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Panorama So sah die Welt den „King of Pop"
Mehr Welt Panorama So sah die Welt den „King of Pop"
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20:39 07.07.2009
Das Ausmaß der Trauer um Michael Jackson war gewaltig und global – ebenso wie die Verehrung, die er zu seinen Lebzeiten genoss. Quelle: Kevin Chang/afp
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In Großbritannien sollte das Comeback starten

Für diesen Mittwoch war ursprünglich Michael Jacksons erster Auftritt in London angesetzt - bevor dieser Auftritt zunächst verschoben und dann, aus heiterem Himmel, ganz abgesagt werden musste. Fünfzig Konzerte wollte Michael Jackson in der O2-Halle an der Themse, im früheren Milleniumsdom, geben. Stattdessen wurde er am Dienstag in Los Angeles zu Grabe getragen. Eine untröstliche Fan-Gemeinde blieb in der Pop-Kapitale der Alten Welt zurück.

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Immerhin hatten 800.000 Jackson-Bewunderer Tickets für 50 bis 75 Pfund das Stück ergattert, um das Comeback ihres Helden im Königreich zu feiern, und einen langen Jackson-Sommer zu geniessen. Nun bleibt den Leuten nichts als die Erinnerung. Und, so sie wollen, ihre Eintrittskarte, als letztes Memento. Der Veranstalter der O2-Konzerte, AEG-Live-Präsident Randy Phillips, bietet nämlich allen, die für die Konzertserie bezahlt haben, eine Alternative. Sie können sich entweder das Geld zurück erstatten lassen. Oder sie verzichten darauf: Und erhalten dafür die noch nicht abgesandten Karten zugestellt, die sie sich dann rahmen und an die Wand hängen können, um ihres Verlustes auf Dauer zu gedenken.

"Da er selbst seine Fans zu Lebzeiten so liebte, betrachten wir es als unsere Pflicht, diese nach seinem Tod mit derselbem Respekt und derselben Ehrerbietung zu behandeln", begründete Phillips die "Nostalgie-Aktion" seines Unternehmens. Das stieß etlichen Ticket-Käufern in Britannien bitter auf. Für sie ist die Idee nichts als ein plumper Versuch der Veranstalter, die eigenen finanziellen Verluste nach Kräften zu begrenzen. Von "Ehrerbietung" keine Spur.

Ungläubig hatten Jackson-Fans in den letzten Tagen noch die hiesigen Medien nach dem "wahren" Grund für den Tod ihres Idols abgesucht. Sie hatten akzeptiert, dass Jackson sich mit dem Mammut-Projekt von fünfzig Konzerten aus eigener Geldnot zu befreien hoffte. Das Londoner Boulevardblatt The Sun hatte nach der Obduktion berichtet, Jackson sei vollkommen abgemagert und glatzköpfig gestorben, "buchstäblich ein Skelett", und wäre der Anstrengung in London ja wohl niemals gewachsen. Empört hatten die Konzertveranstalter einen Videoclip veröffentlicht, der "Jacko" bei der Probe, zwei Tage vor seinem Tode, zeigte. Der Mann sei fit gewesen, und habe sich auf London gefreut.

Andere Gerüchte sprachen davon, Jackson habe mit einer "kleinen Überdosis" einen Krankenhausaufhalt provozieren wollen, um sich der Londoner Verpflichtung zu entziehen. Davon wollte wieder Madonna nichts wissen, die diese Woche in der O2-Halle bei der eigenen Show dem "König des Pops" gebührend Tribut zollte: Jackson sei "einer der größten Künstler gewesen, die die Welt je gesehen hat". Ihre Zuhörer klatschten begeisterten Beifall - während draußen in der Stadt nach dem Ende der Hitzewelle der Vorwoche eher wieder nüchterne Urteile zu Jackson zu hören waren.

Peter Nonnenmacher

Frankreich – geblendet vom Glanz des Superstars

Von Berufs wegen sind sie zu kritischer Distanz verpflichtet. Aber so sehr sich Frankreichs Intellektuelle auch bemühen, einen Schritt zurückzutreten: der Glanz des Superstars blendet noch immer. Jedenfalls ist viel Gefühl dabei, wenn Frankreichs Vordenker antreten, Michael Jackson die letzte Ehre zu erweisen.

Francois de Singly, Soziologe an der Pariser Descartes-Universität, geht gar so weit, den französischen Nationalhelden Johnny Hallyday auf dem Altar des Amerikaners zu opfern. „Michael Jackson gibt den Menschen das Gefühl, einer globalen Kultur anzugehören, Weltenbürger zu sein“, meint Singly. Johnny Halliday sei dagegen ein Lokaltalent, in gewisser Hinsicht altmodisch.

