitentscheiden zu können.“

Die Wut wird in regelmäßigen Abständen angefacht, weil beständig neues Material ans Licht kommt. Allein die Kostensteigerungen scheinen aus Stuttgart 21 ein Fass ohne Boden zu machen. Immer wieder müssen Planer Zahlen nach oben korrigieren, und sie tun es mit gleichmütiger Selbstverständlichkeit. Vor sieben Jahren rechnete man mit vier Milliarden Euro für Bahnhofsumbau und neue Strecken, heute ist von sieben Milliarden die Rede, eben erst kam eine knappe Milliarde Euro hinzu. Kaum jemand glaubt, dass es dabei bleibt, dafür meinen Kritiker, das gesamte Vorhaben sei schöngerechnet. Der Bundesrechnungshof vermutet bereits annähernd neun Milliarden Euro Kosten, das Umweltbundesamt hält bis zu elf Milliarden für realistisch. Im Auftrag des Amtes urteilten Gutachter, der neue Hauptbahnhof mit nur noch acht statt 17 Bahngleisen sei „störanfällig“, die Ausgaben stünden in keinem Verhältnis zum Nutzen. Eine Studie für die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württembergs notierte ein „schwer beherrschbares Gesamtsystem“. Veraltet, sagt das Land. Dass aber all dies jetzt keine Rolle mehr spielen soll, treibt die Leute aus ihren Häusern hinunter ins Tal zum Protestieren. Der aktuelle Vorwurf des Zolls, dass auf dem Baugelände Schwarzarbeiter beschäftigt seien, tut schon fast nichts mehr zur Sache.

Die politischen Nutznießer des Protestes dürften bereits feststehen: Es sind die Grünen. Sie arbeiten auf allen Ebenen gegen das Schienenprojekt. Vor Kurzem scheiterten sie im Landtag an allen anderen Fraktionen mit ihrem Vorschlag, die Bauarbeiten zu stoppen und alles neu zu überdenken. Aus Tübingen meldete sich Oberbürgermeister Boris Palmer zu Wort, der Grüne schlug einen „Friedensgipfel“ vor. Da missfiel Sprecher Drexler schon das Wort, weil ja kein Krieg herrsche. Im Bundestag erwägt Winfried Hermann, Vorsitzender des Verkehrsausschusses, den Weg zum Bundesverfassungsgericht, um von der Bahn Einblick in alle Zahlen zu bekommen.

Ziel all dieser Anstrengungen ist eine Belohnung im März nächsten Jahres, wenn Baden-Württemberg den neuen Landtag wählt. „Wahltag ist Zahltag“, das ist ein Slogan der Protestbewegung, sie will Mappus (CDU) stürzen und bald danach auch Stuttgarts Bürgermeister Schuster: Palmer gilt als Kandidat für die nächste Oberbürgermeisterwahl in der Landeshauptstadt, wo die Grünen, Stuttgart 21 sei Dank, 2009 bereits stärkste Fraktion wurden. Auch bei der SPD haben schon ein paar Genossen gewackelt, zum Unwillen des Landesvorsitzenden, aber die Linie der Partei ist immer noch pro Stuttgart 21. Für die Grünen ist das heikel: Mit wem sollten sie eine Koalition bilden?

Das Stuttgarter Klima wird zunehmend gereizter. Sprecher Wolfgang Drexler erklärt es sich so: „Die Gegner heizen die Stimmung mit falschen Versprechen an. Sie behaupten, dass das Projekt gestoppt wird, je größer der Widerstand wird. Und wenn die Leute immer wieder merken, dass das nicht stimmt, richten sie ihre Wut gegen uns.“ Gangolf Stocker sagt, die Mehrheit sei längst gegen Stuttgart 21, die Verträge sollten gelöst werden. Was laut Drexler kein Träger wolle, aber 1,4 Milliarden Euro kosten würde, sollte es einer der Partner tun. Stocker sagt: „Absoluter Blödsinn“.

Aber es hört ohnehin kaum noch jemand richtig zu. Wenn es etwas gibt, was Gegner und Befürworter eint, dann ist es die gegenseitige Fassungslosigkeit über so viel Starrsinn auf der anderen Seite.

20.08.2010
Margit Kautenburger 20.08.2010