Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama Stoppelmarkt ist fast „wie Karneval in Köln“
Mehr Welt Panorama Stoppelmarkt ist fast „wie Karneval in Köln“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:13 15.08.2010
Quelle: dpa
Anzeige

Angesagte Popmusik wummert aus den Boxen am Auto-Skooter, Evergreens erklingen am Riesenrad. Gestylte Mädchen belagern die Fahrgeschäfte, Senioren durchstöbern die Töpfe-Sammlung an den Marktständen. Beim 712. Stoppelmarkt in Vechta treffen Tradition und Moderne aufeinander. Auf dem 160.000 Quadratmeter großen Gelände wechseln sich Hightech-Fahrgeschäfte und historische Belustigungen ab.

Grete Klünder ist eine von 500 Schaustellern am Ort. Die 78-Jährige ist seit ihrer Geburt Jahr für Jahr auf dem Stoppelmarkt. Anfangs begleitete sie ihre Eltern und Großeltern. Sie stammt aus einer Schaustellerfamilie. „Ich kenne inzwischen jeden Baum hier“, sagt sie. „Während des Zweiten Weltkriegs standen Militär-Baracken auf dem Gelände“, erinnert sie sich. Vor 48 Jahren machte sich Klünder mit ihrem kleinen Unternehmen selbstständig. Seit 30 Jahren ist sie in Vechta mit der „Kristall-Grotte“ vertreten, einem Glas-Labyrinth. Das sei bei der Jugend heute noch beliebt. Sie baut ihre Attraktion selbst auf, putzt Tag für Tag die Scheiben des Irrgangs und sitzt bis tief in die Nacht an der Kasse. Nebenbei schmeißt sie den Haushalt in ihrem Wohnwagen hinter der „Grotte“.

Anzeige

An diesem Mittag gibt es Pellkartoffeln mit Hering. „Ich bin eine Camperin“, sagt die rüstige Dame, während sie sich eine kalte Cola genehmigt. Sie lebt in Minden, doch die Hälfte des Jahres verbringt Klünder auf Jahrmärkten und Festen in ganz Deutschland. An Vechta schätzt sie das besondere Flair. „Der Stoppelmarkt ist die fünfte Jahreszeit. Hier ist alles außer Rand und Band. Wer einmal hier war, der kommt immer wieder.“

Der Stoppelmarkt sei ein bisschen wie Karneval in Köln, meint William Fischer. „Die Leute sind offen. Jeder spricht jeden an. Das ist hier eine riesengroße Party“, betont der Schausteller. Und seit einigen Jahren ist der 40-Jährige mit seinem „Toboggan“ mittendrin. Das Schau- und Belustigungsgeschäft befördert die Kunden auf einem Fließband in die Höhe, auf Wunsch auch in Begleitung, bevor es per Rutsche abwärts geht. Die Anlage ist gut 100 Jahre alt. „Sie hat 1910 schon in Paris gestanden. Die Rutsche ist komplett aus Holz und noch im Originalzustand“, so Fischer.

„Europas höchste reisende Rutschbahn“, preist die Werbetafel den 24 Meter hohen Koloss an. „Frauen ab 100 Kilo fahren umsonst“, steht dort außerdem geschrieben. Dieses Angebot werde intensiv wahrgenommen, berichtet Fischer. Die Idee geht auf seine inzwischen verstorbene Mutter zurück, die über 100 Kilo wog. Die Rutschbahn könne jeder nutzen. Das Besondere nach Fischers Meinung: „Abends stehen Hunderte Menschen vor diesem und weiteren Fahrgeschäften und erfreuen sich am Anblick anderer Fahrgäste, auch ohne selber etwas tun oder bezahlen zu müssen.“

Der Stoppelmarkt wurde im Jahr 1298 erstmals urkundlich erwähnt. Früher feierte man in den Straßen der Stadt. Schon damals kamen Kaufleute aus ganz Europa nach Vechta. 1577 wütete die Pest in der Stadt. Daher musste der Markt auf ein freies Feld außerhalb der Stadtmauern verlegt werden. Stoppelreste der letzten Ernte standen damals noch auf dem Feld, sie gaben der Veranstaltung ihren aktuellen Namen. Inzwischen strömen Jahr für Jahr rund 800.000 Besucher zum größten Volksfest in Nordwestniedersachen.

Diese Marke könnte 2010 übertroffen werden, wenn die Witterung auch an den letzten beiden Tagen mitspielt. „Wir haben Stoppelmarktwetter. Es läuft bestens“, freute sich Marktmeister Manfred Meyer am Sonntagvormittag über die bisherige Resonanz. Zum Pferde- und Viehmarkt am Montag wird der größte Andrang erwartet, zur Krönung des sechstägigen bunten Treibens vor den Toren der Stadt wird am Dienstagabend ein großes Feuerwerk gezündet.

dpa