Sichtlich bewegt vom Tod des Popidols wagt sich auch Francois Bon aus der Deckung. Der Schriftsteller verweist auf die Antike, auf die skythischen Könige, die einst mit den geweihten Körpern ihrer Diener begraben wurden, und regt an, Michael Jackson dieselbe Ehre zuteil werden zu lassen. Diejenigen, die den Star auf dem Weg der Selbstzerstörung begleitet hätten, sollten ihm geopfert werden, schlägt Bon vor: „Produzenten, Agenten, Anwälte, Chauffeure, Wächter".

Axel Veiel

Der einzige westliche Künstler, den alle in der arabischen Welt kannten

Seine Popularität reicht über seinen Tod hinaus auch bis an die Ufer des Nils. „Wir werden heute Abend Michael Jackson in meinem Club Stiletto im Zentrum Kairos unseren Tribut zollen,“ sagt Mischa, der ägyptische Besitzer mehrerer Musikclubs in der ägyptischen Hauptstadt. Ein DJ wird seine Musik spielen, wir werden die "Thriller"-DVD zeigen und das Begräbnis live anschauen", kündigt er an. Nabil Fattah Duo Live und DJ Raymond „Tribute to the king“ heißt es in einer SMS, mit der in den letzten Stunden die Veranstaltung in Kairo die Runde machte.

Video: Auch in der arabischen Welt tanzten die Menschen zu Michael Jackson Musik

Er erwartet viele Gäste. "Michael ist nicht nur für mich eine Legende", erzählt Mischa. „Die arabischen Gesellschaften sind konservativ, und es gab eine Zeit, in der sich einige hier über das Privatleben und die äußerlichen Veränderungen Michael Jacksons gewundert haben, aber am Ende sahen auch alle hier den großartigen Musiker und Entertainer in ihm", sagt Mischa. Er habe jedenfalls in den letzten Wochen in Kairo niemanden getroffen, der negativ über Michael gesprochen habe.

„Ich habe während meiner Jugend, wie viele hier in Ägypten versucht, seine Tanzbewegungen und seine Musik zu imitieren,“ erinnert sich der ägyptische Jazz-Musiker Ahmad Harfusch. Selbst bei den Jüngeren war er bekannt. „In Kairo ist gerade die Musik der achtziger Jahre besonders populär. Es gab schon vor seinem Tod eine Menge Retro-Abende, in denen Michael Jacksons Musik gespielt wurde", führt er aus. „Das Begräbnis dieser Ikone ist für mich ein Fest", schließt er.

Video: Der "King of Pop" war für viele arabische Jugendliche ein großes Idol

Bleibt der kritische Unterton in einer Kolumne der ägyptischen Tageszeitung Al-Masri Al-Youm. „Er konnte seine Hautfarbe, den Winkel seiner Nase, seine Religion, seine Identitätskarte, seine Frau und Kinder wechseln. Nur eines", heißt es dort in typisch arabischem Fatalismus, „konnte selbst er nicht ändern – den Zeitpunkt seines Todes".

Die ägyptische Sängerin Schaimah Scharaf gab am Abend des Begräbnisses auf der Nilinsel Zamalek ein Konzert in Erinnerung an Michael Jackson. Zwischen den Proben hat sie am Telefon kurz Zeit. „Ich finde, dass seit seinem Tod zu viel über ihn geredet wurde, ich will nur seine Musik sprechen lassen,“ sagt sie. Sie wird eine verfremdete Version von „Human Nature“ und „Gone too Soon“ singen.

Michael Jackson, glaubt sie, ist der einzige westliche Künstler, den alle in der arabischen Welt kannten. „Sprich irgend jemanden auf der Straße in Kairo an, jemanden der eigentlich nur arabische Musik hört und erwähne den Namen Michael Jackson.“ Die Antwort, sagt sie, werde immer die gleiche sein: "Mein Gott. Michael Jackson ist tot.“

Karim El-Gawhary

Video: In Indien wurde Bollywood von Michael Jacksons "Thriller"-Video zu eine Parodie inspiriert

In China ist Michael Jackson das Symbol der Aufbruchsjahre

Westliche Popstars mögen sich schmeicheln, Weltstars zu sein. In China sind die meisten von ihnen aber so unbekannt wie die chinesischen Helden des Pop im Westen. Und wer hätte in Europa oder Amerika schon von F4 oder Wong Fei gehört? Ganz ähnlich ergeht es Amy Winehouse und Britney Spears im Reich der Mitte.

Einer der ganz wenigen westlichen Stars, die auch ein chinesisches Publikum zu Tränen rühren können, ist Michael Jackson. „Als ich noch Studentin war, da war ich total in ihn verliebt“, sagt Yang Shuo, eine 43-jährige Rechtsanwältin in Peking. „Michael Jackson, du bist unser Gott!“, überschlug sich gar ein Teilnehmer in einem Chat-Forum im Internet. „Als ich von deinem Tod hörte, mußte ich weinen, dabei bin ich über 40!“

Video: Ein chinesischer Schüler begeistert mit seiner Michael-Jackson-Interpretation seine Mitschüler

Es ist kein Zufall, dass die beiden Fans nicht mehr die jüngsten sind. Jacksons erfolgreichstes Album "Thriller" kam in dem Moment heraus, als die Chinesen nach den langen Jahren der Isolation in der Mao-Zeit fasziniert nach Westen schauten. Der Westen, das stand in der ersten Hälfte der Achtziger einige Jahre lang für alles Begehrenswerte, Moderne, Schicke, Angesagte. Chinesisches dagegen galt als abgeschmackt und passé, erst recht in der Popmusik, die in China damals noch kaum heimisch geworden war.

