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Panorama Staatsanwaltschaft Hildesheim klagt Ehrenmord an
Mehr Welt Panorama Staatsanwaltschaft Hildesheim klagt Ehrenmord an
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14:58 24.08.2009
Nach dem Mord an seiner Frau steht der 44 Jahre alter Türke (r.) aus Gifhorn vor Gericht. Quelle: Peter Steffen dpa/lni
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„Das war ein Unglück, so was habe ich nicht gewollt“, sagte der Türke. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft handelte es sich bei der Tat um einen Ehrenmord, weil die Ehe der beiden zerrüttet war, eine Scheidung aber trotzdem nicht in Betracht kam.

Der Türke, Schichtarbeiter bei einem Autozulieferer, hatte seine Frau zu Hause im Kinderzimmer hinterrücks erschossen. Vorausgegangen waren jahrelange Streitereien, mal um Geld, dann um die Kinder, auch mit den Nachbarn gab es immer wieder Zoff. Nach Schilderungen des Sohnes schlug der Vater seine Mutter immer wieder. 2003 war sie deswegen bereits mit den Kindern für mehrere Wochen in ein Frauenhaus geflüchtet. „Er hat sie verbal attackiert, auch geschlagen, es lief halt nicht gut in der Ehe“, sagte sein Sohn. Zusammen mit seiner Schwester (14) trat er am Montag vor Gericht als Nebenkläger gegen den Vater auf.

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Der Türke hatte immer wieder andere Frauen, im Frühjahr 2008 ging er dann eine Beziehung mit einer rumänischen Prostituierten ein, die er auch finanziell unterstützte. Er flog mehrfach nach Wien, um die neue Geliebte zu besuchen, schrieb ihr Liebesbriefe, überwies ihrer Familie immer wieder Geld. „Ich habe sie geliebt, diese Frau“, räumte er auf Drängen des Richters ein, betonte aber zugleich: „In unserer Familie lief es gut. Dass ich diese Frau geliebt habe, ist eine Seite, die Familie ist eine andere Seite.“

Das Opfer, eine 43-Jährige Türkin, hatte zwar immer wieder unter ihrem Mann zu leiden, lehnte eine Scheidung nach Worten ihres Sohnes aus wirtschaftlichen Gründen aber dennoch ab. Sie hatte ihren Mann 1987 in der Türkei kennengelernt und rasch geheiratet. Dann folgte sie ihm nach Deutschland, schnell kam das erste Kind. Doch Deutsch lernte die Frau nie wirklich gut, auch mit den neuen Verwandten ihres Mannes soll sie sich nicht gut verstanden haben. Einen Job hatte sie ebenfalls nicht, so lebte sie jahrelang relativ isoliert.

Im Sommer vor der Tat buchte der Mann wieder einmal Türkei-Tickets für den Familienurlaub, für Mutter und Tochter stornierte er allerdings später die Rückflug-Tickets. „Er wollte sie abschieben“, sagte der Sohn. „Unsinn“, meinte dagegen der Vater. Seine Frau habe davor zwar Angst gehabt, aber er habe dies nie geplant. Auch sonst betonte der Angeklagte, habe er seine Ehefrau weder unterdrückt noch eingesperrt, vielmehr hätten beide einen westlichen Lebensstil gepflegt. Kopftuch? „Trug sie nicht.“ Eigener Führerschein? „Den hab ich Ihr bezahlt“, betonte er. Der Sohn berichtete dagegen, dass der Vater seine Mutter überwacht habe und ihr den Kontakt zur Außenwelt verbieten wollte. Der Mann hegte auch den Verdacht, seine Ehefrau habe sich einem Kurden zugewandt. „Dadurch sah er seine Ehre zusätzlich beschmutzt“, sagte der Staatsanwalt in seiner Anklage.

Und so versuchte das Gericht am Montag auch zu klären, ob es sich bei der Tat um einen klassischen Ehrenmord handelt - auch wenn es diesen Begriff im deutschen Recht gar nicht gibt. Für die Höhe der Haftstrafe sind zwar auch die Motive entscheidend, mehr noch aber, ob es sich um eine von langer Hand geplante Tat oder einen Ausraster im Affekt handelte. „Ich konnte es nicht fassen, dass er wirklich geschossen hat“, sagte der Sohn. „Er wollte sie loswerden, das hatte er seit langem geplant. Er hat unsere Familie zerstört.“

lni