Video: Eine chinesische Tanzgruppe tritt zu Michael Jacksons Musik auf

Den Geist der wilden Achtziger bezeichnet man heute in China etwas spöttisch als das große „Westlerfieber.“ Es hörte ungefähr in dem Moment auf, als eine größere Zahl von Chinesen eigene Erfahrungen im Westen sammelte – und das verheißungsvolle Ausland dann doch nicht so toll fand. Das schmale Zeitfenster der Begeisterung für den goldenen Westen öffnete sich aber genau zum richtigen Zeitpunkt, um Jackson für die heute über 40-Jährigen zum Symbol ihrer Aufbruchsjahre zu machen. Die übrigen scheren sich wenig um ihn.

Justus Krüger

Für Afrika ist Michael Jackson ein einheimischer Prinz

In Afrika, der vermeintlichen spirituellen Heimat von Michael Jackson, ist sein Tod auf weniger Resonanz gestoßen als man vermuten würde. Schließlich hatte Jackson den schwarzen Kontinent bereits im Alter von 14 Jahren zum ersten Mal besucht – und zwar als Leadsinger der "Jackson Five". Als er damals in Senegal dem Flugzeug entstieg, sagte er: “Dies ist der Ort, woher ich stamme.”

Video: Ein kenianischer Männerchor singt "Heal the world"

Allerdings dauerte es danach noch einmal 20 Jahre, bis er im Rahmen einer Welttournee nach Afrika zurückkehrte. Mit Verwunderung registrierten damals nicht wenige afrikanische Beobachter, dass sich Jackson auf dem Trip immer wieder die Nase zuhielt, weil er offenbar den Gestank vielerorts nicht ertragen konnte. Ebenso verblüffte, dass Jackson einen Großteil seiner Zeit in Afrika in Hotelzimmern und seiner Limousine verbrachte – und sich nur ganz selten einmal unter Menschen mischte.

Für viele Afrikaner war diese Distanz zwar eine riesengroße Enttäuschung, doch tat es ihrer Begeisterung für den Popstar keinen Abbruch. Überall, wo er in Afrika hinkam, standen stets lange Schlangen von Fans, um einen Blick des berühmten Popstars zu erhaschen.

Nicht wenige Afrikaner kritisierten Jackson scheinbar ambivalente Haltung zu seiner eigenen Hautfarbe: “Er war kein stolzer schwarzer Amerikaner, sondern wollte weiß sein”, moniert etwa ein Kenianer auf der BBC-Africa-website in Anspielung auf Jackson Versuch, seine angeblich unter einer Pigmentstörung leidende Haut zu bleichen, um dadurch die weißen Flecken zu verdecken.

Ebenso unzweifelhaft ist, dass Jackson für viele Afrikaner eine Vorbildfunktion hatte: Lange vor Barack Obama oder Oprah Winfrey symbolisierte er wie kein anderer, dass auch ein talentierter Afro-Amerikaner in den USA erfolgreich und reich werden konnte. „Es gibt Momente im Leben, die uns zutiefst prägen“, schreibt der Kolumnist Fred Khumalo in der Johannesburger „Sunday Times“. „Manchmal sind wir uns dessen gar nicht bewusst bis uns jemand darauf hinweist – oder bis eine Ikone wie Michael Jackson stirbt.“

Kein Wunder, dass Afrika nun auch Anspruch auf Jacksons Leichnam erhebt – mit der Begründung, dass dieser eigentlich ein einheimischer Prinz sei. Für die Würdenträger des Dorfes Krindjabo an der Elfenbeinküste ist jedenfalls klar, dass er seine letzte Ruhestätte in der Hauptstadt des Sanwi-Königreichs im Südosten des westafrikanischen Küstenstaates haben müsse.

Jackson hatte die Region im Februar 1992 auf der Suche nach seinen afrikanischen Wurzeln besucht. „Sein Besuch dauerte etwa 30 Minuten. Unter dem Palaverbaum wurde er damals gekrönt und erhielt den Namen eines früheren Prinzen unseres Stammes“, erinnert sich ein alter Mann, der Reportern zum Beweis ein Erinnerungsfoto von der Zeremonie vorlegte. Jackson selbst habe damals gesagt, dass seine Vorfahren aus dem Königreich der Sanwi stammten. Seitdem betrachtet die ansässige Volksgruppe Jackson als ein „Kind des Dorfes".

Wolfgang Drechsler